Deutsches Theater: Zdeněk Adamec, hier: das Ensemble; © Arno Declair
Audio: Inforadio | 22.10.2020 | Ute Büsing | Bild: Arno Declair

Premierenkritik | "Zdeněk Adamec" - Dem Ensemble des Deutschen Theaters gelingt ein Grenzgang

Eine Kapelle kommt in einer Kapelle zusammen - sehr sinnfällig. Sechs Musiker sind irgendwo im nirgendwo gestrandet, die Instrumente in den Koffern. Sie heben an zu einem 90-minütigen Gesang der ausufernden Mutmaßungen: Warum hat sich der 18-jährige Tscheche Zdeněk Adamec 2003 auf der Treppe des Prager Nationalmuseums angezündet und verbrannt?

Erzählmuster einer leeren Mitte

In Peter Handkes Stück versuchen sie sich in Fakten, Recherchen, wahren Begebenheiten und Märchen darüber, wie es gewesen sein könnte: Warum der junge Steinmetzsohn aus einem böhmischen Dorf die Fackel der Selbstauslöschung wählte und damit nicht in die Geschichtsbücher eingeht wie Jan Palach 1969. Vorgestellt werden Erzählhaltungen, politische, persönliche und historische Erklärmuster einer leeren Mitte. Kam er nicht aus einer Kreuzfahrertradition?

Die sechs Gestalten aller Altersklassen, Geschlechter und Geschmacksrichtungen begeben sich in ein intensives Gespräch, wie es so - oder so ähnlich - in jeglichem Transitraum stattfinden könnte. Nur bei Handke, dem Dichter und umstrittenen Literaturnobelpreisträger, ist dieser Raum mythisch überhöht. Die Figuren wirken wie die Übriggebliebenen einer Katastrophe - auf Abstand zueinander.

Sie alle tragen ein Leiden mit sich herum

Jossi Wieler, selbst ein renommierter Theaterzauberer, macht in seiner ersten Regie am Deutschen Theater aus dem Konstrukt irrlichternder Mutmaßungen auch keine handfeste Sache. Aber er führt die ausgewiesenen Meinungspezialisten in Sachen Selbstverbrennung Zdeněk Adamecs doch behutsam in die je eigenen Seelenabgründe. Denn sie alle tragen ein Leiden mit sich herum – ein andauerndes Zittern, eine gerade überstandene Krebstherapie, einen kaum kurierbaren Weltekel.

Die Kapelle mit den aufgemalten Heiligenfiguren bekommt Risse, öffnet sich für die Beobachtung von Scheinspielen in der Außenwelt. "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" hieß ein früher Handke. Noch immer umkreist er den Riss zwischen sich und den anderen. Dem Ensemble des Deutschen Theaters gelingt ein Grenzgang.

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