Konzert von Sophie Hunger am 01.11.2020 in der Volksbuehne Berlin. (Quelle: imago images/R. Owsnitzki)
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Audio: Inforadio | 02.11.2020 | S. Brauer | Bild: imago images/R. Owsnitzki

Konzertkritik | Sophie Hunger in der Volksbühne - Wenn das Publikum zum Erlöser wird

Die Musikerin Sophie Hunger, einer der wenigen Superstars aus der Schweiz, hat am letzten Abend vor dem "Lockdown Light" in der Berliner Volksbühne gespielt. Live - gleich zwei Mal hintereinander. Für Simon Brauer war es ein Abend voller Halluzinationen.

Ganz leise fängt es an, das Konzert von Sophie Hunger. Allein mit ihrer Akustikgitarre steht die Schweizerin am Sonntag auf der Bühne der ausverkauften Volksbühne - was in Corona-Zeiten bedeutet, dass nur knapp 200 Gäste großzügig verteilt im Zuschauerraum sitzen. Vor zwei Monaten hat die Sängerin und Musikerin ihr neues Album namens "Halluzinationen" veröffentlicht, jetzt kann sie es endlich ihren Berliner Fans live vorstellen. "Ich habe nicht mehr gedacht, dass es geht", sagt die 37-Jährige. "Aber wir haben heute eine Chance, das Album zu spielen, an dem wir so lange gearbeitet haben."

Konzert von Sophie Hunger am 01.11.2020 in der Volksbuehne Berlin. (Quelle: imago images/R. Owsnitzki)
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Von den Abbey-Road-Studios an die Volksbühne

Aufgenommen hat Sophie Hunger ihr neues Album in den legendären Abbey-Road-Studios in London: komplett live eingespielt, alle zehn Songs am Stück hintereinander weg. Und genau so macht sie es auch in der Volksbühne - allerdings nicht mit sechsköpfiger Band, sondern nur begleitet von einem Schlagzeuger und einem Pianisten. Aber dieses Trio spielt so virtuos, so kraftvoll und emotional, dass in keinem Moment der Eindruck entsteht, es könnte auch nur irgendetwas fehlen.

Das Publikum lauscht gebannt und konzentriert. So konzentriert, dass es hin und wieder ganz vergisst, zwischen den Songs zu klatschen. Beziehungsweise sich nicht traut, weil die Stücke nahtlos ineinander übergehen. Erst nach knapp 40 Minuten "Halluzinationen live" löst sich die Anspannung; Sophie Hunger und ihre Mitmusiker lassen sich feiern für dieses außergewöhnliche Konzert, aber auch für die außergewöhnliche Tatsache, dass es das letzte Konzert für mindestens vier Wochen sein wird.

"Nicht einfach zu lernen, dass es noch andere Menschen gibt"

Als Sophie Hunger auf der Bühne über das bisherige Corona-Jahr spricht, sagt sie: "Für meine Generation ist es sehr komisch, weil wir wurden ja so erzogen, egoistisch zu sein. Jetzt müssen wir in nur einem einzigen Jahr lernen, dass es noch andere Menschen gibt. Das ist nicht so einfach!"

Seit sechs Jahren lebt Sophie Hunger mittlerweile in Berlin. Wie wichtig ihr dieser Konzertabend in der Volksbühne ist, zeigt sich in dem Brief, den sie für ihre Fans geschrieben hat und von dem alle ein Exemplar mitnehmen dürfen: "Danke für diesen Moment mit euch. Ihr seid Erlöser", heißt es da. "Wir drücken euch innig von Herzen."

Virtuos und beschwingt in den Lockdown

Hungers Kommentar zu den erneuten strengen Corona-Einschränkungen: "Wenn man ehrlich ist, sind in dieser Stadt auch schon viel schlimmere Dinge passiert." Stimmt. Aber auch kaum etwas Besseres als Sophie Hunger, die ihr Publikum nach einer Stunde und 15 Minuten glücklich lächelnd und beschwingt nach Hause schickt - und in den Lockdown Light.

Beitrag von Simon Brauer

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