Schauspielerin Orit Nahmias während der Fotoprobe zum Stück "Death Positive - States of Emergency" am Berliner Gorki-Theater (Quelle: Geisler-Fotopress/Christian Behring)
Bild: Geisler-Fotopress/Christian Behring

Theaterkritik | "Death Positive" am Gorki-Theater - Endzeit-Fragen zwischen Plüschkatzen und Corona-Toten

"Death Positive" ist das erste Theaterstück auf Berliner Bühnen, dass sich gezielt mit der Covid-Pandemie auseinandersetzt. Die Inszenierung von Yael Ronan im Gorki wagt sich auch mit Selbstironie an Fragen von Leben und Tod. Von Ute Büsing

Bonbonfarbene Plüschkatzen belagern eine weiße Freitreppe, hocken auf Klopapierstapeln. Sie sind die einzigen Farbtupfer in einem sonst aseptisch weißen Ambiente. Sie können sogar miauen und sich rollen. Das passiert, als der Spieler Niels Bormann ihre Pfötchen desinfiziert, sie umarmt, zärtlich auf sie einredet. Das Haustier als einziges Wesen, dem Menschen derzeit auf die Pelle rücken dürfen?!

Magda Willi hat wie gewohnt eine sprechende Bühne geschaffen. Wenn Yael Ronen und ihr sechsköpfiges Ensemble jetzt im Berliner Gorki-Theater zu Ausnahmezustands-Beschreibungen ausholen, wird nichts unversucht gelassen, mit gebotener Komik ein klinisch reines Abstandsregiment durchzusetzen. Eines, wie es zum Beispiel in den Anweisungen des Kultursenats gefordert wird. Dafür steht Bormann mit seinem autoritären überzogenen Hygienefimmel. Er verordnet Monologe, statt Dialoge, Konfliktvermeidung, denn dabei entstehen Aerosole.

Was kann derzeit überhaupt noch im Theater gespielt werden?

Vertraute Spieler-Typen, die das Ronen-Publikum über die Jahre kennen- und schätzen gelernt hat, bedienen bei der Aufführung am Freitagabend den Corona-Reigen. Niels Bormann und Orit Nahmias sind meist die mit dem ausgeprägten Egotrip, unbeirrbare Rampensäue, die sich mit ihrem Selbstdarstellungs- und Spieltrieb über die anderen stellen.

Also sperrt er sich senatsweisungsgemäß seine "Szenenfläche" ab und pfeift Mitspieler ohne Mund-Nasen-Schutz zurück. Notfalls meldet sich ohnehin überlaut und rotblinkend eine Alarmanlage - ausgerechnet als Orit Nahmias loslegen will und sich endlich mal - statt den eigenen Sinnfragen - dem Publikums öffnen will. Aber die Überschreitung der weißen Freitreppe zum Publikum hin ist nicht zugelassen.

Alle Spieler sind in futuristische weiße Schutzanzüge verpackt und treten meist nur einzeln und vorsichtig vor. Große Frage: Was kann so überhaupt noch gespielt werden und für wen? In kuscheliger kleiner Runde könnte man sich doch jetzt mal so richtig gehen lassen, die Spieler-Natur und die Publikumszurückhaltung ablegen, suggeriert Niels Bormann.

Verschwörungsmythen aus dem Zeltkostüm

"Death Positive" ist die erste explizite Auseinandersetzung mit dem Coronavirus und der Covid-19-Pandemie auf einer Berliner Bühne. Lange erwartet, vielleicht auch ein bisschen befürchtet. In verschiedenen Stationen werden Erkrankung, Sterben und Tod, generiert aus persönlichen Erlebnissen des Ensembles, durchgespielt. In nur 70 Minuten entsteht aus den multiplen Befunden durchaus große Dichte.

Während im Hintergrund eine große weiße Virus-Skulptur lauert und der Sound von Beatmungsgeräten zu hören ist, hockt Lea Draeger vorne isoliert in einer Plastikzelle. Aysima Ergün fährt mit einem Ganzkörperzelt auf und empfiehlt die Fachausrüstung für den letzten selbstbestimmten Trip in die Berge. Sie verkörpert hier tiefsitzendes Misstrauen gegen die offizielle Pandemie-Strategie und Verschwörungsmythen, wie sie von Linken und Rechten verbreitet werden.

Projektionen von Eingeweiden und Skeletten

Manches bringt einen zum Schmunzeln. Tief berührend - allerdings in der nachgerade ausgestellten Privatheit auch ein Markenzeichen von Ronen-Theater - ist Knut Bergers Bericht über den Krebstod beider Eltern kurz nacheinander und Orit Nahmias Nacherzählung des natürlichen Sterbens ihres alten Vaters. Vom "Loslassen" können und wollen ist zunehmend die Rede, vom Umgang auch der Jüngsten, wie des erst 25-Jährigen Tim Freudensprung, mit dem drohenden Zusammenbruch der Zivilisation. Sind wir am "Point of No Return"? Waren wir das dunkle Zeitalter oder einfach das des Plastiks?!

Der lockere selbstironische und, ja auch, selbstreferentielle Reigen schafft - unterstützt durch minimalistische Schwarzweiß-Projektionen von Eingeweiden und Skeletten (Zeichnungen von Lea Draeger, Video von Stefano di Buduo) und dem suggestiven Sound (Musik von Yaniv Fridel und Ofer Shabi) - Assoziationsräume für Endzeit-Fragen. Und an denen wächst der kleine Abend dann zu dem, was Corona-Theaterkunst gerade kann.

Beitrag von Ute Büsing

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