Mit mehreren Kameras und Mikrofonen ausgestattet gelang der Livestream aus dem Deutschen Theater Berlin (Quelle: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair).
Audio: Inforadio | 21.10.2020 | Ute Büsing | Bild: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair

Livestream-Kritik | "Der Zauberberg" im Deutschen Theater Berlin - Zwei Sternstunden aus einer anderen Zeit

Mit Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" hat sich Regisseur Sebastian Hartmann schon in seiner Leipziger Zeit beschäftigt. In seiner Neuinszenierung für das Deutsche Theater Berlin zeigt er nun eine aufwändige besondere Bearbeitung einmalig als Livestream. Von Ute Büsing

Selten war Warten auf das Deutsche Theater Berlin so spannend. Es hat sich gelohnt, denn Regisseur Sebastian Hartmann und sein Ensemble bescheren dem Haus zwei Sternstunden wie aus einer anderen Zeit. Der mit sechs Kameras und über Mikroports aufgenommene Livestream liefert einmalig ein ganz eigenes expressionistisch-düsteres Gesamtkunstwerk um den Krieg der Körper und die Vergänglichkeit der Zeit.

Hartmann bedient nicht das gewohnte Narrativ von Hans Castorp und seinem siebenjährigen Aufenthalt im Lungensanatorium, sondern er erzählt den "Zauberberg" von seinem Ende im Ersten Weltkrieg her. Geschundene Körper stehen im Mittelpunkt. Es ist ein einziger Alptraum, den das weiß geschminkte Ensemble in seinen überwiegend Fettleibigkeit signalisierenden weißen Fatsuits, diesen Ganzkörperanzügen, aus sich herauspresst (Kostüme: Adriana Braga Peretzki).

Szene aus "Der Zauberberg" am Deutschen Theater Berlin (Quelle: Deutsches Theater/Tilo Baumgärtel).
Der Livestream entführt die Zuschauenden in eine andere Welt. | Bild: Deutsches Theater/Tilo Baumgärtel

Expressionistisch düsteres Gesamtkunstwerk von hoher Dringlichkeit

Eingeschlossen auf der leeren Bühne, nur gelegentlich umgeben vom verschlingenden umnebelten grollenden Bergpanorama (Videoanimation: Tilo Baumgärtel), geraten die vom Tod gezeichneten Gestalten in Atemnot, marschieren soldatisch, singen deutsches Volksliedgut vom aufgegangenen Mond bis zum Horst-Wessel-Lied, bringen eine Kanone in Anschlag. Alles, was hier überwiegend in Monologen pulsierend verhandelt wird, hat hohe Dringlichkeit.

Ob ein blutrünstiger Steinadler das Bergpanorama umkreist, ein von der Lungenkrankheit Gemarterter mit dem Tod kämpft oder der besonders herausragende Ensembleveteran Markwart Müller-Elmau den aufziehenden Krieg im "Flachland" hellsichtig herbeizitiert und am Ende auf der Drehbühne im Rollstuhl sitzt: alle Situationen dieser, wie es einmal heißt "versteinerten Vorstellung ohne Schatten", will heißen unter Corona-Abstandsbedingungen, werden überzeugend ausgespielt.

In Fatsuits wabern die Schauspieler über die Bühne (Quelle: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair).
In Fatsuits gehüllt wabern die Schauspieler über die Bühne. | Bild: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair

Körper im Räderwerk tun Wahrheit kund

Die totale Verausgabung der großartigen Akteure und die kluge neue Mischform der technischen Elemente erzeugen einen unwiderstehlichen Sog beim Publikum am Bildschirm. Anders als sonst oft bei den metaphysisch wabernden Hartmann-Inszenierungen ist jedes Wort klar verständlich und der Sinn auch. Linda Pöppel, Birgit Unterweger und Cordelia Wege sind die Leidensfrauen und Sirenen. Die Männer liefern sich Schlagabtausche. Selbst wenn es dabei manchmal heftig Heideggert, wie in der "kleinen Improvisation" zwischen Elias Arens und Manuel Harder: diese Körper im Räderwerk tun Wahrheit kund. Arens und Harder nehmen die von Thomas Mann geschilderten philosophischen Sanatoriums-Diskurse um den Sinn des Seins auf der Hinterbühne in Angriff, während sie abgeschminkt und umgezogen werden, sich die Hände desinfizieren und eine Zigarette rauchen.

Auch als einmal in dieser besonderen Liveübertragung Bild und Ton ausfallen, weil ein buntes Prisma explodiert, die technische Qualität ist überzeugend, überragend. So aufwändig live produziert wie hier bekommen lästig gewordene Streams eine ganz eigene lehrbeispielhafte Qualität. Sichtbar gemacht wird auch, was fehlt. Bei den Schwenks ins bis auf das Technikteam leere rot leuchtende Parkett verschwimmen die Konturen der Darsteller ins fast Unsichtbare. Am Ende gibt es eine Ansprache ans zeitlich und räumlich entrückte Publikum und kollektives Winke-Winke. Ein "Zauberberg" wie ein Zauberkunststück. Die analoge Premiere im Deutschen Theater Berlin soll, so schnell wie es Corona erlaubt, bald folgen.

Sendung: Inforadio, 21.11.2020, 8 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

4 Kommentare

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  1. 4.

    Dieses Stück konnte nur verstehen, wer den "Zauberberg" als Ganzes kennt. Nur dann erschloss sich die Erzählung vom Schluss her (Schlachtfeld 1. Weltkrieg). Die aus dem Zusammenhang gerissenen Stammel- und Schreimonologe waren auch nur für "Eingeweihte" einzuordnen. - Ich habe in meinem Leben bisher nur 1 Menschen kennengelernt, der es geschafft hat, den ganzen Zauberberg zu lesen. Und ich bezweifle, dass diese Aufführung dazu ermutigt hat, dies zu tun. An was für ein Publikum also richtet sich diese Aufführung? Und welchen Sinn hatten die Fettanzüge? Ja, es sollte wohl die Ausgeliefertheit an das rein Körperliche, Kranke darstellen. Aber wer konnte das als ohne Vorkenntnisse begreifen? Außerdem ist der "Zauberberg" bevölkert von JUNGEN, lebenslustigen Leuten und nicht von alten Fettsäcken. Und wo blieb Thomas Manns einzigartiger satirischer Blick auf die Szenerie? Ich kann dem Foristen Alexander nur zustimmen: Nach 20 Minuten konnte / wollte man einfach nicht mehr. Schade.

  2. 3.

    Mal abgesehen von der Art der Inszenierung, fand ich die Kameraführung misslungen. Es kam zu keinem Zeitpunkt Theater-Atmosphäre auf, weil die Kamera den Schauspielern regelrecht ins Gesicht gekrochen ist - so nah will ich überhaupt nicht dran sein, sondern ich will die Bühne im Ganzen sehen. Deshalb gehe ich doch ins Theater!

  3. 1.

    Ich hatte nach nur 20 min das dringende Bedürfnis, mich unbemerkt aus dem Zuschauerraum zu verabschieden.
    Mit der Romanvorlage hatte die Aufführung wohl recht wenig zu tun, außer vielleicht der Absicht, ein möglichst großes Interesse zu wecken.
    Ich kann nicht verstehen, warum man dieses facettenreiche Buch mit seinen starken Charakteren und faszinierenden Geschichten auf ein so abstraktes und unzugängliches Niveau heben und perspektivisch so verkürzen muss.
    Da vergeht mir inzwischen ganz schnell die Lust.
    Gewünscht hätte ich mir tatsächlich eine Art Wiederbegegnung mit "alten Bekannten".
    Ist das etwa zu öde, anspruchslos oder gar langweilig?
    Nein, antworte ich gleich selbst, ist es nicht. Es führt nämlich im Idealfall dazu, mich mit dem Regisseur und dem übrigen Publikum gemein zu fühlen und mich der Vereinsamung, die die Gedankenwelt eines literarischen Werkes zulässt, enthoben zu wissen. In diese Stimmung zu geraten, hatte ich nach wenigen Minuten jedoch alle Hoffnung fahren

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