Der Saxophonist Daniel Erdmann und Cellist Johannes Fink während eines Konzertes am 04.06.2017 in Berlin (Bild: imago images/Rolf Zöllner)
Audio: Inforadio | 07.10.2020 | Hans Ackermann | Bild: imago images/Rolf Zöllner

Konzert-Stream-Kritik | Jazzkünstler im A-Trane - Philosophische Klangforscher

Gleich zwei Berliner Bands waren am Dienstag im Jazzclub A-Trane zu hören. Zuerst das Duo Erdmann & Fink, anschließend das Holon-Trio. Den Livestream des Konzertes hat sich Hans Ackermann angesehen und experimentierfreudige Musiker erlebt.

 

Johannes Fink spielt ein besonderes Cello: Sein Instrument hat fünf Saiten statt vier und ist in Quarten gestimmt, wie eine Gitarre. Tatsächlich zupft der 1964 in Erlangen geborene Musiker die Saiten dann auch wie ein Gitarrist, greift Akkorde, die er rhythmisch mit dem Daumen der rechten Hand anschlägt. Nur sehr selten streicht er die Saiten mit dem Bogen - lange Töne überlässt Fink lieber dem Tenor-Saxophon seines Duopartners Daniel Erdmann.

Frische Luft für das Holon Trio

Maximal 40 Zuschauer können nach dem neuen Hygienekonzept der Berliner Kulturverwaltung wieder im Jazzclub A-Trane an den kleinen Tischen Platz nehmen. Und dort, anders als in vielen kleineren Clubs, die Vorzüge einer ausschließlich mit Frischluft versorgten Lüftungsanlage genießen - wie Club-Chef Sedal Sardan im Pausengespräch erzählt. Auch hat man die Bühne vergrößert, damit die Musiker den vorgeschriebenen Abstand voneinander einhalten können.

Dieser Platz wird im zweiten Teil des Abends dann auch wirklich gebraucht, für den großen Flügel des schwedischen Pianisten Povel Widestrand, das Drumset des deutsch-nigerianischen Schlagzeugers Lukas Akintaya und den mächtigen Kontrabass des dänischen Bassisten Mathias Højgaard Jensen. Zusammen bilden sie das Holon-Trio.

Die Philosophie als Namensgeber

Benannt hat sich das Trio nach dem Holon-Konzept, einem philosophischen Gedanken, wonach sich ein Ganzes aus einzelnen Teilen zusammensetzt, aber wiederum auch Teil eines noch größeren Ganzen ist. So komplex wie dieses philosophische Konzept entfalten sich auch die kollektiven Improvisationen der beiden Skandinavier, die mit Lukas Akintaya einen der hörbar besten jungen Jazzschlagzeuger an ihrer Seite haben.

Mit ihrem biografischen Hintergrund verkörpern die drei Musiker den zentralen Gedanken des Abends: "Jazz aus Berlin". Alle drei sind Absolventen des Jazz-Instituts Berlin, bei dem die Universität der Künste mit der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" fruchtbar zusammenarbeitet.

Von elektronischer Schleife zu akustischem Abend

Das Holon-Trio hat gerade sein zweites Album veröffentlicht, aber anders als auf der CD "Shields Down" verzichten die drei jungen Musiker im Konzert auf jegliche Elektronik. Nicht die kleinste elektronische Klangmaschine ist im Stream, auf vorzüglichen Bildern aus zwei Kameras zu sehen. Scheinbar hat der schwedische Pianist sämtliche Synthesizer für diesen akustischen Abend mit Absicht zu Hause gelassen.

Johannes Fink dagegen hatte in der ersten Hälfte des Abends sein Cello mit Freude durch die elektronischen Schleifen einer "Loopmachine" laufen lassen. Ein Klangforscher auf fünf Saiten, der auch mal gern mit sich selbst im Dialog ist. Dazu spielt er dann eine Bassfigur in die Maschine und denkt sich dazu ein Solo aus, treibt sein Instrument dabei in größte Höhen - atemberaubend.

Sendung: Inforadio, 07.10.2020, 06:55 Uhr

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