Efraim ist 86 Jahre und der ewige Junggeselle. Für Frauen schwärmt er bis heute. (Quelle: ©Lonamedia)
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Interview | Film: "Eine einsame Stadt" - Die einsame Seite von Berlin

Berlin gilt als Partymetropole, an jeder Ecke gibt es Leben und Trubel. Doch die Stadt hat für einsame Menschen ein ganz anderes Gesicht. Regisseurin Nicola Graef hat über diese Menschen einen Film gemacht.

Es gibt viele Gründe, warum Menschen einsam sind: nach einer Trennung, wenn der Partner oder die Partnerin im Alter stirbt, durch Krankheit oder ganz andere Umstände. Einsamkeit sieht man den Menschen meist nicht an, zumindest nicht auf den ersten Blick.

Die Berliner Regisseurin Nicola Graef hat sich die Zeit für weit mehr als den ersten Blick genommen und in Berlin Menschen aufgesucht, die allein und einsam sind. 90 Minuten widmet sie in "Eine einsame Stadt" den Geschichten dieser Menschen, die sonst im Trubel der Großstadt oft untergehen.

rbb|24: Frau Graef, die Menschen in Ihrem Film wirken auf den ersten Blick oft nicht unbedingt allein. Sie sind erfolgreich im Job, haben eine Familie oder sind viel unterwegs in der Stadt. Was macht Einsamkeit aus?

Nicola Graef:
Einsamkeit ist ein Thema, das sehr viele Menschen betrifft. Nicht nur alte Menschen, die einsam in ihrer Wohnung sitzen, sondern Menschen mit jedem Hintergrund. Im Film kommt zum Beispiel der Gewichtheber Micha vor, der sich vollkommen losgelöst fühlt von gesellschaftlicher Teilhabe. Er hat Lebenspartnerinnen verloren und ist körperlich gebrechlicher geworden. Er dachte, dass er sich so mit keinem Menschen mehr verbinden kann. Dann gibt es Einsamkeit wie bei der jungen Tessa. Sie steckt in einer Lebensphase fest, verbunden mit starker Depression, wo sie einfach nicht mehr weiterkommt.

Ich habe in der Recherche viele Menschen getroffen, die vier Tage im Berghain abfeiern, aber dann sitzen sie in ihrer Bude und haben niemanden, mit dem sie sich austauschen können oder der sie mal in den Arm nimmt. Da ist ein starkes Thema hier in Berlin. Leute kommen hier her und denken, hier geht’s ab. Dann merken sie, dass man sich wegen der Größe der Stadt nie zufällig begegnet. Kurze Begegnungen sind unheimlich vielversprechend, fallen dann aber wieder in sich zusammen. Das macht was mit dir. Von daher hat Einsamkeit viel mit der Lebenserfahrung oder der Lebenssituation zu tun und wird ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Nicola Graef; Foto: © Privat
Regisseurin Nicola Graef | Bild: Privat

Das klingt nach einem typischen Problem in Großstädten. Warum haben Sie Berlin als Drehort gewählt?

Ich wohne schon recht lange in Berlin und bin sehr aktiv in der Kultur- und Kunstszene. Daher lag es mir nahe, einen Film über die Stadt zu machen, die ich am besten kenne. Berlin hat so eine Außenwirkung: die verrückte Stadt, wo man viel erleben kann. Gleichzeitig hat Berlin, wie alle Großstädte, mit Depression, Einsamkeit und Anonymität zu kämpfen. Ich habe mich gefragt, warum diese Seite der Stadt so wenig gezeigt wird. Letztendlich porträtiert der Film zwar Berlin, aber könnte auch in Tokio oder London spielen. Wenn man sich die Berichterstattung über andere Metropolen anschaut, dann ist es eins zu eins das gleiche. Deshalb sieht man auch nicht so viele Bilder von Berlin, sondern ich konzentriere mich mehr auf die Menschen.

Welche Wege finden die Menschen in dem Film, um mit dem Alleinsein besser umzugehen oder aus der Einsamkeit wieder rauszukommen?

Der Moment, in dem ich spüre, dass das Alleinsein zur Einsamkeit wird, ist ein entscheidender Punkt. Alleinsein kann konstruktiv sein: der Maler in seinem Atelier, die Frau, die zuhause Computer spielt. Yoga machen oder ein Buch lesen. Eine große Gefahr ist aber der Moment, wo ich in die Einsamkeit rutsche und mich abgekoppelt und nicht wahrgenommen von der Außenwelt fühle. Von daher kann ich immer nur dafür plädieren: Finde etwas, wo du dich in die Außenwelt setzen kannst. Das kann zum Beispiel ein Hobby sein. Im Film merkt Tessa, dass sie wahrscheinlich an ihrer Lebenssituation etwas ändern muss. Es spricht für ihren Mut, dass sie nochmal ein Studium anfängt und dort mit anderen Menschen in Kontakt kommt, die ähnliche Interessen haben. Innerhalb von einem halben Jahr konnte sie sich aus der Depression herausbewegen und hat eine Clique gefunden, das hat ihr Selbstbewusstsein gegeben. Es war mir wichtig zu zeigen, dass Veränderung in jeder Situation möglich ist, auch wenn man ganz verzweifelt ist.

Nun stecken wir gerade in einer Pandemie, wo wir Kontakte reduzieren sollen und viele Begegnungsmöglichkeiten wegbrechen. Der Film ist dadurch nochmal zusätzlich aktuell geworden.

Der Film ist kurz vor dem ersten Lockdown fertig geworden. Wir dachten: Das kann doch gar nicht wahr sein, wir machen einen Film über Einsamkeit und dann kommt der Lockdown. Das halbe Jahr Corona hat uns gezeigt, dass die Situation was mit uns macht. Selbst wenn ich einen Freundeskreis, einen Job und Familie habe, macht die Pandemie etwas mit Menschen. Es ist eben nicht das selbstgewählte Alleinsein, sondern eine aufgezwungene Form, die ich mir nicht ausgesucht habe. Das ist eine echt krasse Situation.

Menschen sitzen einzeln auf Steinquadern (Quelle: Lonamedia)

Was für Möglichkeiten gibt es zurzeit trotzdem, um gegen die Einsamkeit zu kämpfen?

Wir haben in der Recherche ein Experiment gemacht. Geh mal durch die Straße und guck' den Leuten einfach ins Gesicht. Es ist unglaublich, was das auslöst. Damit geht es schon mal los, überhaupt Kontakt aufzunehmen.

Jeder kann aktiv etwas ändern und bei sich selbst anfangen. Wann habe ich das letzte Mal jemanden gefragt, wie es ihm geht? Wann ein Kompliment gemacht oder mal beim Nachbar geklingelt, der nicht aus seiner Wohnung rauskommt? Wann war ich mal nett zu jemandem und habe nicht nur über meine eigene Befindlichkeit gesprochen? Es reicht manchmal, sich einfach nur hinzusetzen und mit jemanden zu sprechen. Die Menschen fühlen sich dann wahrgenommen. Daran können wir alle arbeiten.

4 Kommentare

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  1. 4.

    Vielleicht möchten Menschen sich ihre sozialen Kontakte aussuchen und nicht mit jedem ungefragt kommunizieren (müssen). Oder gerne auch einfach mal ihre Ruhe haben. Ich sehe da eigentlich kein Problem. Problematisch finde ich eher die mangelnde Rücksichtnahme und fehlenden Respekt im Alltag, sei es auf der Straße, im ÖPNV, im Supermarkt, oder aber auch im Treppenhaus. Überall zählt nur noch das Ego und jede/r drängelt sich so durchs Leben, Zivilcourage in offensichtlichen Notsituationen ist eher selten. Aber Hauptsache man kann sich dann ein gutes Gewissen verschaffen, wenn man die einsame Frau auf der Parkbank mit Lebensweisheiten behelligt oder den Nachbarn aus dem Bett klingelt. ;-)

  2. 3.

    ...womit das Problem in einem einzigen Wort umrissen wäre: "übergriffig" ist ja heute bereits jegliche versuchte Interaktion mit Mitmenschen, die über ein gegrunztes 'Hallo' hinausgeht. Während Alexa, Siri und andere große Geschwister selbst intimste Details der Menschen kennen und permanent gewinnträchtig ausnutzen, ist der Nachbar ab dem 10. Wort im Treppenhaus ein Stalker und die Frau auf dem Bahnsteig ab dem 11. Wort bestenfalls wunderlich... Schöne neue Welt.

  3. 2.

    "Geh mal durch die Straße und guck' den Leuten einfach ins Gesicht. (...)
    Wann habe ich das letzte Mal jemanden gefragt, wie es ihm geht? Wann ein Kompliment gemacht oder mal beim Nachbar geklingelt, der nicht aus seiner Wohnung rauskommt?"

    Ich wäre vorsichtig mit solchen Ratschlägen.
    Nicht alle Menschen sind gleich. Und manche mögen so etwas ganz und gar nicht, wenn sie von fremden Leuten angestarrt oder einfach so angesprochen werden...
    Nicht jeder, der einsam aussieht, ist es auch, und nicht jeder, der tatsächlich einsam ist, sucht unbedingt Kontakt, jedenfalls nicht auf diese übergriffige Art und Weise.
    Nett sein, andere Menschen wahrnehmen... da würde es häufig schon reichen, wenn sich die Leute im Alltag rücksichtsvoller verhalten würden, egal ob allgemein im öffentlichen Raum oder als Nachbarn im selben Haus.

  4. 1.

    Der Mann auf dem Foto ganz oben verbringt seit Jahrzehnten täglich viel Zeit im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Für mich gehört er quasi zum Inventar. Wenn das Literaturhaus wegen eines neuen Lockdowns dicht machen müsste, hätte er noch nicht mal mehr den Kontakt mit den Kellner*Innen. Traurig.

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