Wagners Walküre an der Deutschen Oper (Quelle: Deutsche Oper/ Bernd Uhlig)
Audio: Inforadio | 28.09.2020 | Maria Ossowski | Bild: Deutsche Oper / Bernd Uhlig

Opernkritik | "Walküre" in der Deutschen Oper - Bildgewaltig und berührend gesungen

Unter hohem Aufwand, um die Corona-Auflagen einzuhalten, bringt die Deutsche Oper Wagners "Walküre" auf die Bühne. Maria Ossowski hatte Zweifel, ob das die Neuinszenierung von Stefan Herheim lohnt. Nach der Premiere am Sonntag ist das für sie kein Thema mehr.

Ein halbes Jahr ohne Vorstellungen ist für echte Musiktheater-Junkies deprimierend. Dann endlich: die erste große Premiere, Wagners Walküre an der Deutschen Oper - allerdings viereinhalb Stunden mit Maske, 770 Leute im Saal statt 1.800. Ist das erträglich, kann das funktionieren? Und nach dem legendären Tunnel-Ring von Götz Friedrich, der über ein Vierteljahrhundert Wagnerianer in Berlin erfreute, nun ein neuer mit dem norwegischen Starregisseur Stefan Herheim? Ja. Voll gelungen.

Welch ein Mut, welch eine Idee, welch eine Melancholie und welch ein Witz erfreut die ausgehungerten Opernfans. Mutig ist es, in Pandemie-Zeiten dieses Riesenwerk überhaupt zu planen, möglich nur mit täglichen Corona-Tests aller Künstlerinnen und Künstler, aller Sänger, aller Musikerinnen, aller Statisten. Ein Sponsor hat die Kosten übernommen. Die Abstriche vom Morgen gingen sofort ins Labor, nachmittags waren die Ergebnisse da. Ein enormer Aufwand, den die Oper seit dem 10. August trieb. Nur so können Siegmund und Sieglinde tatsächlich auf der Bühne knutschen und die Winterstürme mit Brandon Jovanovic dem Wonnemond weichen.

Wagners Walküre an der Deutschen Oper (Quelle: Deutsche Oper/ Bernd Uhlig)
| Bild: Deutsche Oper/ Bernd Uhlig

Flüchtlingsdramen und Zeitreisen

Stefan Herheims Walküre an der Deutschen Oper spielt im Fluchtraum der Dreißiger oder Vierziger Jahre. Die Handlung in einem Satz: Zwillingspaar liebt sich, der böse Hunding und Göttervater Wotan sind dagegen, Wotans Tochter Brünnhilde, die Walküre, hilft dem Paar und wird dafür in einen Feuerring verbannt.

Eigentlich fliehen alle ständig voreinander, Wotan vor seiner Frau Fricka, Siegmund und Sieglinde vor Hunding, die Walküre vor Wotan. Sie treffen sich im Zentrum der Bühne, im Fluchtpunkt Kunst, an einem Flügel. Aus dem können Wotan, Brünnhilde und Sieglinde entsteigen und in ihm verschwinden, aus ihm wächst die Weltesche, in ihm steckt das magische Schwert, an ihn setzen sich die Walküren und markieren ihren berühmten Marsch.

Eine halbrunde Wand aus alten Lederkoffern begrenzt die Bühne, Statisten als Flüchtlinge wandern mit ihnen umher, manchmal bricht die Mauer. Der Regisseur plant gern Zeitreisen, sein Parsifal in Bayreuth durchschritt mehr als hundert Jahre. Die Walküren hier sind zum Teil moderne Girlies im Zweite-Weltkrieg-Ambiente. Göttervater Wotan gibt einen etwas schmierigen, leicht abgehalfterten Loser, halb Mafiaboss im weißen Anzug, halb Pantoffelheld in Feinripp, John Lundgren in dieser Monsterpartie mit etwas angestrengtem Bariton, aber überzeugendem Spiel um Macht und Götter-Gewalt.

Wagners Walküre an der Deutschen Oper (Quelle: Deutsche Oper/ Bernd Uhlig)
| Bild: Deutsche Oper/ Bernd Uhlig

Applaus fürs Orchester, Buhrufe für die Regie

Unfassbar berührend und brillant singen und spielen die drei Frauen - Nina Stemme als Brünnhilde, Annika Schlicht als Fricka und vor allem Lise Davidsen als Sieglinde. Welch eine Kraft entwickelt die norwegische Sopranistin in den leisesten Liebes-Tönen, welch eine Power, wenn sie mit dem Zwillingsbruder und Geliebten flieht.

Herheim inszeniert immer bildgewaltig, aber ohne Effekthascherei. Der Witz zum Schluss erinnert ein bisschen an Barrie Koskies Meistersinger. Im Video auf dem Deckel des Flügels gebiert Sieglinde ihren Sohn Siegfried. Zwischen ihren Beinen kauert ein Gnom, nabelt den Säugling ab und nimmt ihn mit sich fort. Der Geburtshelfer ist Richard Wagner mit typischem Samtkäppi. Wagners Held heißt Siegfried, wie auch sein Sohn, die Schlusspointe ist gewagt, aber gewitzt.

Das Publikum feiert die Sänger und das Orchester unter Donald Runnicles, buht das Regieteam jedoch kräftig aus, was die Rezensentin ratlos zurück läßt.

Und die Masken während der gesamten Vorstellung? Wer meckert, ist voll ego. Es gebietet der Anstand, der Respekt vor den Künstler und Künstlerinnen, in diesen Zeiten kleine Unannehmlichkeiten klaglos zu ertragen. An einem so großen Abend allemal.

Beitrag von Maria Ossowski

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ach, ich weiß nicht... Noch immer Opernanfängerin, wurde ich vor zwei Jahren erst- und leider letztmals von der Magie des Friedrichschen Zeittunnels eingefangen. Vermutlich bin ich trotz des ausführlich beschreibenden Opernberichts von Maria Ossowski noch nicht zu einem neuen Ring bereit.

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