Manolo Bertling als Orin Mannon und Paula Kober als Lavinia Mannon in "Mourning becomes Electra" (Quelle: Imago / Martin Müller)
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Theaterkritik | "Mourning Becomes Electra" - Viel zu viel gewollt und viel zu wenig bewirkt

"Mourning Becomes Electra" nannte Eugene O’Neill seine Überschreibung der antiken "Orestie". An der Berliner Volksbühne dreht jetzt Regisseurin Pinar Karabulut den Stoff weiter - und bedient sich dabei einiger Routinen der Soap Opera. Von Ute Büsing

Es beginnt wie ein Roadmovie. Ein Auto erscheint in weiter Landschaft. Kehrt darin der kriegerische Patriarch Ezra Mannon heim? Dieses extrem kalte Heim, wie er bald feststellen wird, ist bei Pinar Karabuluts Arbeit an der Berliner Volksbühne das Foyer des Hauses. Dort liefern sich die Gattin des Patriarchen, Christine, und seine Tochter Lavinia einen regelrechten Bitch-Fight um den verführerischen Nebenbuhler Adam Brant. Extrem stilisiert ist dieser erste Teil in Technicolor, ein bisschen wie beim späten Faßbinder.

Erinnerungen an "Twin Peaks" werden wach

Regisseurin Pinar Karabulut riskiert viel bei ihrer Version von Eugene O’Neills erster, extrem freudianischer, moderner Überschreibung der "Orestie". Die 33-Jährige – zum dritten Mal an der Volksbühne und ab jetzt im neuen Leitungsteam der Münchner Kammerspiele – setzt in ihren knalligen Inszenierungen auf starke Frauenfiguren. Sabine Waibel ist als Christine also eine eiskalt polierte durchtriebene Egomanin und Gattenmörderin, die ihre dressierten Kinder dem eigenen Vorteil opfert. Und bei Paula Kobers Lavinia braut sich dunkel-dräuend so viel zusammen, dass Erinnerungen an David Lynchs "Twin Peaks" wach werden.

Ein knalliges Mörder-Spiel

Sex, Lügen und Gewalt lassen den modernen Atriden-Clan in der Kulisse eines pinken plastiküberzogenen Vorstadt-Amerikas der 1960er Jahre implodieren. Auf der Bühne dreht sich ein umgekipptes blaues Geisterhaus, als der verlorene Sohne Orin heimkehrt und sich im Wäscheschrank der Mutter versteckt.

Der Ödipus-Komplex hat Manolo Bertling so gebeutelt, dass er wie ein arg armer Tropf nur noch hilflos zappelt. Was Orin nicht hindert – und das lässt an frühe Tarantinos denken – an der Seite der Schwester mit brutaler Lust Brant aus dem Weg zu räumen. Da nimmt das knallige Mörder-Spiel aus dem Totenreich gewaltig Fahrt auf, wird aber gleich wieder ausgebremst, weil der schwarze Malick Bauer als Brant einen langen Monolog zur Situation schwarzer Schauspieler auf deutschen Bühnen halten muss, der klingt wie eine überfällige Pflichtübung.

Ein dreistündiger Kleinbürger-Gewalt-Knaller

Am Ende verheddert sich der fast dreistündige Kleinbürger-Gewalt-Knaller mit Soap-Opera-Aufladung dann daran, dass Lavinia mit Orin als Gehilfen eine nicht enden wollende dümmliche Zaubershow abzieht. Bevor sie im hier finalen Akt der feministischen Selbstermächtigung endlich das Geisterhaus abschließt und sich Poetry-slammend als kreischiges Girlie von der Wiederkehr und vom Fluch der Toten befreit. Das ist dann doch viel zu viel gewollt und viel zu wenig bewirkt.

Sendung: Inforadio, 17. 10. 2020, 10.20 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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