MEOW! (Quelle: Camille Blake / Berliner Festspiele)
Camille Blake / Berliner Festspiele
Audio: Inforadio | 09.11.2020 | Jens Lehmann | Bild: Camille Blake / Berliner Festspiele

Bilanz | Jazzfestival Berlin im Stream - Flöten-Metal oder Cat Content - Hauptsache Jazz

Seit einer Woche sind Bühnen und Clubs dicht. Betroffen auch: das Jazzfest Berlin. Das gab's von Donnerstag bis Sonntag stattdessen rein digital. Aber funktioniert das? Inforadio-Kulturredakteur Jens Lehmann hat den Praxistest gemacht.

Also bequemer ist das schon. Statt wie früher lange Konzertabende auf den echt unbequemen Sitzen im Haus der Berliner Festspiele rumzurutschen und dabei knapp der Thrombose zu entrinnen, kann ich jetzt auf dem eigenen Sofa rumgammeln. Bei der Kleidung muss man fast keine Abstriche machen. Der Jazzfan ist ja auch sonst nicht wählerisch.

Lob für die Berliner Szene

Jetzt also auch das Jazzfest im Livestream, aus Berlin - und aus New York. Und Festivalchefin Nadin Deventer muss da jetzt durch: Sie ist zur Fernsehmoderatorin ihres eigenen Festivals aufgestiegen. Drummer Jim Black, der gar nicht so heimliche Artist in Residence [Kunststipendiat, Anm.d.Red.], hilft ihr beim Warmwerden und lobt die Berliner Szene - auch wenn alle wissen, dass sie durch den kulturellen Shutdown in ihrer Existenz bedroht ist. Vier Jahre sei er jetzt hier in der Stadt, und er habe bisher nur an der Oberfläche der Szene gekratzt. Berlin gebe seine Geheimnisse eben erst nach und nach preis, sagt Jim Black - um beim Festival gleich den Gegenbeweis anzutreten. Mit "Meow!" hat er ein Ensemble von vier absolut wahnsinnigen Wahlberlinern gegründet und macht mit ihnen crazy Katzen-Content zwischen Hip-Hop und Elektro.

Joe Bidens Sieg motiviert

Klar fehlt bei den Übertragungen aus dem "Silent Green" in Berlin-Wedding und dem Theatersaal des "Roulette" in Brooklyn das Publikum. Sei es das unterkühlte, Arme-verschränkt-im-Sitz-zurückgelehnte Jazzfest-Publikum der letzten Jahrzehnte oder das euphorisierte junge Publikum, das die Nebenbühnen in den letzten Jahren zum pulsierenden Herz des Festivals gemacht hat, eine Band auch mal entscheidend nach vorne pushen kann. Aber Bands wie "Meow!" pushen sich eben selbst. Vielleicht auch, weil während ihres Auftritts am Samstag die Meldung von Joe Bidens Sieg durchdringt. Sowas motiviert.

Klar fehlt bei den Übertragungen aus dem silent green in Berlin-Wedding und dem Theatersaal des „Roulette“ in Brooklyn das Publikum. Sei es das unterkühlte, Arme-verschränkt-im-Sitz-zurückgelehnte Jazzfest-Publikum der letzten Jahrzehnte oder das euphorisierte junge Publikum, das die Nebenbühnen in den letzten Jahren zum pulsierenden Herz des Festivals gemacht hat, eine Band auch mal entscheidend nach vorne pushen kann.

Aber Bands wie Meow! pushen sich eben selbst. Vielleicht auch, weil während ihres Auftritts am Samstag die Meldung von Joe Bidens Sieg durchdringt. Sowas motiviert.

Jazzfest 2020 wieder jünger und weiblicher

Auch "Hydropuls" brauchen für ihren energiegeladenen Auftritt kein Publikum. Die Band spielt in einem von acht Radio-Konzerten – und auch da sind Kameras mit dabei. So kann ich Tom Lengert beim Bass-Spielen zugucken und leise vor mich hinsabbern, ohne unangenehm aufzufallen. Ansonsten macht Nadin Deventer da weiter, wo sie im letzten Jahr aufgehört hat – und macht das Jazzfest jünger und weiblicher. Sei es Heidi Heidelberg, deren Jazz-Koloratursopran auf Flöten-Metal trifft, sei es Lina Allemano und ihr Trio "Ohrenschmaus" - oder sei es die Saxophonistin Lakecia Benjamin, deren Coltrane-Hommage wahrscheinlich auch das konservativere Publikum von den Sitzen gerissen hätte.

Natürlich gibt es auch, ähms, "fordernde" bis anstrengende Ausflüge in die improvisierte und die Neue Musik. So sei Joel Grips mehrstündige Performance "Ceremony of Ceremonies" in der Kunstsprache Ap Lla am Eröffnungstag vielleicht Studenten musikethnologischer Seminare zur Analyse anempfohlen, alle anderen mögen sich kurz über den mal mehr, mal weniger vorhandenen Corona-Bart oder ein Äquivalent streichen und flugs zu einem der anderen Streams weiterklicken.

Zum Beispiel zu "Sunnosphere" vom britischen Pianisten Alexander Hawkins und dem Berliner Rapper Siska: Hawkins erläutert im Video-Interview kurz seine Kompositionsweise, zeigt Partituren, die nur so vor Kreisen, Strichen und Time Codes wimmeln und ab geht die wilde Improvisationsfahrt.

Nadin Deventers Vorstellung von Jazz geht wieder einmal weit über das übliche Maß hinaus - was man auch der Reihe "Off Stage" anmerkt, einer Reihe von Filmessays zu improvisierter Musik, allen voran drei Kurzfilme des großartigen "KIM Collective". Und während noch "Beyond with Bernhardt featuring The Micronaut" epische Klänge irgendwo zwischen dem Stil der Bands "Arcade Fire" und "Fire Orchestra" durch den Äther schicken und das Ende des Jazzfests einläuten, proste ich dem Festivalteam und den Kollegen von Arte Concert durch den Monitor zu, dass sie die Streams zu einem nicht nur akustischen, sondern auch optischen Genuss machen.

"Ick dachte, dit war schon?“

"Warum schreibt der Mann eigentlich im Präsens vom Festival? Ick dachte, dit war schon?", mag sich mancher fragen. Nun, die größte Errungenschaft des diesjährigen Festivaljahrgangs besteht meines Erachtens nach in der Verstetigung des Erlebnisses, um es mal so verschwurbelt auszudrücken, wie es die Berliner Festspiele sonst selbst zu tun pflegen. Wen das gedrängte Von-Gig-zu-Gig-hetzen nervt, wer sich gerne mal eine Pause gönnt, oder wer zum Bingewatchen [TV-Serien am Stück schauen, Anm.d.Red.] neigt und am liebsten alle vier Festivaltage in rund 30 Stunden Videoaufzeichnung hintereinander weggucken möchte: nur zu. Ein ganzes Jahr lang sind die Streams noch auf der Seite der Berliner Festspiele verfügbar.

Beitrag von Jens Lehmann

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