30.09.2020, Berlin: Schauspieler Sebastian Grünewald bei der Fotoprobe "Die Orestie" in der Volksbühne (Bild: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 02.10.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Paul Zinken

Theaterkritik | "Die Orestie" an der Volksbühne - Bekenntnis zu ganz großer Ratlosigkeit

"Die Orestie" ist die erste überlieferte antike Tragödientrilogie. An der Berliner Volksbühne hat sie nun der Spezialisten für wuchtige Mythen-Stoffe, Hausregisseur Thorleifur Örn Arnarsson, abgeklopft. Stimmig ist das überladene Stück jedoch nicht, resümiert Ute Büsing.

Was für ein gedehntes, nerviges Spektakel! 130 Minuten lang viel Lärm um wenig, Wettstreit widersprüchlicher Stimmen, Noise-Konzert aus der Atriden-Blase. So. Das gesagt, ins Detail: Der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson, Spezialist für die bisweilen doch recht krachlederne populäre Überschreibung und Aktualisierung wuchtiger antiker Stoffe, verschneidet Aischylos Trilogie mit Eheszenen aus Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Und schon diese Klammer geht nicht auf.

Kurzschluss mit der Mutter aller Ehedramen

Das sich fetzende Paar aus der Mutter aller Ehedramen passt nicht zu dem blutigen Atriden-Fluch der Orestie. Auch wenn sich die Sparrings-Partner erst live im gutbürgerlichen Wohnzimmer, später in Filmzuspielungen mit allen möglichen Farben, im nimmermüden Spiel nicht nur blutrot beschmieren. Auch die ellenlangen Ausführungen zum eingeschränkten Proben- und Spielbetrieb unter Corona – mit archaischen Opfer-Ritualen und der Katharsis des klassischen Dramas kurz geschlossen, führen nirgendwohin. Es sind eher retardierende Momente, wenn vom angeblich im Corona-freien Island praktizierten Vorproben-Prozess berichtet und die Bühne dazu mit weißem Klebeband für Abstandsregeln tauglich gemacht wird.

Totaler Geschmacks- und Stilmix

Es herrscht großes Rätselraten im Publikum angesichts der schieren Überfülle der Film-, Oper-, Pop- und Politik-Zitate. Wie bereits in seiner Adaption von Homers "Odyssee" kippt der Hausregisseur im Geist der Volksbühne von Castorf/Pollesch/Schlingensief ein wahres Füllhorn von Einfällen aus. Die bündeln sich eher selten zu Aufmerkmomenten. Der große Kriegsherr Agamemnon führt sich, heimgekehrt aus Troja, mit einem veritablen Slapstick am Piano ein. Er sieht aus wie Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder in schlechteren Tagen und gibt einen Jammerlappen. Das zwölfköpfige Ensemble müht sich nach Kräften, diesem totalen Geschmacks- und Stilmix Konturen abzugewinnen.

Am Ende latscht sogar ein Donald-Trump-Double im Glitter-Flitter-Look durchs Bild. Letztlich ist der Abend ein Bekenntnis zu ganz großer Ratlosigkeit. Was gibt es noch zu sagen? Auf der Bühne und überhaupt? Wer hält Blutgericht über wen und warum? Diese verunsicherte Frage-Haltung stärker zu bedienen, anstatt sie unter Bombast zu ersticken, hätte der Orestie-Adaption vermutlich besser getan. Der Rest steht im Buche: Klytaimnestra mordet ihren heimgekehrten Kriegsherrn Agamemnon, der zuvor Töchterchen Iphigenie fürs Kriegsglück geopfert hatte. Der aus der Verbannung – hier ist es eben unbegreiflicherweise das Ehedrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" - heimgekehrte Orest killt die Mutter. Wie es der Fluch der Atriden will.

Exzessives Noise-Gewitter

Aber das ist Thorleifur Örn Arnarsson alles nicht stark genug. Also legt Iphigenie bei ihrer Opfererzählung ein Ei, pellt und verspeist es. Volksbühnen-Hausmusiker Sir Henry klimpert an einem der vielen Pianos auf der zu ganz großer Form auflaufenden Drehbühne einen "National Brotherhood"-Song. Dazu gibt es Chopin, Elektra-Partituren in Falsett, ein wirklich beeindruckendes exzessives Noise-Musik-Gewitter und ein Ende auf Monty Pythons Unterhaltungs-Hymne "Always Look on the Bright Side of Life". Da hat die zwischendurch verstummte doppelgesichtige Kassandra längst die Katastrophe verkündet und da ist Orest, von Apollo verteidigt, letztlich von Athene – und dem Volk - frei gesprochen und muss nicht länger in diesem Atriden-Comic mitspielen. Da ist die Demokratie angebrochen. Aus gemarterten Hirnen entweicht ein tiefes "Uff!".

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