Symbolbild: Eine Balletttänzerin auf Spitzenschuhen (Quelle: dpa/John Angelillo)
Audio: rbbKultur | 23.11.2020 | 19:50 Uhr | Antje Bonhage | Bild: dpa/John Angelillo

Diskriminierungsvorwürfe am Berliner Staatsballett - "'Für den Schwanensee wirst du dich weiß schminken'"

Chloé Lopes Gomes war die erste schwarze Ballerina am Berliner Staatsballet. Nun erhebt sie Rassismus-Vorwürfe gegen das renommierte Haus. Handelt es sich um einen Einzelfall? Oder ist Rassismus im Tanz ein strukturelles Problem? Von Antje Bonhage

Zunächst schien alles vielversprechend. Chloé Lopes Gomes war überglücklich, als sie im Januar 2018 zum Vortanzen ans Staatsballett Berlin eingeladen wurde. Berlin erschien ihr weltoffen, eine tolle Stadt zum Leben, viel Multikulti. Tänzerin an der größten Ballettkompanie Deutschlands zu sein: ein Traum! Doch es dauerte nicht lange und die Freude war getrübt.

Am Tag nach ihrer Audition rief sie eine Kollegin vom Staatsballett an: "Chloé, ich bin nicht sicher, ob du den Vertrag kriegst. Die Ballettmeisterin macht Stimmung gegen dich: Eine Schwarze in einer Ballettkompanie, das sei nicht ästhetisch", sagte Lopes Gomes dem rbb.

Lopes Gomes fühlte sich diskriminiert

Dennoch bekam Lopes Gomes vom damaligen Intendanten Johannes Öhmann den Vertrag. Wiederholt allerdings fühlte sich die Tänzerin von der Ballettmeisterin diskriminiert. Einmal habe diese bei einer Probe zu "La Bayadère" weiße Schleier ausgeteilt. Nur Chloé, als Einzige, habe keinen bekommen. "Denn", so die Trainerin lachend: "Du bist schwarz".

"Und als Öhmann weg war, kam die Ballettmeisterin zu mir und sagte: 'Ab jetzt wirst du dich in Schwanensee weiß schminken'", schildert die Ballerina ihre Erfahrungen. Die Interims-Intendantin des Berliner Staatsballetts Christiane Theobald habe Chloé Lopes Gomes als Weiße geschminkt gesehen. Warum sei sie weiß, habe sie Lopes Gomes gefragt. "Die Ballettmeisterin hat es von mir verlangt", antwortete die Ballerina.

Laut Gomes soll sich der Vorfall im März dieses Jahres ereignet haben. Theobald war zu dem Zeitpunkt noch Vize-Intendantin. "Doch sie hat nichts unternommen. Sie hat mich mit der Ballettmeisterin allein gelassen", erklärt Lopes Gomes.

Intendantin streitet Vorfall ab

Theobald streitet das ab. "Der Vorfall ist mir so überhaupt nicht bekannt. Den hat es auch so gar nicht gegeben", sagte sie dem rbb. Dennoch weist die Interims-Intendantin die Rassismus-Vorwürfe gegen ihr Haus nicht komplett von der Hand: "Ich glaube, dass es hier Alltagsdiskriminierung genauso gibt wie in der Gesellschaft draußen und wir uns alle auch selber fragen müssen und sensibilisieren müssen: Sind wir in unseren Verhaltensweisen bewusst genug, dass es keine Diskriminierung gibt? Und all das müssen wir jetzt angehen."

Rassistische Diskriminierung im Tanzmilieu sind jedoch längst kein Einzelfall. Erst kürzlich schrieben Mitglieder der Pariser Oper ein Manifest gegen rassistische Praktiken. Es sei ein strukturelles Problem, glaubt auch Chloé Lopes Gomes. Dass es kaum schwarze Balletttänzerinnen und -tänzer in den Kompanien gibt, das allein sage schon etwas aus.

Intendantin setzt auf Weiterbildung für Ballettmeister

Bei Missständen sitze man als Tänzerin oder Tänzer aufgrund der hierarchischen Strukturen allerdings stets am kürzeren Hebel. Der Druck sei enorm, niemand traue sich, etwas zu sagen. Auch sie habe große Angst gehabt, so Lopes Gomes. Erst jetzt, seit klar ist, dass ihr Vertrag am Staatsballett nicht verlängert wird, habe sie den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt.

Sie weiter zu beschäftigen könnte ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Christiane Theobald will stattdessen andere Maßnahmen anstoßen.

Aufklärung, Sensibilisierung, Schutzmaßnahmen und dann am Ende eines längeren Prozesses ein "Code of Conduct": "Ich bin auch jemand, der sehr eine Verfechterin ist, jährliche Weiterbildung für Ballettmeister einzufordern", sagte die Intendantin. Das sei ein wichtiger und richtiger Schritt. "Und ich finde, die Debatte um historische Aufführungspraxis und Repertoir-Fragen, die soll man auch mal lostreten."

Beitrag von Antje Bonhage

18 Kommentare

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  1. 18.

    An die Relativierer:
    Wieviele von euch sind weiß (und männlich)?

    Mal drüber nachdenken und so langsam vom hohen Ross absteigen.

  2. 17.

    Es gibt eine einfache Antwort darauf, die einige hier schon darlegten. In deren "schönen neuen Weltordnung" spielt jeder Schauspiel*_ende entweder nur noch sich selbst, bzw. Worte und Gesten müssen genügen und es obliegt den Zuschaue*_den daraus abzuleiten, wer oder was dargestellt werden soll.

  3. 16.

    Die Tänzerin sollte sich doch augenscheinlich nicht deshalb weiß schminken, weil die Künstlerische Leitung keine Schwarzen mag oder sehen möchte.
    Sie hatte wahrscheinlich den Auftrag, weiße Schwäne auf die Bühne zu zaubern.
    Warum wird ein Schmink- und Verkleidungsvorgang überhaupt als rassistisch erklärt? Das ist doch völlig schräg.
    Dann müssen wir Kultur abschaffen, weil Menschen optisch verändert werden. Oder wie???

  4. 15.

    "Wenn man sich weiß schminken muss, ist es rassistisch. Wenn man keinen weißen Umhang bekommt, ist es auch rassistisch." Nun ja. Wenn man sich als EINZIGER und mit dem expliziten Hinweis auf die Hautfarbe weiß schminken muss, ist es sehr wohl rassistisch. Und wenn man als EINZIGER und mit explizitem Hinweis auf die Hautfarbe keinen weißen Umhang bekommt, ist es natürlich auch rassistisch.
    Und "souverän kontern" ist immer so eine Sache, die sich leicht sagen und i. d. R. schwer umsetzen läßt. Insbesondere, wenn es der/die machtvolle Vorgesetzte ist (in dem Fall die Ballettmeisterin), der/die rassistisch agiert.

  5. 14.

    Was schreiben Sie denn da?
    Sämtliche Produktionen - ob in Kultur, Kino und Fernsehen sind doch derart durchgestylet, unterliegen mathematischen und gesellschaftlichen Vorgaben usw.
    Alles muss und soll total perfekt sein.
    Perfekte Premieren inbegriffen.
    Die arbeiten doch alle auf Ästhetik hin - eben um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

  6. 13.

    Wie man's macht, macht man's falsch:
    Wenn man sich weiß schminken muss, ist es rassistisch.
    Wenn man keinen weißen Umhang bekommt, ist es auch rassistisch.
    Also ich bin überhaupt nicht rassistisch.
    Ich mag Vielfalt und freue mich auch in Kunst und Kultur über jede Hautfarbe, jeden Farbtupfer und alle, die irgendwie anders sind.
    Das ist für mich auch eine Bereicherung Berlins.
    Ich hätte gar kein Problem, mich als Schwarzer zu schminken oder wenn mir als sehr Weißer die Rolle eines Toten oder Kranken zugeteilt würde. Man kann doch einfach auch mal souverän kontern, wenn einem was nicht passt anstatt alles auf strukturellen Rassismus zu schieben.
    Nervt langsam.

  7. 12.

    was für eine peinliche Diskussion. wer spielt dann einen Flamingo, der rosafarbige?
    Eine derartig agierende Ballettmeisterin sollte nicht in dieser Position arbeiten. Eine Klassifizierung in Hautfarben verbietet sich m.E. völlig. Das Bestehen auf die weiße Vorherrschaft ist nur noch ermüdend und abstoßend.

    Die Ästhetik hierbei heranzuziehen um die eigene kulturelle Identität zu bewahren, ist zutiefst nationalsozialistische Lehre und häßlich Realität .

    Ihr habt alle nichts gelernt

  8. 11.

    So lange Jesus noch als weißer Mann in den Darstellungen, Aufführungen und Bildern erscheint sind unsere Vorschriften zum "Rassendesign" absolut lächerlich. Der schwarze Schwan hat im Normalfall auch kein schwarzes Gesicht, warum sollte der weiße also ein weißes Gesicht tragen müssen?

    Ich bin da auf der Seite der Tänzerin.

    Nächste Stufe ist im Normalfall der Ruf nach Traditionswahrung um diese Art von Rassismus zu begründen.

  9. 10.

    Nachtrag: Wenn ein Weißer Nelson Mandla spielen würde, "müsste" er sich überhaupt nicht "dunkel schminken". Ein Schauspieler überzeugt nicht durch Farbe im Gesicht, sondern durchs - Schauspiel! Ein Mann kann eine Frau spielen, eine Frau einen Mann, ein Erwachsener ein Kind, ein Mensch einen Hund - und all das sogar ganz ohne Kostüm oder Schminke. Die Illusion allein durchs Spiel - das ist es doch, worauf es ankommt.

  10. 9.

    "Blackfacing" - schon mal gehört? Natürlich ist das rassistisch.

  11. 8.

    Ich finde es auch nicht rassistisch. Es passt einfach nicht. Und ich bin auch nicht rassistisch. Würde ein "Weißer" die Rolle von z.B. Nelson Mandela spielen, müsste er sich auch dunkel schminken. Das hat doch nichts mit Rassismus zu tun.

  12. 7.

    War es nicht. Im aktuellen Spiegel ist ein längerer Beitrag zum Thema (leider kostenpflichtig; ich habs in der Printausgabe gelesen). Es wurde auch von anderen bestätigt, dass die Tänzerin rassistisch beleidigt wurde. Weiterhin auch Asiaten, Schwule und eine aus Mexiko kommende Tänzerin.

  13. 6.

    Klingt, bei aller Sympathie für die Tänzerin, wie eine RetourKutsche, weil ihr Vertrag nicht verlängert wurde.

  14. 5.

    Es sind nun mal ein weisser und ein schwarzer Schwan. In solchen Fällen sollte die Rolle geteilt gespielt werden. Wir drehen uns immer im Kreis. Jetzt, da ihr Vertrag nicht verlängert wird, geht sie an die Öffentlichkeit - komisch. Wenn das nicht mal Diskriminierung ist. So langsam schreit jeder Diskriminierung, wenn was nicht passt.

  15. 4.

    Hieß es nicht vor kurzem, dass es gar keine Rassen gäbe ? Wie kann es denn dann Rassismus geben ? - Außerdem: wenn "Weiße" bestimmte Rollen spielen, die es verlangen, schminken die sich doch auch schwarz... ist das dann kein Rassismus ?

  16. 3.

    Es gibt in der Opernstiftung eine Frauenvertretung, einen hervorragenden Personalrat und eine tolle Konfliktberatung. Welches dieser Gremien hat die Tänzerin genutzt?

  17. 2.

    Ist es nicht auch strukturell diskriminierend, wie adipöse Menschen und auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen vom Ballet ausgeschlossen werden?

  18. 1.

    Ich persönlich glaube, dass die Aussage der Ballettmeisterin nicht vordergründig, sondern untergründig von Rassismus geprägt ist. Das mag für die Ablehnung gleichgültig sein, allerdings nicht für deren "Aufarbeitung". Es gibt in der Tat eine in Kauf genommene Diskriminierung und einen faktisch in Kauf genommenen Rassismus. Die und der besteht m. E. darin, dass die Seh- und Verhaltensgewohnheiten des Publikums ein solches angeblich nicht zulassen würden.

    Ein Zweieinhalb-Zentner-Mann als Tagesschausprecher fällt da ebenso raus wie eine Ballett-Tänzerin mit schwarzer Hautfarbe oder eine, die sichtbar 10 kg mehr auf die Waage bringt als ihre Nachbarinnen.

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