Ein Schlauchboot mit Geflüchteten auf dem Mittelmeer, Symbolbild (Quelle: ROPI/Sea-Watch/Nick Jaussi)
Audio: Infaoradio | 02.09.2020 | Hans Ackermann | Bild: ROPI/Sea-Watch/Nick Jaussi

Theaterkritik | "Mittelmeer-Dialoge" - Vom lautlosen Tod

Jedes Jahr ertrinken Tausende Menschen beim Versuch, das Mittelmeer mit kleinen Booten zu überqueren. Das Stück "Mittelmeer-Dialoge" macht aus den Erfahrungen von Geflüchteten und Seenotrettern eindringliches Dokumentartheater. Von Hans Ackermann

"Ertrinken ist ein lautloser Tod", beschreibt der Seenotretter Joe den grausamen Moment. "Man schluckt Wasser, dann säuft man ab und erstickt." Vier Schauspielerinnen und Schauspieler stehen auf den Stufen im Innenhof des Silent Green Kulturquartiers in Berlin-Wedding, sie verkörpern zwei Retter und zwei Gerettete.

Eine davon ist Naomie (gespielt von Gina Marie Hudson). "Eines Abends wurden wir um 22 Uhr geweckt", sagt sie. "Uns wurde gesagt, dass wir in ein Lager geschickt werden. Wir wurden aber zum Strand gebracht. Das Boot war nicht stabil!" Naomie ist mit ihrer kleinen Tochter aus Kamerun geflüchtet. Das Kind hat die Flucht nicht überlebt, ist ertrunken, nachdem das Flüchtlingsboot gekentert war.

Interviews mit Geflüchteten als Textvorlagen

Auf diese Erzählung folgt Seenotretter Joe (Soheil Boroumand), der in beinahe nüchternen Worten die Situation auf den Booten schildert. Oft seien es alte, ehemalige Fischerboote aus Holz, bei denen man nicht unter Deck gehen sollte. "Die von oben machen oft die Luken zu, damit die Leute von unten nicht versuchen, hochzukommen. Weil das Schiff dann kentern könnte." Joe ist seit Jahren Seenotretter auf der "Sea-Watch", dem Schiff des gleichnamigen Rettungsvereins.

Für sein dokumentarisches Theaterstück hat der Autor Michael Ruf im Vorfeld Betroffene interviewt. Aus den Gesprächen entstanden auch die Monologe für die Figuren Selma und Yassin, die von Meri Koivisto und Aydin Isik verkörpert werden. Nach den schnell geschnittenen Monologen zu Beginn führen diese beiden dann einen längeren Dialog. Denn Yassin hatte einst aus seinem Boot vor der libyschen Küste bei Alarmphone angerufen, eine Notruf-Initiative, bei der Selma an diesem Tag Telefondienst hatte.

"Er war sehr ruhig, sehr souverän", erzählt Selma, fragt dann Yassin wieder, wie damals. "Was sind eure Koordinaten, könnt ihr weiterfahren, wie viele Personen seid ihr?" Yassin erinnert sich: "Sie hat erstmal nicht geglaubt, dass wir nur fünf Leute sind", wiederholt dann seine damalige Auskunft. "Wir haben gutes Benzin, einen guten Motor, ein gutes Boot."

Fluchtgründe und Selbstvorwürfe

Auf den Stufen im Innenhof des Silent Green wird auch thematisiert, was auf die Bootsüberfahrten folgte und die Geflüchteten in den Flüchtlingslagern erlebt haben. Im Livestream sind die Gesichter der Schauspielerinnen und Schauspieler dabei oft in eindringlichen Großaufnahmen zu sehen. Auch als die unterschiedlichen Beweggründe der Geflüchteten beschrieben werden.

Yassin, früher Ingenieur im libyschen Bengasi, wurde aus politischen Gründen verfolgt und brutal gefoltert. Naomie hat mit ihrer Flucht aus Kamerun ihre kleine Tochter vor der Gräueltat der Genitalverstümmelung schützen wollen. "Ich bin mit ihr weggerannt. Mein Ziel war es einen Ort zu finden, wo ich mit meiner Tochter leben konnte." Für die Retter wird aus der tödlichen Tragödie auf dem Wasser oft eine Tragödie des eigenen Versagens. Hätte man nicht sämtliche der 120 Passagiere des völlig überfüllten Bootes retten können - statt nur 80 von ihnen? Solche Selbstvorwürfe quälen Joe auf der "Sea-Watch".

Selma, die vom Notruftelefon aus die spanische oder marokkanische Küstenwache informiert, Koordinaten durchgibt, Bootsflüchtlinge beruhigt, steckt im selben Dilemma. "Das Gefühl, dass man vielleicht sieben Leute gerettet hat, ist nicht so groß wie das Gefühl, dass man mitverantwortlich gewesen ist am Tod eines Einzelnen."

Authentisches Dokumentartheater

Die vier Schauspielerinnen und Schauspieler tragen die authentischen Texte von Michael Ruf äußerst glaubwürdig vor. Besonders Gina Marie Hudson in der Rolle der Naomie. "Ich träume jede Nacht, wie ich im Wasser untergegangen bin, und das Kind verschwunden ist", sagt Naomie am Ende des Stücks.

Eine Frau, die auf dem Mittelmeer ihr Kind nicht retten kann. Ein Unrecht, dass man nach diesem eindringlichen Abend sofort beenden möchte - wenn man nur wüsste, wie.

Die "Mittelmeer-Monologe" des Theater-Netzwerkes Wort und Herzschlag in Zusammenarbeit mit dem Verein Sea-Watch sind am kommenden Wochenende noch zwei Mal im Silent Green zu sehen.

Beitrag von Hans Ackermann

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