Ein Künstler arbeitet in den Uferhallen in Berlin-Wedding (Quelle: imago images/ Doris Spiekermann-Klaas)
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Video: rbb Kultur - das Magazin | 10.10.2020 | Anne Kohlick | Bild: imago images/ Doris Spiekermann-Klaas

Uferhallen in Berlin-Gesundbrunnen - Wie lange können sich die Künstler ihre Ateliers noch leisten?

An die 100 Kreative arbeiten in den Uferhallen in Berlin-Gesundbrunnen. Auf dem Gelände hat die BVG früher Trams und Busse repariert. Inzwischen gehört es einem Investor, der neu bauen und die Miete steigern will. Die Künstler fürchten um ihre Ateliers. Von Anne Kohlick

Auf den Hof der Uferhallen in Berlin-Gesundbrunnen fährt ein Lkw mit einer ungewöhnlichen Lieferung. Peter Dobroschke, einer von knapp 100 Künstlern, die auf dem Gelände Ateliers mieten, nimmt die Ladung entgegen: einen Lederhülsenbaum, vier Meter hoch, inklusive Wurzeln, Erde, Topf. "Diesen Baum werde ich als in der Luft hängendes Geschenk in den Uferhallen präsentieren", erklärt er. Sein Beitrag für die neue Ausstellung der Uferhallen-Künstler "Manifest" [uferhallen-ev.de], die am Wochenende eröffnet hat, ist ein symbolisches Geschenk an seinen Vermieter.

Seit 2017 gehört der "Augustus Management & Architecture GmbH" der Löwenanteil der Aktien an den Uferhallen. Das Unternehmen investiert in Berliner Immobilien und gehört zum Firmengeflecht der mit Online-Start-ups reich gewordenen Samwer-Brüder - Investoren, die dafür berüchtigt sind, die Gentrifizierung in der Hauptstadt voranzutreiben [Recherche von Frontal 21].

Seit drei Jahren im Schwebezustand

Seit dem Verkauf an das Samwer-Unternehmen fürchten die Künstlerinnen und Künstler um die Zukunft ihrer Ateliers und Werkstätten auf dem Gelände. Diesen Schwebezustand, der seit drei Jahren andauert, will Peter Dobroschke mit seinem Kunstwerk darstellen: das Gefühl, in der Luft zu hängen. Dafür wird er den Baum an Seilen schaukeln lassen, die von der Decke der Ausstellungshalle hängen.

Skizzen für sein Kunstwerk, das den Arbeitstitel “Copy-Paste-Spende” trägt, hat Dobroschke in seinem Atelier gemacht. Es liegt gleich hinter der großen denkmalgeschützten Halle, in der bis 2006 Busse und Straßenbahnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) repariert wurden.

Seit neun Jahren arbeitet der Bildhauer und Konzeptkünstler auf dem Gelände der Uferhallen. Auf insgesamt 8.000 Quadratmetern erstrecken sich hier Werkstätten und Ateliers. Die Bausubstanz ist oft in einem schlechten Zustand, an manchen Ecken regnet es rein. Bei Peter Dobroschke ist das Dach dicht. Vieles in dem hellen hohen Raum, den er mietet, hat er selbst eingebaut: eine Treppe und Emporen aus Holz, einen Heizungsschacht, weil die Wände so schlecht isoliert sind.

Die Miete wird sich verdoppeln

"Gerade hier in dem Atelier habe ich die Zukunft im Nacken sitzen", sagt Peter Dobroschke, "rein physisch, weil hier laut Wunsch des Eigentümers ein großer Tower entstehen soll." Augustus Management will auf dem Gelände neu bauen - da, wo der Denkmalschutz es erlaubt, auch Gebäudeteile abreißen, um Platz für Wohnungen zu schaffen. Was stehen bleibt, soll so schnell wie möglich grundsaniert werden, wenn es nach dem Eigentümer geht.

Zwar versprechen die Investoren, weiterhin Atelierflächen auf 8.000 Quadratmetern zu erhalten, aber nach den Bauarbeiten soll die Miete steigen - auf 7 Euro kalt monatlich pro Quadratmeter. Was für Wohnungssuchende in Berlin nach einem Schnäppchen klingt, ist für die Künstler ein Preisschock: Bisher liegen ihre Gewerbemieten bei 4 Euro, teilweise sogar nur 3,50 Euro kalt. Für viele würde sich die Miete verdoppeln.

"Bezahlbar, aber für wen?"

Um sich dagegen zu wehren, haben die Künstler 2019 einen Verein gegründet. Dobroschke ist der Vorstandsvorsitzende: "Wir ringen mit der Vermieterseite oft um Begriffe und Definitionen", sagt er, "um das Wort 'Bezahlbarkeit' zum Beispiel. Es heißt dann: 7 Euro kalt, das ist doch bezahlbar. Ja, aber für wen?" Für Peter Dobroschke nicht. 7.000 Euro Jahreseinkommen hat er bei seiner letzten Steuererklärung angegeben. Er kommt kaum dazu, an neuen Kunstwerken zu arbeiten, weil der ehrenamtliche Vereinsvorsitz, sein politisches Engagement für die Uferhallen-Künstler, so viel Zeit in Anspruch nehmen.

Vor Kurzem recherchierte Peter Dobroschke im Internet zu Augustus Management und stieß dabei auf eine Meldung: 50.000 Euro hat das Unternehmen im Mai gespendet - für einen Hain aus Lederhülsenbäumen vor dem Humboldt-Forum in Mitte. "Das hat für mich schon etwas von Greenwashing, so eine Aktion", sagt der Künstler, "wenn anderswo in der Stadt Freiräume zugebaut werden." Er zeigt einen ausgedruckten Artikel mit Foto, auf dem Felix Fessard, Projektleiter von Augustus für die Uferhallen, lächelnd neben dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller steht - hinter ihnen ein frisch gepflanzter Lederhülsenbaum.

Frisch gepflanzte Lederhülsenbäume vor dem Humboldtforum in Berlin (Quelle: imago images/Frederic Kern)Je 50.000 Euro spendeten die Unternehmen Fielmann und Augustus Management & Architecture GmbH für Lederhülsenbäume, die am Humboldt-Forum gepflanzt wurden.

Ein Kunstwerk für den Vermieter als "kleiner ironischer Wink"

Genau so einen Baum wird Peter Dobroschke jetzt zurückspenden an die Augustus Management - als Kunstaktion. "Dafür habe ich mein Materialgeld und mein Honorar, was ich für die Ausstellung bekommen habe - 200 plus 250 Euro - investiert in einen Lederhülsenbaum" erklärt er, "weil ich das Gefühl habe: Ich muss diesen Herren ein bisschen was dazugeben - und wenn es nur ein kleiner ironischer Wink ist."

Dobroschke sitzt als Vertreter der Mieterseite schon seit Jahren immer wieder am Verhandlungstisch mit Felix Fessard von Augustus. Konstruktiv seien die Gespräche, sagt der Investorenvertreter im rbb-Interview. Der Künstlerverein spricht dagegen von Misstrauen. Zwischen beiden Seiten versucht die Politik zu vermitteln. Zuständig dafür ist Ephraim Gothe (SPD), der Baustadtrat des Bezirks Mitte. "Ich glaube, die Augustus hat eine falsche Vorstellung davon, was für Werte mit so einem Grundstück zu erwirtschaften sind", sagt der Politiker.

Felix Fessard von <<Augustus Management & Architecture>> und Künstler Peter Dobroschke. (Quelle: rbb/RBB Kultur - Das Magazin)Felix Fessard arbeitet für Augustus Management (links) und verhandelt mit Peter Dobroschke (rechts) als Vertreter des Künstlervereins über die Zukunft der Uferhallen.

"Natürlich muss sich da noch was bewegen"

Das Bezirksamt habe sich beraten lassen und dabei herausbekommen: "Selbst wenn man nur die Ist-Mieten von 3,90 Euro im Schnitt auf 20 Jahre rechnet und vielleicht die Halle noch ein bisschen höherpreisig vermietet - schon dann hat man einen Ertrag aus diesem Grundstück, der bei Weitem das übersteigt, was man an Renovierungskosten in den Bestand hineingeben müsste, damit es die nächsten 20 Jahre hält."

Im Moment läuft ein Bebauungsplanverfahren für die Uferhallen. Darin prüft der Bezirk, was auf dem größtenteils denkmalgeschützten Gelände neu gebaut werden darf. Über das Verfahren kann die Politik Einfluss nehmen, sollte der Eigentümer bei der Kaltmiete nicht weiter runtergehen. "Natürlich muss sich da noch was bewegen", sagt Ephraim Gothe. "Sonst wird das Ziel des Investors - eine bauliche Entwicklung für weitere Nutzungen, die durchaus vorstellbar sind - nicht zum Tragen kommen."

Steht am Ende eine Win-Win-Situation?

Der Baustadtrat ist optimistisch, dass ein Kompromiss zwischen den Interessen von Mietern und Eigentümern zu finden ist - zum Beispiel bei einem Kaltmietpreis von 5 Euro pro Quadratmeter: "Das Grundstück hier hat so viele Potenziale", erklärt Ephraim Gothe. "Man kann die Belange des Vereins berücksichtigen - mit preiswerten Mieten, die langfristig gesichert sind. Und man kann zusätzliche Nutzungen hier unterbringen. Da wird es am Ende auf eine Win-Win-Situation herauslaufen, die alles für alle möglich macht."

Alles für alle? Teure Mietwohnungen in Neubauten gleich neben günstigen Ateliers im Industriedenkmal? Wie werden die zukünftigen Wohnungsmieter reagieren, wenn auf dem Hof Bildhauer Holz sägen und Künstler Installationen aufbauen? Wenn es auch mal spät am Abend oder am Wochenende laut wird, weil in der Halle eine Ausstellung aufgebaut wird? Kommen dann Klagen? Wie wird sich der Charakter des Geländes durch Sanierung und Neubauten verändern?

Vor diesen Fragen steht auch Peter Dobroschke. Er gießt seinen Lederhülsenbaum und lässt ihn in der neuen Ausstellung einer ungewissen Zukunft entgegenschaukeln.

Sendung: rbb Kultur - das Magazin, 10.10.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

5 Kommentare

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  1. 4.

    Die Uferhallen befinden sich in Gesundbrunnen NICHT in Wedding!
    Bitte korrigieren

  2. 3.

    Es geht immer um Geld, egal auf welcher Seite. Gerade bei Künstlern war das schon immer so, dass sie einen Gönner brauchten. Kunst ist nicht planbar. An die Stelle des Gönners ist heute zum großen Teil der Steuerzahler getreten.
    Ich verstehe nicht, warum man sein Atelier nicht in Storkow haben kann oder in Angermünde. Es geht immer nur um in Berlin und nur in Berlin und woanders ist absolut unmöglich.
    Wenn die Kunst nicht zum Leben reicht, muss man sich einen Job suchen. Selbstverwirklichung auf Kosten anderer kann ich nicht gut finden.
    Kunst ist manchmal schön aber man kann sie nicht essen, nicht in ihr Wohnen usw

  3. 2.

    Die alte Frage: "wem gehört die Stadt?" sollte von den in Berlin lebenden Menschen immer wieder gestellt und aufs Neue beantwortet werden.
    Interessanterweise leben wir in schizophrenen Zeiten. Man kauft den Wegwerframsch bei Zalando,, weil es "so günsig und bequem" is dort einzukaufen. Man übernachte mit Hilfe der AirBandB, nutzt Uber,statt Taxi, kauft bei Amazon statt im Laden um die Ecke, bucht Hotel mit Hilfe der Booking.com oder einer anderen kriminellen Organisation. Es interessiert Einen nicht die Bohne, was man dadurch einrichtet und wie sich die Welt dadurch verändert.
    Dann ärgert man sich dass Billionen unterwegs sind nach Anlagemöglichkeit suchend und der preisgünstige Wohn- und Arbeitsraum verschwindet.
    Seltsame Welt.

  4. 1.

    Es geht um Geld, nicht um Kunst. Einfache Lösung. Wenn man reich ist will man reicher werden.

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