Innenansicht der <<Stille Helden>> Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. (Quelle: Gedenkstätte Stille Helden)
Gedenkstätte Stille Helden
Audio: Inforadio | 24.10.2020 | Maria Ossowski | Bild: Gedenkstätte Stille Helden

Gedenkstätte Deutscher Widerstand - Die späte Ehrung der "Stillen Helden"

Die meisten Deutschen halfen der Nazi-Diktatur oder verschlossen ihre Augen vor den Gräueltaten. Erstmals werden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand die "Stillen Helden" geehrt, die Juden retteten. Darunter sind ein Hafenarbeiter und eine Prostituierte. Von Maria Ossowski

Hedwig Porschütz arbeitete als Prostituierte am Berliner Alexanderplatz. Gesellschaftlich geächtet, froh, nicht zu hungern, hat sie trotzdem Jüdinnen und Juden geholfen und sie versteckt. Sie kam 1944 ins KZ und hat nach dem Krieg eine kleine Anerkennung erhalten wollen. Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um andere Leben zu retten.

Mehrere Menschen hätten wegen Porschütz überlebt, erzählt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Darunter sei auch Inge Deutschkron gewesen. Sie habe damals von Porschütz ein Arbeitsbuch bekommen. Die Schwestern Bernstein, die ebenfalls unter den Überlebenden gewesen seien, hätten angeregt, "dass Hedwig Porschütz geehrt werden sollte, aber es ist dann einfach nicht erfolgt", so Tuchel weiter.

Innenansicht der <<Stille Helden>> Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. (Quelle: Gedenkstätte Stille Helden)
Auch von den Geretteten erzählt die Ausstellung | Bild: Gedenkstätte Stille Helden

Ihr unsittlicher Lebenswandel schließe Porschütz von jeder Ehrung aus, war die Begründung in den 50er-Jahren. Die Ehrungen für Helferinnen und Helfer setzten ohnehin sehr spät erst ein. Warum? "Erstens, wenn ihr Verhalten als Widerstand gegen den Nationalsozialismus angesehen wurde, dann war das natürlich wie der gesamte Widerstand auch mit dem Odium des Verrats umgeben", sagt Tuchel. "Das zweite ist, dass die herrschende Meinung noch Mitte der 50er-Jahre davon ausging, die Hilfe für verfolgte Juden ist kein Akt des Widerstands gegen den Nationalsozialismus".

Ein Netz aus Helfern

Im dritten Stock der Gedenkstätte Deutscher Widerstand werden jetzt erstmals die "Stillen Helden" aus ganz Europa geehrt. Mit Fotos, mit Exponaten wie Stempeln für gefälschte Pässe, mit Briefen und Dokumenten, die spannend und oft interaktiv die Geschichten erzählen.

Neben Pörschütz wird unter anderem auch die Geschichte von Jänis Lipke erzählt. 1941 beobachtete der lettische Hafenarbeiter Lipke, wie die Deutschen Tausende Juden zusammentrieben, um sie zu erschießen. Er beschloss, so viele wie möglich zu retten und baute ein großes Netz an Helfern auf. Für die Deutschen sollte er jüdische Arbeitstruppen zusammenstellen.

Innenansicht der <<Stille Helden>> Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. (Quelle: Gedenkstätte Stille Helden)
Zu den Helfern gehörte der lettische Hafenarbeiter Jänis Lipke | Bild: Gedenkstätte Stille Helden

Auch die Geschichte von Lipke kennt Tuchel gut: "Als er merkte, dass das 'Ghetto aufgelöst werden' sollte, also als dass die Deutschen die letzten Juden ermorden wollten, hat er in seiner Scheune ein Versteck eingerichtet, ein sogenannten Bunker." Vier Menschen habe er dort versteckt. Insgesamt haben 50 Verfolgte dank Lipke, seiner Frau Johanna und den beiden Söhnen überlebt.

Über Zivilcourage und Menschlichkeit

Die Ausstellung erzählt von erfolgreichen Rettungen, aber auch von gescheiterten. Sie berichtet vom enormen Mut, der immer von Angst begleitet war, denn für die Verfolgten und ihre Helfer waren die Strafen im Falle der Entdeckung fürchterlich.

"Stille Helden" ist eine Ausstellung über Zivilcourage und Menschlichkeit, die, so Staatsministerin Monika Grütters (CDU), nie vergessen werden darf: "Eine Ausstellung wie diese zeigt Beispiele, wie man in einer sehr dunklen Zeit auch Zivilcourage, Mut [bewiesen] und sogar das Risiko des eigenen Lebens in Kauf genommen hat, um seinem Gewissen zu folgen und eben nicht mitzulaufen".

Sendung: Inforadio, 24.10.2020, 11 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ich hoffe die Ausstellung erinnert auch daran, dass Prostituierte bis heute gesellschaftlich geächtet und als Menschen zweiter Klasse behandelt werden.

    Die Vorurteile in der Deutschen Gesellschaft führt gegenüber dieser Berufsgruppe nach wie vor dazu, dass " Sexworker", wie sie sich heute nennen, weiterhin ganz offen medial diskriminiert werden.

  2. 3.

    Nun ja, genauer gesagt werden sie schon länger mit einer Ausstellung geehrt. Die Gedenkstätte gibt es seit 2008, bis 2017 in der Rosenthaler Straße. Da die Räume dort zu klein waren und man vor Ort keine größeren fand, zog man um. Das ist nun die überarbeitete Ausstellung. Was nach 12 Jahren auch ohne Umzug sein darf.

  3. 2.

    Es wurde auch allerhöchste Zeit, dass sich diesen Helden erinnert wird. Diese Zivilcourage verdient allerhöchsten Respekt und eine immer wachsame Ermahnung an uns Hinterbliebene. Keiner weiß, wie man selbst hätte reagiert damals.
    Es waren wirklich sehr mutige Zeitgenossen, die niemals vergessen werden dürfen!

  4. 1.

    Endlich werden diese wahren Helden geehrt, die sich nicht gemein gemacht haben mit dem Verbrechen und der Unmmenschlichkeit, sondern Verfolgten unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben.

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