Szene aus der "Tatort"-Folge "Krokodilwächter" (1996) unter der Regie von Berno Kürten mit den Schauspieler Winfried Glatzeder (2.v.r.) als Hauptkommissar Roiter und Robinson Reichel (r.) als Kommissar Zorowski. (Bild: dpa/Keystone/Röhnert)
Audio: Inforadio | 28.11.2020 | Interview mit Martina Zöllner | Bild: dpa/Keystone/Röhnert

Interview | 50 Jahre "Tatort" - "Viele Zuschauer finden es auch toll, sich aufregen zu können"

Vor 50 Jahren, am 29. November 1970, fuhr Kommissar Trimmel im "Taxi nach Leipzig" - so begann "Tatort" Nummer eins. Warum das Erfolgsrezept gleichermaßen aus Ritualen und Experimenten besteht, erzählt Martina Zöllner, die die Tatort-Folgen des rbb verantwortet.

Frau Zöllner, Sie verantworten die "Tatort"-Folgen des rbb. Kennen Sie das Erfolgsrezept dieser Serie? Welche Zutaten braucht es?

Martina Zöllner: Das Wichtigste vielleicht ist, dass sich in all den Jahren nichts geändert hat am Rahmen, nicht einmal der Vorspann. Der ist ja eigentlich grauenhaft nach heutigen Maßstäben. Aber es ist ganz bestimmt richtig. Und ich bin sicher, der wird sich nie ändern.

Man hört die ersten drei Takte und man weiß, worum es geht.

So ist es. Weil der Rahmen und auch die Uhrzeit, die Sendezeit, der Tag sich nie geändert haben, weil es immer 90 Minuten sind und am Ende immer ein Mord aufgeklärt wird, konnte sich zumindest in den letzten Jahren innerhalb dieses Formatgrenzen oder dieses Rahmens alles ereignen. Und es ist alles ausprobiert worden. Es gab die exzentrischsten Kommissare und die schrägsten Geschichten. Also da hat sich unheimlich viel getan und der Zuschauer ist mitgegangen.

Diese "Tatort"-Kommissare jagten Verbrecher in Berlin

Es musste sich ja auch was tun. Wenn Sie sagen, der Rahmen ist immer gleich geblieben - bei 1.146 Folgen könnte es ja mal langweilig werden. Wird es aber nicht, wie wir an den Zuschauerzahlen sehen und auch an der eigenen Begeisterung, muss ich zugeben. Woher kommt dieses immer wieder doch wieder Spannende?

Einerseits ist ja alles fix und andererseits ist das Ganze auch ein großer Wettbewerb, denn wir haben neun ARD-Häuser und ein Prinzip, eine Gesetzmäßigkeit des "Tatorts" von Anfang an ist seine Regionalität. Wir haben Ermittlerteams in den Regionen und jeder Sender hat mindestens ein "Tatort"-Team. Die großen Sender haben mehrere. Das bedeutet unwillkürlich: Wer sich anschickt, einen "Tatort" zu schreiben oder die Regie zu machen, geht in einen Wettbewerb mit den anderen. Und wenn man zum Beispiel, ich habe das erlebt, ein neues Ermittlerteam erfindet, dann guckt man ja unwillkürlich: Was haben die anderen? Wie ist das Portfolio? Wen gibt es noch nicht? Und auch für die Regisseure ist das die ganz große Bühne.

Und diese Figuren zu entwickeln, wird das nicht immer schwieriger? Ich habe mal nachgeguckt, in den 1970er Jahren taucht Kommissar Trimmel in jeder zweiten, dritten Folge auf. Es war also ein kleiner Kreis an Kommissaren. Heute sind es Dutzende. Der rbb hat zwei Sendungen im Jahr. Ist es da nicht wahnsinnig schwierig, die Figuren der Kommissare und Kommissarin aufzubauen?

Es gibt schon querbeet eine Verpflichtung zum Realismus. Und wir haben ja neue Generationen. Die Zuschauer werden älter mit den "Tatort"-Ermittlern. Aber es rücken, auch wie im wirklichen Leben, wie auf den wirklichen Kommissariaten neue Generationen nach. Und die wieder abzubilden, also zu gucken, wie ist denn heute, eine frisch von der Polizeischule kommende Kommissarin denkbar? Das ist per se schon eine Erneuerung.

Sie sagen Realismus. Die erfolgreichsten "Tatorte" der letzten Jahre waren aber gerade experimentelle, bis ins Surrealistische hinein mit Ulrich Tukur.

Es ist eine Mischung. Es gibt ja sozusagen Lager, auch unter den Zuschauern. Die einen regen sich über die sogenannten experimentellen Tatorte furchtbar auf, aber finden das natürlich auch toll, dass sie sich aufregen können und am nächsten Tag im Büro darüber streiten können. Das ist mehr das Realismus-Lager. Und die anderen finden diese ja permanenten künstlerischen Erweiterungen, die Genre-Anspielungen et cetera ganz toll und entdecken da immer wieder Neues. Beides ist erfolgreich.

Ist der "Tatort" trotzdem auch näher in unsere alltägliche Realität gerutscht? Am Anfang spielten die Szenen oft in irgendwelchen Villen bei irgendwelchen reichen Leuten, wo wir im Alltag nichts mehr zu tun haben.

Ja, der "Tatort" ist mehr in diverse soziale Milieus gegangen. Das ist nicht mehr nur das Bildungsbürgertum, was erzählt wird, das sind auch sozial problematische Milieus und neuralgische gesellschaftliche Themen, die hier erzählt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Michael Castritius, Inforadio

Sendung: Inforadio, 28.11.2020, 07:25 Uhr

5 Kommentare

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  1. 4.

    Sorry - Situationskomik
    "Viele Zuschauer finden es auch toll, sich aufregen zu können"
    Hihi :-D

    Nicht böse sein. Gesunde Adventszeit ihnen.

  2. 3.

    An diese irgendwie herrlich bekloppte Folge mit Michael Gwisdek, aus der das abgebildete Szenenfoto stammt, meine ich mich noch dunkel zu erinnern. Waren das nicht die TATORTE, die wegen unterirdischer Filmqualität - die wurden wohl zum Teil kostensparend auf "Billig-Video" gedreht - beinahe nicht zur Ausstrahlung zugelassen wurden, RBB?

  3. 2.

    Der 1975er TATORT - Tod im U-Bahnschacht von Wolf Gremm lößte damals einen mittleren Skandal aus und wurde von Franz Josef Strauß als "Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage" bezeichnet. Dieser m. E. irgendwie anarchisch wirkende TATORT spaltet seit jeher die Gemeinde, gilt aber heute als Meilenstein, da er als einer der ersten Filme die Ausbeutung ausländischer Arbeitnehmer in Deutschland thematisierte.

    Zuzüglich der ambitionierten Story und Bildsprache bietet der Film auch einen ganz feinen Soundtrack der 'de Angelis' Brüder (Santamaria), der mit coolem, flötenlastigen Prog-Rock Klängen an italienische Polizeifilme der '70 gemahnt.

    Leider ist dieses Unikum, ebenso wie alle anderen(?) restaurierten TATORTE, nicht in der RBB Madiathek aufgenommen worden. Warum das nicht, RBB?

  4. 1.

    Eine Suggestivfragefrage nach der anderen. Können Journalisten heute keine offenen Fragen mehr stellen?

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