Christina Haak, Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, äußert sich bei einer Pressekonferenz im Kolonnadenhof vor dem Neuen Museum. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Audio: Inforadio | 21.10.2020 | 15:30 Uhr | Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka

Vandalismus an Ausstellungsobjekten - Grütters übt Kritik an Sicherheit auf Museumsinsel

Nach der Beschädigung von Dutzenden Ausstellungsstücken gibt es Kritik an den Sicherheitsstandards auf der Berliner Museumsinsel. Nach bisherigem Stand merkte das Aufsichtspersonal nichts, auch Überwachungsvideos helfen nicht weiter.

Nach der Beschädigung von Dutzenden Ausstellungsstücken auf der Berliner Museumsinsel ist eine Debatte um die Sicherheit der Kunstwerke entbrannt. Während Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Informationsbedarf anmeldete, versicherte die stellvertretende Direktorin der Staatlichen Museen zu Berlin, Christina Haak, es gebe ein Sicherheitskonzept.

63 Objekte beschädigt - und keine Zeugen

In mehreren Berliner Museen waren am 3. Oktober von einem oder mehreren Unbekannten Ausstellungsstücke mit einer öligen Flüssigkeit besprüht worden. Betroffen sind nach bisherigen Angaben insgesamt 63 Objekte in der Alten Nationalgalerie, dem Pergamonmuseum und im Neuen Museum.

Laut Landeskriminalamt gibt es nach Auswertung von Videoaufzeichnungen bisher keine Hinweise auf mögliche Täter. Das bisher befragte Personal hat demnach keine Beobachtungen machen können. Unklar ist noch, ob es einen oder mehrere Tatbeteiligte gibt.

Kulturstaatsministerin Grütters teilte am Mittwoch mit, die Staatlichen Museen zu Berlin müssten sich erneut Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen. "Ich habe daher den Präsidenten umgehend gebeten, dem Stiftungsrat dazu einen umfassenden Bericht vorzulegen. Es ist zu klären, wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt vonstattengehen konnten und wie solche Angriffe in Zukunft verhindert werden sollen."

Parzinger: Vorgehen war für die Aufsicht kaum wahrnehmbar

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte im rbb, durch das Vorgehen der Täter sei es für die Überwachung und die Aufsicht in den betroffenen Räumen sehr schwer, etwas zu erkennen. Das nach Auswertung der Überwachungskameras kaum wahrnehmbare Vorgehen der Täter sei ein Beleg für deren kriminelle Energie, betonte er. Parzinger sagte in der Abendschau, er habe sich gefragt: "Warum? Weshalb? Gibt es nichts Heiliges mehr, dass man selbst vor Kunstwerken nicht Halt macht, vandalistisch in Museen wild um sich spritzt?" Für ihn sei hier kein Motiv zu erkennen. Zwar habe es immer auch in der Geschichte der Museen und der Kunst Kunstzerstörer gegeben, doch dass nun "die Antike zur Zielscheibe wird, ist vergleichsweise neu".

Haak: Absolute Sicherheit nur ohne Ausstellung

Die Vize-Direktorin Haak erklärte in Reaktion auf die Grütters-Kritik am Mittwoch: "Wir haben logischerweise ein Sicherheitskonzept." Dieses werde immer entlang von Gefahrenlagen weiterentwickelt. Hundertprozentige Sicherheit für die Objekte hieße, "dass wir sie der Öffentlichkeit entziehen".

Der für die Sicherheit der Museen Verantwortliche, Hans-Jürgen Harras, erklärte am Mittwoch dennoch, inzwischen seien Maßnahmen wie etwa Rundgänge in der Nacht verstärkt worden.

Bereits vor drei Jahren wurde die Museumsinsel zum Tatort. Diebe entwendeten 2017 aus dem Bode-Museum die Goldmünze "Big Maple Leaf" mit einem Wert von 3,75 Millionen Euro aus einer Vitrine und transportieren sie mit Schubkarre und Rollbrett ab. Die Diebe waren durch ein Fenster eingestiegen. Die Beute ist bis heute verschwunden.

Enormer Schaden

Die jetzigen Schäden waren demnach am 3. Oktober noch während der Öffnungszeiten von einer Museumsmitarbeiterin entdeckt worden. Betroffen sind den Angaben zufolge unter anderem ägyptische Sarkophage, Steinskulpturen sowie Bilderrahmen von Gemälden des 19. Jahrhunderts.
Die Schadenshöhe sei noch unklar. Haak zufolge handelt es sich bei den jetzigen Beschädigungen um den bisher "umfangreichsten Schaden an gesammelten Objekten bei den staatlichen Museen".

Inzwischen sitzen Restauratoren an der Reparatur der Schäden. Die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung hat dafür 100.000 Euro Soforthilfe bereitgestellt. "Wir sind auf einem guten Weg", sagte Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums, und verwies auf "positive Ergebnisse".

Mehr als zweiwöchige Geheimhaltung

Zu der Flüssigkeit, die der oder die Täter verwendeten, gibt es bisher aus ermittlungstaktischen Gründen keine näheren Angaben. Die Flüssigkeit war demnach farblos, nicht ätzend und ölig. Wie sie aufgebracht wurde, ist ebenfalls noch nicht klar. Auf den beschädigten Objekten waren kleine Flecken zu sehen. Einen Zusammenhang der Objekte oder ein Motiv konnten die Ermittler bisher nicht ausmachen.

Die mehr als zweiwöchige Geheimhaltung der Tat begründeten Polizei und Museumsleitung mit ermittlungstaktischen Gründen. So habe erst das gesamte Ausmaß des Schadens ermittelt und Leihgeber einzelner Exponate unterrichtet werden müssen.

Die Ermittler suchen nun Zeugen unter den anderen Museumsbesuchern. Der zuständige Kriminaldirektor vom Landeskriminalamt, Carsten Pfohl, sprach am Mittwoch von rund 3.000 Besuchern am 3. Oktober. 650 wurden laut Pfohl inzwischen angeschrieben und nach Beobachtungen gefragt. Der überwiegende Teil der Besucher habe allerdings ein Ticket an der Tageskasse gekauft, wo wegen der Hygienekonzepte in den Museen keine persönlichen Daten erhoben werden müssen.

Stiftungspräsident Parzinger sagte, die vergleichsweise späte Veröffentlichung der Tat sei auf Anraten der Polizei geschehen. Die Kritik, dass die jetzt erst einsetzende Berichterstattung dazu führe, dass mögliche Zeugen sich möglicherweise kaum noch erinnern könnten, wies Parzinger zurück. Die Ermittlungen unter den Besuchern durch die Polizei seien ja trotzdem erfolgt.

Keine Hinweise auf Tätermotiv

Über mögliche Motive ist nichts bekannt. Zunächst gab es Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang zu einem Aufruf des Verschwörungsideologen Attila Hildmann. Er hatte unter anderem Anfang September in einer Chatgruppe geschrieben, dass sich im Pergamonmuseum "der Thron des Satan" befinde, der unweit vom Privatwohnsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) liegt. Die Polizei wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen, hieß es am Mittwoch. Es werde "in alle Richtungen" ermittelt, sagte Pfohl.

Berliner Politiker fordern schnelle Aufklärung

Berliner Politiker fordern, die Angriffe auf Kunstwerke der Museumsinsel schnell aufzuklären. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) twitterte, er sei entsetzt. Er hoffe auf schnelle Ermittlungserfolge der Polizei - und eine vollständige Restaurierung der Kunstwerke. Der kulturpolitische Sprecher der Grünen, Daniel Wesener, kritisierte, dass die Öffentlichkeit erst zwei Wochen nach dem Anschlag davon erfahren habe. Das werfe Fragen auf.

Die AfD hält die Sicherheit in Berliner Museen für mangelhaft. Man habe dazu zwölf Tage nach den Vorfällen eine parlamentarische Anfrage gestellt, die nur unzureichend vom Senat beantwortet wurde, kritisierte der kulturpolitische Sprecher Dieter Neuendorf.

14 Kommentare

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  1. 14.

    Das ist doch mal eine Aussage. Kann doch nicht einfach jemand völlig unbemerkt so viele Kunstwerke beschädigen! Das ist mir wirklich ein Rätsel und eigentlich schon eine Schande für das Museum.

  2. 13.

    Gegenüber der konstruktiven und hier eben destruktiven Phantasie von Menschen ist kein Kraut gewachsen. Das Erstgenannte lässt die Erbsenzähler und Dampfplauderer von den Geheimdiensten in Diktaturen ins Leere laufen, das Zweitgenannte ist jetzt - leider - auf der Museumsinsel zu erleben.

    Die einzige Möglichkeit, dagegen vorzugehen, ist eine augenblickliche Wachsamkeit aller Umstehenden, auch der jeweiligen Besucher, anstatt die Zuständigkeit dafür nur bei den Uniformierten zu sehen.

    Museen als Polizeihochburgen wäre dagegen das glatte Gegenteil, um sich offen mit den Ausstellungsgegenständen zu beschäftigen. "Gehen Sie bitte weiter!" möchte ich jedenfalls nicht seitens eines Uniformierten hören.

  3. 12.

    Wir erleben doch an vielen Stellen des alltäglichen Lebens viel zu viel Scheinsicherheit.
    Viel zu viel blose Präsenz-Patrouille, weil der Bürger sich ja nur unsicher fühlt aber eigentlich sicher ist, aber es nicht begreift.
    Bei Ausstellungen o.ä. sieht man auch oft, dass Ordnungskräfte eher Bücher lesen oder auf den Handy rumspielen.
    Passieren kann immer was, aber Gelegenheit macht halt Diebe.
    Und die fühlen sich doch pudelwohl in Deutschland.

  4. 11.

    Es wird nicht ale Probleme lösen, aber nehmen Sie dem Aufsichtspersonal die Smartphones weg und schon gäbe es etwas mehr Aufmerksamkeit für die Arbeit. Das ist in vielen, vielen Häusern und vielen anderen Arbeitsbereichen zu beobachten. Überall gelten Abstandsregeln.

  5. 9.

    Hat überhaupt jemand den Bericht darüber im Fernsehen gesehen, unmögliche Kommentare wieder dabei.
    Man geht davon aus, das es mit einer kleinen Sprühflasche/-dose aus dem Handgelenk keinem aufgefallen wäre und die Flecken auch nicht sofort sichtbar waren.

  6. 8.

    Ausgerechnet Grütters ^^

  7. 7.

    OK, an jeder Tanke mit Teilchen-Verkauf muss ich meine Daten hinterlassen und nur zu dritt rein. Und dort dürfen ca. 2000 Leute - vielleicht sogar ohne Maske! - einfach reinlatschen und veganes Speiseöl verspratzeln! Toll. Und das Personal hat wieder gaaar nix gesehen. Wie bei der Münze oder in Dresden. Vermutlich Leihkräfte, der Rest ist auf Kurzarbeit... Oh Mann. Ich mach was falsch. Nächstens bin ich innerstädtisch erreichbar. Tags wie nachts. Der Cousin vom Arafat sorry Autokorrektur, Araber ist auch immer da und hat entspannt Shisha dabei. Kein Alkohol draußen, klar, und zweie sind auch erlaubt... *Augennachobenroll*

  8. 6.

    Das Pferd von hinten aufzuzäumen ist sehr billig, Frau Grütters.

  9. 5.

    "Grütters übt Kritik an Sicherheit auf Museumsinsel" Interessant, weil die Sicherheit der Museen Grütters Verantwortung ist. Grütters sollte ihren Hut nehmen.

  10. 4.

    tja was soll man da sagen unwiederbringliche Artefakte unfassbar Kunstwerke sollten nicht für 13€ Stundenlohn bewacht werden. Oder werden doch 13,50€ gezahlt?

  11. 3.

    Wenn Frau Haak sagt, dass es ein Sicherheitskonzept gibt, wird es wohl mangelhaft sein. Ich habe festgestellt, dass in meiner Vitrine noch Platz ist. Werde wohl demnächst mit der Nofretete unter dem Arm rausmaschieren; bekommt ja sowieso keiner mit.

  12. 2.

    Ein solches Versagen, in diesem Ausmaß muss aufgeklärt werden. Welche Qualifikation ist eigentlich für das Sicherheitspersonal festgelegt? Offensichtlich waren die Beauftragten überfordert oder war das Konzept schon unzureichend. Ich erwarte eine schonungslose Aufklärung!

  13. 1.

    Schlimm genug der Vorgang. Aber wenn jemand die Bilderrahmen, anstatt die Bilder selbst besprüht war das mit Absicht oder wäre es sonst zu auffällig gewesen. Die Kripo hat allerdings dann, wenn es so viele Tagestickets gab keinen leichten Job.

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