Annette Humpe im Jahr 2017 während eines Interviews (Quelle: Imago Images/IFC Films/Everett Colle)
Audio: Radioeins | 28.10.2020 | Interview mit Annette Humpe | Bild: Imago Images/IFC Films/Everett Colle

Annette Humpe wird 70 - "Mich unterdrückt man nicht so schnell, im Gegenteil"

In den Achtzigerjahren war Annette Humpe mit Hits wie "Blaue Augen", "Irre" oder "Berlin" das Gesicht der Neuen Deutschen Welle. Als eine der wenigen weiblichen Produzenten prägte sie die deutschsprachige Popmusik. Am Mittwoch wird die Wahlberlinerin 70.

rbb: Annette Humpe, ein großer Geburtstag, und dann ist Corona. Wie feierst du eigentlich?

Annette Humpe: Ganz bescheiden, nur mit der Familie: meine Schwester, ihr Mann, mein Sohn und ich. Gar nischt mache ich. Aber das fällt mir nicht so schwer, ich bin sowieso keine Partymaus und Feiermutti. Das ist nicht schlimm.

Du hast ja viele Jahrzehnte Popmusik aus nächster Nähe erlebt. Wie gefällt dir die deutsche Musiklandschaft heutzutage?

Die kenne ich nur bedingt. Ich muss wirklich sagen, dass mein Interesse ein bisschen nachgelassen hat und sich auf die Literatur gesetzt hat. Ich lese jetzt wahnsinnig viel. Als ich noch im Studio war, habe ich alles verfolgt, auch international, und immer gehört, wie klingt das Schlagzeug, was wird gesungen. Aber Popmusik ist auch wahnsinnig viel Rap, das interessiert mich nicht mehr so wie früher.

Die meisten von uns wissen gar nicht genau, was eine Produzentin macht. Meine Vorstellung ist, dass du mit Künstlerinnen und Künstlern ins Studio gehst und ihnen sagst, was sie machen sollen. Ist das richtig beschrieben?

Es ist so wie Regie beim Film, es ist mehr als ins Studio zu gehen. Ich wähle mit dem Künstler zusammen das Material aus, wie bei Rio [gemeint ist der 1996 verstorbene Sänger Rio Reiser, Anm.d.Red.], oder ich schreibe es gemeinsam mit ihm. Und dann mache ich Vorschläge, in welchem Stil welches Lied arrangiert werden soll.

Produzentinnen sind weiterhin eher selten. Es gibt deutlich mehr männliche als weibliche Produzenten. Warst du ein Exot? Und es ist inzwischen normal oder müssen sich Frauen in dem Business immer noch Sprüche anhören?

Also, das weiß ich nicht. Ich musste mir keine Sprüche anhören, dafür bin ich auch gar nicht der Typ. Mich unterdrückt man nicht so schnell, im Gegenteil. Ich glaube, ich habe mehr unterdrückt, als ich unterdrückt wurde in meinem Leben. Verantwortung übernehmen, Visionen entwickeln, das können Frauen genauso gut als Männer

"Ich steh auf Berlin"

An welche Zusammenarbeit mit welchem Künstler oder welcher Künstlerin erinnerst du dich besonders gern?

An Rio erinnere ich mich wahnsinnig gerne, und er fehlt mir auch. Die Prinzen haben auch Spaß gemacht. Da war gerade die Mauer gefallen, ich durfte sofort mit Ossis arbeiten, und wir haben viel gelacht, weil die Sprache oft unterschiedlich war, und wir uns fremd waren. Ich fand das wahnsinnig interessant. Ich kann mich nicht beklagen. Ich habe immer nur mit Leuten gearbeitet, die mich interessiert haben, und die ich mochte. Sonst geht es doch gar nicht.

Es gibt viel schöne Musik, die dank dir entstanden ist, durch dich entstanden ist. Was hörst du noch besonders gerne? Oder gibt es einen Titel, den du nicht mehr so richtig hören kannst?

Nö, das ist ja ein bisschen wie mit Kindern, als würde man sagen, dieses Kind ist ein bisschen entartet, das will ich nicht mehr sehen. Ich stehe zu jedem Stück, manche sind besser gelungen und manche nicht so gut. Aber ich hab keine Lieblingslieder. "Blaue Augen" ist natürlich ein wirklich wichtiges Stück in meinem Leben, das war mein erstes Liebeslied.

Ein Tag wie heute ist einerseits Rückschau, andererseits Ausblick. Welche nächsten großen Projekte planst du?

Ich schreibe noch für Max Raabe. Ich hatte versucht, irgendwie so eine ältere Stimme wie Johnny Cash oder Leonhard Cohen zu finden. Aber ich habe keinen gefunden. Deswegen lese ich lieber in der Zeit, wo ich sonst gearbeitet hätten. Das neue Buch von Murakami zum Beispiel – wahnsinnig spannend.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Annette Humpe sprachen Marco Seiffert und Tom Böttcher, Radioeins. Dieser Artikel ist eine redigierte Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherfoto des Artikels nachhören.

 

3 Kommentare

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  1. 3.

    Super Stimme !!!! Meine Gratulation !

  2. 2.

    GlLÜCKWUNSCH---immer wieer hörenswert- auch mit meinen 83

  3. 1.

    Klasse Musik und eine tolle Frau. Glückwunsch zum 70er.

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