Jürgen Kuttner am Deutschen Theater 2019. (Quelle: dpa/Doris Spiekermann-Klaas)
Video: Inforadio | 14.10.2020 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Doris Spiekermann-Klaas

Theaterkritik | Kuttners Videoschnipselabend im DT - Belehrung durch die Hintertür

Seit fast 25 Jahren veranstaltet Jürgen Kuttner seine Videoschnipselabende, an denen er unter immer wechselndem Motto Ausschnitte aus Fernsehsendungen kommentiert. Hendrik Schröder fand den Abend im DT unter dem Motto "In Virus Veritas" nur zweitweise lustig.

Im schwarzen Hemd und mit dunkler Hose kommt Jürgen Kuttner an Dienstagabend auf die Bühne des Deutschen Theaters und macht sich erst mal ein Bier auf, aus dem er den Abend über aber kaum einen Schluck trinkt, so atemlos redet er sich durch sein Programm. "Tach Publikum", sagt er zur Begrüßung, "Tach Kuttner" antwortet das Publikum routiniert. Denn die Videoschnipselabende haben seit vielen Jahren ihre Stammbesucher*innen. Kuttner beschimpft erst mal die Leute auf dem Rang, dass die sich wohl für was Besseres halten würden und die richtig Coolen unten vor der Bühne sitzen würden. Ein Pfeifen und Johlen geht durch den Saal. Dann gibt er eine kleine Lehrstunde in Exponenzialrechnung, für alle, die die Ausbreitung des Virus nicht so ernst nehmen, weil es so viele Infizierte ja gar nicht seien.

Honnecker und Karneval

Und so steht Kuttner über zwei Stunden lang ganz alleine auf der Bühne und redet und redet, im Affenzahn, sich manchmal selbst überholend, ohne Zäsur und Punkt und Komma, sein Markenzeichen. Nur unterbrochen von den meist kurzen Schnipseln, die er auf dem Laptop abfährt. Manche von denen sind tatsächlich lustig. Zum Beispiel der Song im Karnevalsstil über Hellersdorf aus dem Mai 89, illustriert von Bildern von der Maidemonstration inklusive Honnecker, der Kinder küsst. Oder ein anderer Beitrag aus dem DDR-Fernsehen, in dem minutiös das Auftragen einer Gesichtsmaske erklärt wird. Kaum zu glauben, dass die das damals ernst gemeint haben. Der Zusammenhang zum Motto des Abends mit dem Virus und der Wahrheit ("In Virus Veritas") ist zwar nur mühsam zu konstruieren, aber egal, das ist ja auch der Reiz bei den Videoschnipseln: Alles kann auch immer ganz anders kommen als geplant.

Politisch auf Stammtischniveau

Zwischendurch kippt Kuttners Ton immer wieder fast in Agitation, dann wird seine Stimme noch lauter und aufgeregter, die Halsschlagader schwillt noch ein bisschen mehr, er macht einem regelrecht Angst. Ist das jetzt gespielt? Oder ist das gerade echt und ernst und gar nicht mehr lustig? Inhaltlich kommt jedenfalls meist nur Polemik auf Stammtischniveau heraus. Die Hunderten organisierten Neonazis, die völlig ungeniert Reichsfahnen schwenkend Seite an Seite mit gemäßigten Demonstranten auf den Corona-Demos laufen konnten, findet er nicht so dramatisch, die solle man ruhig mal reinlassen in den Reichstag, was könnten die da schon anrichten? Auf dem Verschwörungsideologen-Portal "Kenfm", das immer wieder mit Stereotypen einer jüdischen Weltverschwörung auffällt, könne man auch interessante Sachen lesen, findet Kuttner.

Er macht sich lustig über eine Petition, die verbale sexuelle Belästigung unter Strafe stellen möchte. Und dass Springer-Chef Matthias Döpfner für sein Milliardenpaket an Aktien, das er von Friede Springer geschenkt bekam, keinen Cent Steuern zahlen müsse, bringt Kuttner fast zum Schreien. Dass Döpfner natürlich jede Menge Steuern zahlen muss, sollte er die Aktien jemals veräußern, lässt Kuttner absichtlich weg oder er hat es schlicht nicht verstanden. Aber was soll's, das ist ja auch ein unterhaltsamer Videoschnipsel-Vortrag und kein Proseminar in Politik und Wirtschaft. Trotzdem unangenehm, durch die Hintertür so belehrt zu werden von einem, der an einem genaueren Blick auf die Zusammenhänge gar nicht interessiert scheint. Ein seltsamer Abend.

Beitrag von Hendrik Schröder

8 Kommentare

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  1. 8.

    danke für die Aufklärung, ich hatte gestern noch geantwortet, aber scheinbar fand rbb24 irgend etwas an dem Kommentar zensierenswert, vielleicht weil ich einen link gepostet hatte, egal.

    ich hatte eine link gepostet (zu steuerlicher Betrachtung von Schenkungen von Aktien allgemein) wo auch dieser Fall erwähnt wurde, und da hieß es dass durch einige "Schlupflöcher" wohl die Schenkung letztlich dazu führte dass nur 2,5mio steuern zu zahlen sei, was aus meiner Sicht soviel wie fast nichts ist (bei den Summen die wir hier betrachten), also finde ich jetzt eine Übertreibung nicht so schlimm und es durchaus legitim sich darüber aufzuregen ... Und wenn dann einmal die Schenkung durch ist, dann sollten nur noch die Aktienkurs-Gewinne mit 25% zu versteuern sein, also nicht nochmal die geschenkten Millionen im ganzen ... Gruß

  2. 7.

    Nun, Küttner palavert, einige hier tuen es ihm gleich.

    Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

  3. 6.

    Da für Döpfner die Anschaffungskosten bei der Schenkung der Aktien bei 0,- Eur liegen, ist für ihn bei Veräusserung der Verkaufserlös natürlich gleich dem Gewinn, den er verstäuern muß. Das wird er aber bei dem Wert der Aktien sicher sehr gut verkraften kann.

  4. 5.

    Die beste Satire ist m. E. diejenige, mit der sich jemand auch selber mit auf die Schippe nimmt und in dem Maße, wie ausschließlich nur die anderen, der einschlägige Gegner damit gemeint ist, kann Satire zum simplen Kampfmittel nur in anderem Gewande werden.

    Die Form, die Ästhetik, kann auch blenden und da will ich die Beispiele Leni Riefenstahl "Triumph des Willens" und ebenso die Sportpalastrede von Joseph Goebbels nehmen. Von der bloßen Machart her beides die Note 1 a.

    Wer jetzt wieder die berühmt-berüchtige "Nazikeule" anführt, dem sei gesagt, dass es hier nicht um Schwarz-Weiß-Malerei geht, sondern um Grautöne. Um den Punkt, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Kein Gesetzgeber könnte diesen Punkt finden, nur die eigene, persönliche Empfindung. Mir ist´s zu grob, was da tendenziell rumgeht.

  5. 4.

    Laut Dr. Kuttner handelt es sich bei den Abenden um "eine Mischung aus Kulturkritik, Philosophie und reinem Nonsens". Wer da hingeht um durch "lustige" Sachen banal unterhalten zu werden ist da sicher fehl am Platz und hat das ganze nicht verstanden.

    Und was soll sowas unreflektiertes?
    "Auf dem Verschwörungsideologen-Portal "Kenfm", das immer wieder mit Stereotypen einer jüdischen Weltverschwörung auffällt, könne man auch interessante Sachen lesen, findet Kuttner."

    Wenn Sie (Autor) das so "unkommentiert" stehen lassen wie Sie es machen, dann zeugt das von wenig Verantwortunsgbewustsein. Natürlich kann man interessante Sachen überall finden, das heißt doch aber nicht unbedingt dass man sich damit identifiziert. Gerichtsmediziener interessieren sich für die Obduktion von Leichen, wäre aber schade wenn die selbst für welche sorgen, wenn Sie die Analogie verstehen. Und ich will gar nicht erst auf Ihre Diffamierung bzgl. "Verschwörungsideologen-Porta "Kenfm"" eingehen...

  6. 3.

    "Und dass Springer-Chef Matthias Döpfner für sein Milliardenpaket an Aktien, das er von Friede Springer geschenkt bekam, keinen Cent Steuern zahlen müsse, bringt Kuttner fast zum Schreien. Dass Döpfner natürlich jede Menge Steuern zahlen muss, sollte er die Aktien jemals veräußern, lässt Kuttner absichtlich weg oder er hat es schlicht nicht verstanden." ja aber doch nur für die eventuell anfallenden Gewinne oder nicht? ... und Verluste wird er vermutlich sogar absetzen können, bleibt also letztlich, nehmen wir mal an die Aktien bleiben beim Wert da wo sie sind, dann steuerfrei 1mrd geschenkt bekommen ... wo liegt also das Problem, wenn sich Dr. Kuttner zu recht aufregt?

  7. 2.

    Schon vergessen?
    Der war auch mal einer von euch und hat wie auch Ken "FM" Jebsen Radio FRITZ in seinen Anfängen zu dem Leuchtturm in der Radio-Landschaft gemacht, der er einmal war.
    Lang ist es her und FRITZ nur noch ein beliebiges Blabla-Radio-Senderchen.
    Kuttner ist die Provokation an sich und da wo die Moderatoren auch im radio eins heute gepflegte eintönige politische Langweilige verbreiten, war in den Aufbruchjahren Vielfalt zu Hause.

  8. 1.

    Was darf Satire? Alles! (Kurt Tucholsky)

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