Staatstheater Cottbus MAZEPPA Oper in drei Akten von Pjotr I. Tschaikowski Szenenfoto mit: (Bildmitte vorn) Andreas Jäpel (Mazeppa) und Kim-Lillian Strebel (Maria); (dahinter v.l.n.r.) Kihoon Han (Orlik), Ulrich Schneider (Kotschubej), Gesine Forberger (Ljubov) und Alexey Sayapin (Andrej) (Foto: Marlies Kross)
Staatstheater Cottbus/Marlies Kross
Audio: Inforadio | 26.10.2020 | Sylvia Belka-Lorenz | Bild: Staatstheater Cottbus/Marlies Kross

Premierenkritik | "Mazeppa" im Staatstheater Cottbus - Tschaikowski-Oper "Mazeppa" in Cottbus setzt neue Maßstäbe

Diese Oper wird nur selten gespielt, der Komponist selbst war von der Arbeit nur mäßig begeistert. Trotzdem hat sich das Staatstheater Cottbus an "Mazeppa" gewagt - und dieses Risiko hat sich mehr als ausgezahlt, findet unsere begeisterte Kritikerin Sylvia Belka-Lorenz.

Um es vorweg zu nehmen: Mit dieser "Mazeppa" hat die neue Cottbuser Opernleitung einen echten Schatz gehoben. Tatsächlich wird die Oper außerhalb Russlands selten gespielt; nicht einmal Tschaikowski selber war von der Arbeit wirklich begeistert. So viel Krieg und politischer Umsturz - das sei für seine sensible Seele nicht das richtige gewesen. So ist es überliefert.

Im Kontext der Premieren des Eröffnungswochenendes setzt die neue Leitung des Hauses hier ein unmissverständliches Zeichen. Stücke, die wahrlich keine sicheren Bänke sind. Politisches Theater, ästhetische Wagnisse. Das ist eine Ansage.

Liebe, Macht und Ränkespiele

Im Mittelpunkt der "Mazeppa" steht (ganz wie bei "Eugen Onegin" und "Pique Dame") eine Frau mit ihren zwiespältigen Gefühlen. In dieser Oper ist es Maria, die für einen Mann namens Mazeppa schwärmt. Alles an ihm findet sie anbetungswürdig: das graue Haar, seine Falten- und seine Erfahrung. Das ist ein sachter Euphemismus für einen gewaltigen Altersunterschied.

Denn Mazeppa ist Marias Patenonkel und gleichzeitig Hauptmann der ukrainischen Truppen. Nebenbei plant Mazeppa den Umsturz, doch davon weiß Maria nichts. Der Rest lässt sich nach logischen Gesichtspunkten nicht so richtig fassen, aber die Kurzfassung wäre: Es geht um Liebe, Intrigen, Macht und Machtmissbrauch.

Frei von Zeit und Raum

In der Umsetzung, gut 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper, zieht Regisseurin Andrea Moses alle Register. Sie löst sich von allen Zwängen von Zeit, Ort und Handlung. Und sie hat eine Fülle szenischer Einfälle: Projektionen, Bilder, Textelemente. Zentral auf der Bühne von Christian Wiehle ein erodierender Plattenbau; ein Einschlag in Form eines Sowjetsterns an der Vorderseite.

Die Sowjetfahne, die heruntergeholt wird, taucht im Laufe des Abends mannigfaltig wieder auf. Reichlich Querverweise auf Machtwechsel der verschiedensten Couleur und Epochen. Vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Wenn ein betrunkener Kosak dann noch einen grellen Fummel trägt mit den Konterfeis von Marx und Stalin, wenn Maria am Ende den Schriftzug "Demokratija" auf der Brust trägt - im Stil einer Femen-Aktivistin: Ganz so viele der Hinweise hätte ich gar nicht gebraucht.

Fantastischer Raumklang

Corona macht sich durchaus bemerkbar: Das Orchester ist dezimiert auf 26 Musiker und Musikerinnen. Der Chor wurde in den ersten Rang gesetzt, eigentlich, um die Bühne zu entschlacken. Der Effekt allerdings ist sagenhaft: Diese russischen Chöre, so genau und zugleich inbrünstig intonierend - das ist ein Genuss. Brandenburgs Corona-Verordnung verlangt das Singen mit Mund-Nasen-Bedeckung, sobald die Sängerinnen und Sänger einander nahekommen. Optisch gewöhnt man sich daran, aber Klang und das Spiel der SolistInnen beeinflussen sie durchaus.

Nichtsdestotrotz gibt es so viele Lichtpunkte in den gut zwei Stunden: Die Maria von Kim-Lillian Strebel. Alexey Sayapin als ihr Jugendfreund Andrej, den sie am Schluss mit einem Wiegenlied (Bajuschki baju) in den Tod singt. Dirk Kleinke gefiel mir gut. Gesine Forberger als Marias Mutter. Das Duett der beiden, als die Mutter die Tochter anfleht, die Hinrichtung des Vaters zu verhindern: fabelhaft. Die Hinrichtungsszene schließlich mit Ulrich Schneider und Hardy Brachmann: großartig. Schwachpunkt des Abends ist ausgerechnet Mazeppa, der Titelheld. Geschrieben ist er als charismatischer, kühner, kluger, böser Held. Dem entspricht Andreas Jäpel so nicht. Ich finde einfach nicht heraus, ob es die schlechte Laune der Figur oder doch des Darstellers ist, die er vor sich herträgt.

Riesiger Aufwand für 100 Zuschauer

Mein Fazit: Mit Mazeppa ist die neue Theaterleitung "all in" gegangen, volles Risiko - und hat abgeräumt. Das ist Theater, das nicht mehr jedermanns Geschmack bedienen wird. Auch an diesem Wochenende wurde in Pausen und an Garderoben schon viel gezetert. Ein untrügliches Zeichen, dass offenbar vieles richtig gemacht wurde. Theater, das deutschlandweit Maßstäbe setzen kann. Riesiger Aufwand für gut 100 statt 600 Zuschauern - glücklich können die sein, die das miterleben durften.

Sendung: Inforadio, 26.10.2020, 7:55 Uhr

Beitrag von Sylvia Belka-Lorenz

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