Florian Wagner am Klavier (Quelle: rbb)
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Audio: Inforadio | 20.10.2020 | Henrike Möller | Bild: rbb

Showkritik | Florian Wagner - Das komödiantische Talent liegt in der Musik

Er steht für einen Generationenwechsel im deutschen Kabarett: Der Münchner Florian Wagner (auch bekannt als die eine Hälfte von Ass-Dur) hat am Montagabend in der Bar jeder Vernunft sein neues Solo-Programm vorgestellt. Henrike Möller war dabei.

Florian Wagner hat ein Problem: Er spielt zu gut Klavier. Wäre er nicht so ein Virtuose an den Tasten, würde vielleicht gar nicht auffallen, dass sich sein komödiantisches Talent im Vergleich dazu eher im Mittelfeld bewegt.

Wenn er von der Geheimwaffe einer jeden Frau singt, ihrer Handtasche (was da alles drin ist!) oder vom besten Jahrzehnt überhaupt, den 1990ern (weil: Nokia 3310, Tetris und Tamagotchi, is doch klar!) – dann fühlt sich das an wie ein Deja-Vu. Alles schon mal gehört.

Perfekter Schwiegersohn

Für einen Komiker wirkt Florian Wagner außerdem zu glatt, zu sehr nach perfektem Schwiegersohn. Wie er mit seinem weißen Shirt und seiner schwarzen Hose vor seinem Flügel sitzt, erinnert er ein wenig an Florian Silbereisen – nur in jung und brünett.

Aber sein Klavierspiel: Wenn Wagner Cover spielt wie beispielsweise des Nummer-Eins-Hits "Dance Monkey" von Tones & I, dann sind das nicht einfach nur Cover. Er führt die Songs spielerisch und absolut genial in eine andere musikalische Stilrichtung über und interpretiert sie dadurch komplett neu.

Virtuose an den Tasten

Ein weiteres musikalisches Highlight des Abends ist Florian Wagners Piano-Mashup aus den besten Songs der 1990er. Galant wie ein DJ, der sein Handwerk wirklich versteht, lässt er die Songs ineinander überfließen – von "Wannabe" von den Spice Girls über "Let's get loud" von Jennifer Lopez bis hin zu "Coco Jamboo" von Mr. President.

Florian Wagners originellster Einfall ist aber der folgende: Wie würde Helene Fischers Song "Atemlos" klingen, wenn Mozart ihn geschrieben hätte? Bekannte Popsongs von heute im Stil altehrwürdiger Komponisten. Diese Idee streut Wagner über den Abend verteilt immer wieder: "The Final Countdown" in einer Version von Bach, Beethoven versucht sich an Abbas "Money Money Money". Jedes Mal authentisch musikalisch übersetzt.

Das wahre komödiantische Talent liegt in der Musik

Und genau darin liegt Florian Wagners wahres komödiantisches Talent: nicht Comedy auf Musik, sondern Comedy mit Hilfe von Musik. Der Sommerhit "Despacito" in einer Version nach Franz Liszt. Das ist schon witzig. Weil skurril. Weil unerwartet.

Genauso Florian Wagners eigener Song "AFD". Hier greifen Musik und Text mit viel Witz ineinander: "Viele sagen ja zurecht, dieses Lied ist richtig schlecht", singt Wagner mit braver Stimme, "das liegt an den benutzten Tönen. Die gehören nicht zu den schönen. Diese Töne tun richtig weh. Sie heißen A, F, D." Und weiter: "A, F, D – nur weiße Tasten, schwarze gehören zu den verhassten."

Stärken stärken, Schwächen schwächen. Diesen Rat möchte man Florian Wagner nach seiner zweistündigen Music-Comedy-Show mitgeben. Wenn ihm das gelingt, könnte er Musikkabarett auf ein neues Level hieven.

Beitrag von Henrike Möller

2 Kommentare

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  1. 2.

    Gutes Pressephoto von Bechstein

  2. 1.

    Liebe Henrike Möller, ich bin beeindruckt von der tollen Kritik. Es ist alles so, wie Sie geschrieben haben. Vielen Dank dafür und weiterhin tolle Shows und Konzerte, die Sie kritisieren.

    Mit freundlichen Grüßen, Ihre Tischnachbarin in der Bar jeder Vernunft.

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