Fotograf und Tuersteher des Clubs Berghain Sven Marquardt posiert nach einem Presserundgang vor der Eroeffnung seiner Ausstellung Stageless im Friedrichstadt Palast in Berlin am 1. Oktober 2020 (Bild: imago images/Emmanuele contini)
Video: Abendschau | 02.10.2020 | C. Titze | Bild: imago images/Emmanuele Contini

Neue Ausstellung - Berghain-Türsteher Sven Marquardt zeigt Porträts im Friedrichstadt-Palast

Es tut sich was im Corona-bedingt stillgelegten Berliner Friedrichstadt-Palast: Ab Freitag ist im Foyer eine kostenlose Fotoausstellung von Sven Marquardt zu sehen. Der berühmteste Türsteher Berlins zeigt 70 intensive Porträts. Von Magdalena Bienert

Da steht er. Roter Rollkragenpulli unter schwarzem lässigen Jackett zu passender Hose, alles von einem ziemlich angesagten Avantgarde-Label aus Paris, das tätowierte Gesicht ziert eine große Gucci-Sonnenbrille, die grau-melierten Haare trägt er hinten zum Zopf. Sven Marquardt sieht aus wie Karl Lagerfelds abtrünniger Bruder. So manche sind schon an ihm gescheitert, beim Versuch ins Berghain zu kommen, wo er vor Corona ab und zu noch die Tür bewachte – wenn die Kunst ihn ließ. Denn bevor er Türsteher vom Ostgut und später vom Berghain wurde, war Sven Marquardt vor allem als Fotograf unterwegs - und ist es weiterhin.

Ein Foto aus Sven Marquardts Austellung "Stageless" im Friedrichstadtpalast (Bild: rbb/Bienert)
Die Fotos sind an Baugerüsten angebracht. | Bild: rbb/Bienert

Beginnt der 58-Jährige zu sprechen, verschwindet die vermeintlich unterkühlte Berghain-Persönlichkeit sofort hinter einer weichen Stimme mit verletzbarer Künstlerseele. Auf die Frage, wie er die Corona-Krise erlebt, antwortet er: "Mir ging es nicht gut in der Lockdown-Zeit. Es war für mich eine komplette Vollbremsung. Ich bin vorher zwei Drittel des Jahres durch die Welt gereist, an die unterschiedlichsten Orte im Clubkontext, und habe tolle Jahre erlebt. Und auf einmal sitzt man da. Alle Clubtüren sind geschlossen und auch das Haus, das meine Grundlage, die Basis war. Das war ein sehr persönlicher Moment, den ich mit Ende 50 bestimmt auch anders betrachte als mit Anfang 30."

Aus einer vagen Idee wird eine Ausstellung

Da kam der Anruf von Bernd Schmidt, dem Intendanten des Friedrichstadt-Palasts, im April genau richtig. Jetzt sei die perfekte Zeit, um mit den Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Oktober 2019 hatte Sven Marquardt 500 Fotos von 26 Tänzer*innen des Friedrichstadt-Palast-Ensembles gemacht. Erstmal als freie Arbeit, vielleicht mache man mal ein schickes Coffetable-Buch daraus für die Förderer des Palastes, so die vage Idee. Dass nun fast 70 Bilder unter dem vielsagenden Titel "Stageless", also bühnenlos, im Foyer zu sehen sind, war so überhaupt nicht geplant. Jetzt ist das Projekt für den Fotografen ein Signal für die Kulturszene weiterzumachen, es stehe für "Perspektive und ist eine Hommage an die Tänzer und das Haus". Eine Tänzerin erzählt, Corona sei "wie kalter Entzug".

Mehrere Fotos aus Sven Marquardts Austellung "Stageless" im Friedrichstadtpalast (Bild: rbb/Bienert)Marquardt hat die Tänzerinnen und Tänzer in einem Industriefahrstuhl im Friedrichstadt-Palast abgelichtet

Analog und schwarz-weiß

Marquardt hat analog und nur mit Tageslicht gearbeitet, alle Bilder der 26 Porträtierten sind in einem Industriefahrstuhl des Friedrichstadt-Palastes entstanden. Suggeriert werden Aufnahmen direkt nach einem Auftritt, zwischen Bühnenfigur und Privatperson. Tatsächlich, so erzählt Marquardt, sei aber morgens geshootet worden, vor oder nach einer Probe.

Auf 1,80 mal 1,20 Meter großen Bauplanen zeigen die intensiven grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotos, gespickt mit wenigen in Farbe, die schönen Ensemblemitglieder mal mit Requisiten, mal ohne, mal still und mal in Pose, fast immer aber mit eindringlichem Blick in die Kamera und auf die Betrachter*innen.

Die Produktion des Shootings hat Klaus Stockhausen, Fashion Director des "Zeit-Magazins", übernommen. Er hat den Tänzerinnen und Tänzern Requisiten aus der aktuellen Show "Vivid" angezogen, dazu aber keine vollständigen Kostüme. Der Übergang von glamourösen Show-Acts hin zu erschöpften Wesen nach oder vor langen Arbeitstagen ist gelungen.

C/O Berlin meets Foyer-Teppich

Die Ausstellung ist zusammen mit dem Ausstellungshaus C/O Berlin entstanden. Kurator Felix Hoffmann hat mit Sven Marquardt schon für die vorige Ausstellung dort, "no photos on the dancefloor" zusammengearbeitet. Für Hoffmann von C/O Berlin sind die Aufnahmen aus dem vergangenen Jahr heute wie eine Vorausahnung. Gemeinsam mit Marquardt hat er aus 500 Fotos 68 herausgesucht und das altbackende Foyer mit seinem grauen Teppichboden und den vielen Garderoben zu einer roughen Ausstellungsfläche gemacht.

Weil nirgends Hängeflächen vorhanden waren, hat er sich für Baugerüste entschieden, was perfekt zu den eindringlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf der Bauplane passt und gleichzeitig natürlich auch zu Marquardts Wirkungsstätte.

Dass die Ausstellung kostenlos zu besichtigen ist, scheint Felix Hoffmann eine Herzensangelegenheit, wie er erklärt: "Es ist eine Geste, mit der wir der Stadt etwas zurückgeben wollen. Corona hat uns so viel Energie und Kraft gekostet und wir wollen jetzt sagen: Hey, es gibt uns noch, es gibt wieder Leben, Zukunft und Zuversicht!"

Sendung: Abendschau, 02.10.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

1 Kommentar

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  1. 1.

    Super Idee - toller Fotograf! Bilder, die mit Dir sprechen, leise, laut, nachdrücklich oder zurückhaltend.
    Ausstellung in Beelitz Heilstätten als Tipp für nächstens :-)

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