Archivbild: Der Schauspieler Jürgen Holtz steht in der Akademie der Künste während seiner Auszeichnung mit dem Konrad-Wolf-Preis, auf der Bühne. (Quelle: dpa/S. Pilick)
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Audio: Inforadio | 05.10.2020 | U. Büsing | Bild: dpa/S. Pilick

Theater | "He, Geist! Wo geht die Reise hin?" - Weggefährten erinnern sich an Jürgen Holtz

Mit einer Matinee ist im Berliner Ensemble an den Schauspieler Jürgen Holtz erinnert worden. Unter dem Motto "He, Geist! Wo geht die Reise hin?" kamen langjährige Weggefährten im fröhlichen Gedenken zusammen. Von Ute Büsing

Mit vier Jahren hatte Jürgen Holtz bei Betrachtung des Rumpelstilzchens auf einer Kinderbühne Theaterblut geleckt und das Männlein im heimatlichen Flur nachgespielt. Und "Ach, wie gut, das niemand weiß" sagt dann auch der Berliner Mime im Auftaktfilm der 90-minütigen Erinnerungsveranstaltung am Sonntag im Berliner Ensemble. Kindliche Begeisterungsfähigkeit war ein Wesenszug von Jürgen Holtz, der am 21. Juni kurz vor seinem 88. Geburtstag gestorben ist.

Über die Jahrzehnte verteilt diente Holtz dem BE ein halbes Theater-Leben. An seine letzte ganz große Rolle - der weise Greis "Galileo Galilei" - erinnerte Intendant Oliver Reese. Holtz war auch der aashafte Peachum in Bob Wilsons "Dreigroschenoper", spielte bei "Lulu", Shakespeares Sonetten und im "Endspiel" mit.

Archivbild: Die Schauspieler Ruth Glöss (l) und Jürgen Holtz stehen bei der Fotoprobe im Berliner Ensemble für das Stück "Shakespeares Sonette" auf der Bühne. Der Schauspieler ist am 21.06.2020 im Alter von 87 Jahren gestorben. (Quelle: dpa/T. Brakemeier)
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Unbekannte Freiheit schon am DDR Theater

Immer wieder belegen bei dieser Hommage Theaterfilmschnipsel die große Verwandlungskunst von Jürgen Holtz, etwa als Jean in "Fräulein Julie" (1975) nörglerischer Caribaldi in Bernhards "Die Macht der Gewohnheit" (2015) oder mit Traute Hoess im "Endspiel" (2016). Weggefährtin Jutta Hoffmann verneigt sich und erinnert an gemeinsames befreites Lachen beim Erzählen schmutziger Witze am Rande von "Fräulein Julie", einer erst verbotenen, dann nach wenigen Tagen Spiel wieder abgesetzten "Skandalinszenierung" von B.K. Tragelehn und Einar Schleef. Das sei etwas bis dato am DDR-Theater Unbekanntes, nämlich "Freiheit" gewesen.

Musikalisch untermalen Ulrich Brandholz, Christopher Nell, Sabin Tambrea und Hans-Jörn Brandenburg am Klavier die warmherzige Ehrbekundung mit hochtönenden Shakespeare-Sonetten. Eingeblendet werden auch Aussagen von Jürgen Holtz zu seiner Arbeit als bildender Künstler, der er - dem nie etwas genug war, schon gar nicht das Theater - sich besonders in den letzten Lebensjahren widmete.

Archivbild: Andreas Doehler, Juergen Holtz (Galileo Galilei), Sina Martens, Stefanie Reinsperger (v.l.n.r.). Galileo Galilei - Theaterstueck von Bertolt Brecht, Regie: Frank Castorf, im Berliner Ensemble in Berlin. (Quelle: dpa/Hoensch)

Unbedingter Glaube an den Freiheits-Raum Theater

Drei Mal hat Jürgen Holtz mit Thomas Langhoff zusammen gearbeitet, zum Beispiel als unnachahmlich poetisch-abgeklärt sterbender Diener Firs in "Der Kirschgarten", drei Mal mit Claus Peymann, zweimal mit Peter Stein, zum Beispiel im Mammutprojekt "Wallenstein". Gerührt ist Jutta Ferbers, Chefdramaturgin in fast 20 Jahren Peymann-BE, bei ihrer Ansprache. Sie beginnt bei der letzten Begegnung mit dem toten Jürgen Holtz im Sarg, wie er dalag, aufrecht wie schlafend, fein gekleidet, mit dem ihm von seiner Ehefrau Katharina vermachten Gehstock - wie Mr. Peachum bereit zum Finale der "Dreigroschenoper". Und Ferbers ruft ihm ein "Toi, toi, toi" nach.

Bevor Angela Winkler die stimmige Matinee mit dem Lied vom "Leiermann" beendet, hat Frank Castorf das Wort, bei dem Jürgen Holtz als letzte Rolle großartig und nackt "Galileo Galilei" verkörperte. Beide verband, so der Regisseur, der bei "Les Miserables" zum ersten Mal mit Holtz zusammengearbeitet hatte, "euphorischer Defätismus" und der unbedingte Glaube an den Freiheits-Raum Theater. Etwas, so Castorf, in seiner weitschweifigen Rede, das manchmal die ganze Welt sein kann, "die man souverän, unabhängig und angstfrei behandeln" müsse. Das habe Jürgen Holtz getan. "Nur so kann man Kunst machen!"

Noch einmal leuchteten die vielen Facetten des Menschendarstellers Jürgen Holtz: Er war der Anspruchsvolle und Unbeirrbare, das kindliche Genie und der weise Greis. Dem Theater fehlt er jetzt schon. Das machte diese Erinnerungsveranstaltung einmal mehr deutlich.

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