Eine Zeichnung aus der Comic-Serie "Peanuts" (Bild: dpa/United Archives/IFTN)
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Interview | Comic-Zeichner Flix zu 70 Jahren Peanuts - "Die Peanuts werden nicht umsonst immer noch gedruckt"

Mit seinen Comics über den depressiven Charlie Brown, den weisen Hund Snoopy und deren Freunde wurde der Zeichner Charles M. Schulz weltbekannt. Warum die Peanuts 70 Jahre nach ihrer Erschaffung immer noch faszinieren, erklärt der Berliner Comic-Zeichner Flix.

rbb|24: Hallo Flix, Sie sind selbst einer der bekanntesten deutschen Comiczeichner. Wie wichtig sind die Peanuts, die vor 70 Jahren zum ersten Mal erschienen sind, und die Arbeit ihres Erfinders Charles M. Schulz? Der Literaturkritiker Denis Scheck hat sie ja sogar in seinen Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur aufgenommen.

Flix: Die Aussage finde ich mutig, aber nicht falsch. Das Kinderensemble, das wir in den Peanuts haben, ist für die Zeit, in der es entstanden ist - also in den 1960er Jahren - typisch für Zeitungscomics. Da hat man gerne mit Kindern gearbeitet. Was Charles M. Schulz aber als erster gemacht ist, dass er diesen Kindern erwachsene Gedanken gegeben hat. Und zwar ausschließlich. Erwachsene selbst hat er ausgeklammert. Die tauchen maximal als Beine im Hintergrund auf. In den Trickfilmen sind sie einfach mit Posaunengeräuschen dargestellt worden. Was der Wahrnehmung von Kindern durchaus entgegenkommt. Ich bin selbst Vater und glaube, für meine Kinder klinge ich immer mal wieder wie eine Posaune. (lacht)

Über einen Zeitraum von 50 Jahren hat Schulz in dieser Serie einfach alles an Lebensthemen verhandelt. Spannend ist, dass dabei nicht ein Strahlemann die Hauptfigur ist, sondern mit Charlie Brown jemand, von dem man heute sagen würde, er habe leicht depressive Grundzüge. Ein Kind darzustellen, das depressiv ist, das die negativen Seiten des Lebens erlebt und das immer wieder mit Misserfolgen klarkommen muss, das war neu. Darin haben sich wahnsinnig viele Leute wiedergefunden.

Wer ist Ihr persönlicher Lieblings-Charakter?

Das ist, wie bei vielen anderen auch, Snoopy. Charlie Brown ist zwar die Hauptfigur, aber die beliebteste Figur ist Snoopy. Es war auch ein schlauer Kunstgriff, diesen Hund so zu vermenschlichen. Ihn als naturweises Tier darzustellen. Das einerseits eine, sogar dunkle Kriegs-Vergangenheit hat - da hat Charles M. Schulz auch seine eigenen Kriegserlebnisse verarbeitet. Anderseis ist es ein so unfassbar lebenslustiges und quirliges Tier, das tanzt, singt, Briefe schreibt und Literatur verfasst. Das macht sehr viel Spaß.

Die Peanuts, einer erfolgreichen Comicserie. (Quelle: AFP/epa)
Die Peanuts-Charaktere auf einen BlickBild: AFP/epa

Funktionieren die Figuren, nunmehr 70 Jahre alt geworden, heute immer noch?

Sie funktionieren noch. Schulz ist in Fahrt gekommen im Lauf der Jahre. Es gibt ja auch heute Serien, die stark anfangen und dann im Sande verlaufen. Das kennt man von Netflix: Die ersten Folgen einer Serie findet man super und dann führt sie irgendwo ins nichts. Das ist bei den Peanuts anders. Im Nachhinein betrachtet, fangen sie recht schwach an und werden immer stärker. Je größer das Figurenensemble wird, desto vielfältiger und aussagestärker werden die Strips. Dadurch, dass sich Charles M. Schulz herangetastet hat an die universellen Themen wie Liebe, Verlust, Freude oder Melancholie sind das Arbeiten, die man heute immer noch genauso lesen kann. Die Peanuts werden nicht umsonst immer noch in Zeitungen abgedruckt – obwohl es ja seit Jahren kein neues Material mehr gibt.

Aber seit 2012 werden doch von den Zeichnerinnen Vicki Scott und Paige Braddock wieder neue Peanuts-Geschichten veröffentlicht.

Ja, das ist richtig. Sie haben Comic-Heft-Reihen angefangen, also längere Geschichten. Da ist Snoopy als verkaufbarste Figur im Mittelpunkt. So sollen Kinder und junge Leser angelockt werden, damit es weitergeht, damit der Generations-Staffelstab weitergegeben wird. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Ich verstehe, warum es das gibt - aber ich brauche das nicht.

Die Strip-Serie selbst, so wie sie in den Zeitungen erschienen ist mit den täglichen vier Bildern und der Sonntagsseite, gibt es aber in der Form nicht mehr. Das sind aber die, die nachgedruckt werden.

Und wie steht es, was Ihren Geschmack betrifft, mit den Filmen? Es gab ja immer mal wieder computeranimierte Verfilmungen der Peanuts, zuletzt 2015.

Die neue Verfilmung habe ich mir angeschaut und fand sie "geht so". Was ich nach wie vor großartig finde, sind die alten 2-D-Animationen wie "Der große Kürbis" oder "Charlie Brown's Valentine". Die funktionieren immer noch. Die habe ich sogar mit meinen Kindern, die vier und sieben Jahre alt sind, gesehen. Und auch bei ihnen funktionieren die alten Sachen auch noch genauso. Also ja, man kann auch ältere Comics in zeitgemäße Medien transferieren - es ist aber mitunter gar nicht notwendig. So geht es mir auch mit Asterix-Verfilmungen: die ersten Versuche - so wie "Asterix und Kleopatra" - sind unfassbar charmant, weil sie auch von der Technik her so nah am Comic sind. Je aufwändiger das wird, desto mehr entfernt es sich davon. Da wird der Transfer dem Original oft nicht gerecht.

"Die Peanuts" Ausschnitt Filmplakat mit Snoopy, Charie Brwon, Lucy und den anderen Figuren; Quelle: filmstarts.de
Peanuts-Filmplakat aus dem Jahr 2015Bild: Quelle: filmstarts.de

Sie haben gerade ihre Kinder erwähnt. Findet man in deren Bücherregal auch Peanuts-Bände? Oder lesen die nur Papas Comics?

(Lacht) Es wäre schön, wenn sie meine Sachen lesen würden! Nein im Ernst: Sie lesen die Peanuts. Beim letzten Gratis-Comic-Tag hat sich meine Tochter auch ein Snoopy-Heft mitgenommen und hat am Snoopy-Malwettbewerb mitgemacht. Meine Kinder kennen und mögen die Peanuts.

An was arbeiten Sie selbst denn gerade?

Was ich auf dem Tisch liegen habe, ist eine neue Folge meiner Reihe "Glückskind", die in der FAZ erscheint. Die ist vom Comic-Strip her sehr ähnlich angelegt ist wie die Peanuts und die klassischen amerikanischen Zeitungs-Strips. Es gibt ein kleines Mädchen als Hauptfigur, das deutlich klüger ist als die meisten ihrer Altersgenossen, und es gibt auch sprechende Tiere. Wenn auch in dem Fall keinen Beagel wie Snoopy, sondern einen Waschbären. Und da sind Eltern, die mit den Kindern klarkommen müssen. Das ist also ein ganz ähnliches Setting.

Das alles würde ich nicht so zeichnen und die Leser würden das vermutlich auch nicht so gut annehmen können, wenn sie nicht schon über viele Jahre mit Strips wie den Peanuts trainiert worden wären. Die Peanuts haben dafür gesorgt, dass wir Comic-Zeichner nicht zwingend lustig sein müssen, sondern uns heute in einer großen emotionalen Bandbreite ausdrücken können.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

Sendung: Radioeins, 02.10.2020, 09:48 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich habe die Peanuts,vor allem Snoopy, schon als Kind geliebt und heute immer noch. Charles M. Schulz war und bleibt ein Genie(-:

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