EVERYWOMAN von Milo Rau / Ursina Lardi im Oktober 2020 an der Berliner Schaubühne. (Quelle: Armin Smailovic)
Bild: Armin Smailovic

Theaterkritik | "Everywoman" in der Schaubühne - Ein stiller, starker Abend über das Sterben

Auch die Berliner Schaubühne ist aus der Corona-Pause zurück. Zum Spielzeitauftakt hat mit Milo Raus und Ursina Lardis "Everywoman" nun ein berührender, kluger Abend über das Leben im Angesicht des Sterbens Premiere gefeiert. Von Fabian Wallmeier

Helga Bedau hat Krebs. Bauchspeicheldrüse, inoperabel. Im Februar erhält sie die Diagnose. Dann kommt Corona. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen, auch die Theater schließen. Im Mai schreibt sie einen Brief an die Schauspielerin Ursina Lardi an der Berliner Schaubühne. In ruhigem Ton schreibt sie, wie schrecklich sie es findet, dass die Theater geschlossen sind. Sie berichtet von ihrer Diagnose - und dass sie gern noch einmal in einem Stück mitspielen würde.

Das ist die Ausgangslage von "Everywoman" von Regisseur Milo Rau und Ursina Lardi. Rund fünf Monate nach dem Brief und sieben Monate nach der letzten Vorstellung vor dem Lockdown hat die Schaubühne mit der Premiere am Donnerstagabend den Spielbetrieb wieder aufgenommen, als letztes der fünf großen Berliner Sprechtheater.

Rau und Lardi haben einen stillen und berührenden Abend über das Sterben und über das Leben im Angesicht des Sterben geschaffen. Lardi bestreitet ihn auf der Bühne allein. Bedau ist (vom Schlussapplaus abgesehen) nur in Videoeinspielern zu sehen, die über der Bühne des Globe-Saals auf eine Leinwand im Breitbildformat projiziert werden. Links steht ein Klavier, in der Mitte der von einer riesigen Pfütze bedeckten Bühne hinten ein paar Kartons und vorne ein Kassettenrekorder.

"Everywoman" ist nicht "Jedermann"

Glockenläuten sind aus diesem Kassettenrekorder schon beim Einlass zu hören. Sie sind der erste von vielen Verweisen auf Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", dem auch der Titel des Abends entlehnt ist. In dem Drama über die allmähliche Läuterung eines Mannes im Angesicht des Todes markieren die Glocken, die nur er hören kann, den Beginn seines Sterbens - eine Passage, die in "Everywoman" später auch zitiert wird.

"Everywoman" ist nicht direkt ein weiblicher Gegenentwurf zum "Jedermann", auch wenn die Uraufführung der Koproduktion im August ausgerechnet bei den Salzburger Festspielen, wo der "Jedermann" seit 100 Jahren alljährlich aufgeführt wird, das natürlich nahelegt. Lardis und Raus Abend ist vielmehr gleichzeitig eine nachdenkliche Annäherung an Motive des bombastisch-allegorischen Stücks und eine zarte, selbstbewusste Modernisierung des Stoffs.

Der Text hat nichts vom Schwulst des "Jedermann". Er ist klar und nüchtern, wenn es um Bedau geht - und wenn es um Lardi oder übergreifende Dinge geht, zwar mitunter sehr bilderreich, aber nie kitschig. In Monologpassagen schlägt Lardi den Bogen zu ihrer Kindheit in der Schweiz (oder zumindest der ihrer Bühnenfigur), erzählt vom langsamen Aussterben der Bewohner ganzer Landstriche in den Tälern und vom Sterben eines Pferdes auf der Galopprennbahn.

EVERYWOMAN von Milo Rau / Ursina Lardi im Oktober 2020 an der Berliner Schaubühne. (Quelle: Armin Smailovic)

Furchtlos den letzten Fragen gestellt

Lardi und Bedau treten an diesem Abend immer wieder in den Dialog - die eine auf der Bühne, die andere auf der Leinwand. Aus den Kartons holt Lardi einen Aktenordner und Fotos aus Bedaus Leben und stellt sie aufs Klavier. Lardi erzählt dann in der Ich-Form aus Bedaus Kindheit am Rand des Ruhrgebiets, von den Anfangsjahren in Berlin mitten in der Studentenrevolte, von ihrem Sohn, der in Griechenland lebt. In Skizzen wird dabei ein ganzes Leben mit all seinen Widersprüchen lebendig.

Furchtlos stellt sich "Everywoman" den universellen letzten Fragen des Lebens. Der Abend geht dem Schmerz nicht aus dem Weg, der mit dem Bewusstsein des nahenden Todes verbunden ist, gibt aber auch den gedanklichen Klarheiten Raum, die das Ordnen letzter Dinge auslösen kann. Der konzentrierte, kluge Text, Milo Raus gewohnt behutsame Regie und Ursina Lardis fein dosiertes Spiel sorgen dafür, dass "Everywoman" dabei niemals in unnötige Effekthascherei abgleitet.

Wie sie sterben möchte, fragt Lardi Bedau kurz vor Ende des Abends. In ihrer Wohnung, antwortet sie, bei offenem Fenster nach einem Sommerregen. Der setzt dann auch auf der Bühne ein. Lardi setzt sich ans Klavier, während auf der Leinwand die Kamera ganz langsam immer weiter zurückfährt, von Bedaus Gesicht, bis sie nur noch in einiger Entfernung zu sehen ist - und ganz verschwommen auch im zerstäubenden Regen vor der Leinwand. Ein sehr berührendes Bild.

EVERYWOMAN von Milo Rau / Ursina Lardi im Oktober 2020 an der Berliner Schaubühne. (Quelle: Armin Smailovic)

Traurig, aber beglückend

Das Tröstlichste an "Everywoman" ist aber vielleicht, wie leicht und klug der Abend Reflexionen über das Theater selbst einflicht. Dieser eine Moment am Anfang einer Aufführung sei ihr immer am liebsten gewesen, sagt Lardi zu Beginn. "Diese Lücke, bevor die Handlung beginnt. Wenn eine auf die Bühne kommt und man weiß nicht: Womit wird sie gleich anfangen? Worum geht es der gleich?" Kurz vor Schluss nimmt sie den Gedanken dann noch einmal auf - und bekennt sich jetzt zu der Lücke ganz am Ende einer Aufführung, "wenn das Stück vorbei ist, bevor die erste klatscht. […] Eine absolute Leere, in der wir endlich alle vereint sind."

Die Augenblicke, die sie da beschreibt, kann tatsächlich nur das Theater erschaffen. Wie schön, dass sie nun nach der Corona-Pause auch an der Schaubühne wieder möglich sind. Und wie bemerkenswert, dass sie auch an einem so ernsten, traurigen Abend wie diesem so beglückend sein können.

Beitrag von Fabian Wallmeier

3 Kommentare

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  1. 3.

    Auch ich finde den Beitrag sehr ansprechend und möchte mich dafür herzlich bedanken. Er hat mich neugierig werden lassen. Zeitlich werde ich es irgendwie einrichten können, mir das Stück anzuschauen.

    Eine Herausforderung. Immer noch wird der "langsame, schleichende, doch reflektierte Tod" weitgehend tabuisiert. In einer Gesellschaft des erstrebten Maximums in allen Bereichen - auch desjenigen der erstrebten Länge des eigenen Lebens - kommt der Tod schon per Definition immer zu früh.

    Maria Mies ist mir da im Kopf. Eine Kämpferin im Politischen. Und eine Hinnehmende, eine Reflektierende, was ihren eigenen Tod anging.

  2. 2.

    Vielen Dank für die netten Worte, Frau Neuendorf! Auch für den Hinweis zum Buchstabendreher beim Namen - das haben wir nun korrigiert.

  3. 1.

    Eine Theater-Kritik, die mich berührt und in mir den Wunsch weckt, das Stück zu sehen. Nur bei den Namen muss glaube ich hier und da nachgebessert werden, denn aus Bedau und Lardi wurde ein paar mal "Ledau". :)

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