Erik Leuthaeuser am 17. Januar in der Bar jeder Vernunft. (Quelle: B. Braun/MuTphoto)
Audio: Inforadio | 06.10.2020 | Lennart Garbes | Bild: B. Braun/MuTphoto

Konzertkritik | Erik Leuthäuser in der "Bar jeder Vernunft" - Softe Melodien und harte Geschichten

Mit gerade mal 24 Jahren gilt Erik Leuthäuser schon als Erneuerer seines Genres. Für seinen Jazz-Gesang hat der Wahlberliner mehrfach internationale Preise gewonnen. Am Montag präsentierte Leuthäuser neue, sehr persönliche Lieder in der "Bar jeder Vernunft". Von Lennart Garbes

 

Für einen besonderen Abend bringt Erik Leuthäuser eigentlich fast alles selber mit: Da ist seine sanfte, klare, technisch perfekte Gesangsstimme, die einen sofort in ihren Bann zieht und die augenblicklich in die wundersam melancholische Welt von Leuthäusers Chanson- und Pop-Album "Wünschen" entführt, um das der erste Teil seines Programms in der "Bar jeder Vernunft" gestrickt ist.

Ebenso bemerkenswert ist Erik Leuthäusers wunderbar unangepasstes Bühnenoutfit. Schwarze Anzüge haben ihm nach eigener Aussage nie gestanden. Stattdessen trägt der preisgekrönte Jazz-Sänger einen ärmellosen Jumpsuit, diesmal mit grün-beigem Muster, der seine Tätowierungen auf Armen und Nacken präsentiert, dazu bunter Nagellack, eine runde Brille und weiße Turnschuhe.

Erik Leuthaeuser am 17. Januar in der Bar jeder Vernunft. (Quelle: B. Braun/MuTphoto)
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Das alles kombiniert Erik Leuthäuser mit einer an Schüchternheit grenzenden Zurückhaltung, mit der der Berliner Sänger durch sein Programm führt. Nach "Ich hab gehört, man schwebt im toten Meer" und "Kannst du mein Känguru sein" folgt der erste Gast: Der Berliner Chanson-Sänger Atrin Madani singt Lieder von Hildegard Knef und Manfred Krug.

Etwas später kommt noch Jazz-Sängerin Lisa Bassenge dazu, die auch regelmäßig selbst in der "Bar jeder Vernunft" auftritt. Für das kleine Finale vor der Pause singen Leuthäuser, Bassenge und Madani dann zusammen Bassenges Anti-Liebeshymne "Van Gogh" ("Wär ich Van Gogh, wärst du das Ohr…").

Das Faszinierendste an diesem Abend sind aber weder Erik Leuthäusers perfekter Gesang, sein schickes Outfit, noch seine musikalischen Gäste - es ist der Gegensatz zwischen dem sanften Mix aus experimentellem Pop, Chanson und Jazz, und Leuthäusers entwaffnender Offenheit über die Geschichten hinter seinen Liedern.

Im zweiten Teil seines Programms präsentiert Leuthäuser neue Lieder über Crystal Meth, Chemsex und Drogenentzug - entstanden während der Zeit der Corona-Pandemie, über die Drogensucht des Sängers und seinen Umgang damit.

Für die Aufarbeitung dieser Zeit lässt Leuthäuser seine musikalische Sanftheit hart auf Themen wie Kontrollverslust und Panikattacken prallen. Über Sucht und Sex sangen zwar auch schon Leuthäusers große Jazz-Vorbilder. Trotzdem fühlt sich seine queere Perspektive aus dem heutigen Berlin wie eine Erneuerung an - auch wenn vieles dem Klischee des Mitzwanzigers in Berlin entspricht.

Zwischen die düsteren Themen mischen sich auch immer wieder hoffnungsvolle Stücke, etwa über eine Person, die beim Entzug geholfen hat. Inwieweit die Entstehungsgeschichten den Liedern noch zusätzlich Tiefe geben, ist bei der beeindruckenden persönlichen Offenheit von Erik Leuthäuser am Ende kaum noch objektiv zu entknoten.

Zum Schluss des Konzerts verkündet Leuthäuser zum Applaus des Publikums, dass er seit einem Monat keine Drogen mehr genommen hat. Als Zugabe singt er: "Don’t be ashamed, everybody got scars."

Sendung: Inforadio, 06.10.2020, 06:55 Uhr

Beitrag von Lennart Garbes

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ein großartiger junger Musiker und Sänger, der viel zu sagen hat und kreativ die Genres zu ganz neuen Stilen vereint!

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