Symbolbild: 14.06.2019, Sachsen, Leipzig: Ein Kruzifix hängt vor der Empore in der Thomaskirche Leipzig mit dem Thomanerchor. Der Chor singt zur Eröffnung des Bachfestes 2019. Quelle: dpa/Hendrik Schmidt)
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Audio: Inforadio | 23.11.2020 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Hendrik Schmidt

Konzertkritik | Livestream aus der Leipziger Nikolaikirche - Bach ist stärker als die Pandemie

Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe ist für gut 100 Musiker angelegt. Nun waren in der Leipziger Nikolaikirche nur fünf Solisten und ein Dutzend Orchestermusiker anwesend - doch die bekamen Unterstützung aus aller Welt, in einem fein abgestimmten Mitsing-Event, findet Hans Ackermann

Solisten, ein großer Chor, dazu ein Orchester - normalerweise sind bei Aufführungen von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe gut 100 Menschen beteiligt. Die Zahl wurde am Sonntag bei einem Livestream aus der Leipziger Nikolaikirche sogar noch überboten - obwohl in der Kirche nur fünf Sänger und ein Dutzend Orchestermusiker anwesend waren.

Doch für die Corona-Version der Messe hatte das Leipziger Bach-Archiv bereits im Juni Sängerinnen und Sänger aus aller Welt aufgerufen, per Mitsing-Video an der Aufführung des großen geistlichen Werkes teilzunehmen.

Virtuelle Chöre

Die ersten Takte des "Kyrie" singen die Solisten in der Leipziger Nikolaikirche noch allein, dann teilt sich der Bildschirm in immer kleinere Quadrate. Mehr als 20 virtuelle Choristen stimmen auf diese Weise ein. Später kommt ein Vokalensemble aus Asien ins Bild - "Bachfest Malaysia" steht auf den T-Shirts dieser sichtlich begeisterten Bach-Interpreten.

Aus aller Welt haben Sängerinnen und Sänger ihre Mitsing-Videos nach Leipzig geschickt. Die Kommentarspalte neben dem Stream quillt fast über in den gut 100 Minuten, die das Konzert dauert. Grüße aus dem kanadischen Ottawa, aus London, Tokio und Kapstadt, aus Florida und Uruguay.

Livestream aus der Nikolaikirche (Quelle: MDR Klassik)
Bild: MDR Klassik

Gruß aus Bachs Geburtsstadt

Im "Gloria", dem zweiten Teil der Messe, sieht man auf dem Bildschirm dann zwei berühmte Leipziger Kirchenräume gleichzeitig: in der Großaufnahme die Musiker in der Nikolaikirche, dazu als Bild im Bild einen Solisten-Chor aus der Leipziger Thomaskirche. Beim "Sanctus", dem dritten Teil der Messe, singt dann der Chor der Georgenkirche in Eisennach, ein Gruß aus Bachs Geburtsstadt.

Gruß aus Eisenach

 

Im „Gloria“, dem zweiten Teil der Messe, sieht man auf dem Bildschirm dann zwei berühmte Leipziger Kirchenräume gleichzeitig: in der Großaufnahme die Musiker in der Nikolaikirche, dazu als „Bild im Bild“ einen Solisten-Chor aus der Leipziger Thomaskirche. Beim „Sanctus“, dem dritten Teil der Messe, singt dann der Chor der Georgenkirche in Eisennach, ein Gruß aus Bachs Geburtsstadt.

Gruß aus Eisenach

 

Im „Gloria“, dem zweiten Teil der Messe, sieht man auf dem Bildschirm dann zwei berühmte Leipziger Kirchenräume gleichzeitig: in der Großaufnahme die Musiker in der Nikolaikirche, dazu als „Bild im Bild“ einen Solisten-Chor aus der Leipziger Thomaskirche. Beim „Sanctus“, dem dritten Teil der Messe, singt dann der Chor der Georgenkirche in Eisennach, ein Gruß aus Bachs Geburtsstadt.

Fein abgestimmte Bilder und Töne

Mitten im "Sanctus" wechselt das Bild aus der Eisenacher Kirche zurück nach Leipzig. Da beide Kirchen unterschiedlich klingen, müsste sich in diesem Moment auch der Ton ändern - was man aber nur bei genauestem Hinhören bemerkt. Der Livestream liefert nicht nur perfekte Bilder, sondern auch fein abgestimmte Töne.

Umfangreiche Partitur

In der Eisenacher Georgenkirche wurde Bach 1685 getauft, in der thüringischen Stadt ist er schon als Kind mit Kirchen- und Orgelmusik in Kontakt gekommen. Über Anstellungen in Arnstadt, Weimar und Köthen gelangte Bach nach Leipzig, wo er 1723 Thomaskantor wurde und bis zu seinem Tod 1750 Kirchenmusik für den Gottesdienst komponiert und aufgeführt hat. Die h-Moll-Messe ist dabei Bachs letztes und auch größtes geistliches Vokalwerk.

Ihre umfangreiche Partitur hatte der Leipziger Chorleiter Gregor Meyer bereits im Juni für sein Ensemble umgeschrieben und in der Nikolaikirche aufgeführt. Die fünf Gesangssolisten singen dabei nicht nur sämtliche Arien, sondern bilden auch den Chor - aus dem der Countertenor Stefan Kunath mit der hohen Männerstimme immer wieder beeindruckend herausragt.

"Bach beats Corona"

Mit großer Sorgfalt wurde der Auftritt aus dem Sommer jetzt mit den Mitsing-Videos der hochmotivierten Laien erweitert. Vor allem am Anfang und am Ende sind diese Stimmen gekonnt in den professionellen Vortrag hineinmontiert.

Beim abschließenden "Dona Nobis Pacem" kommen Laien und Profis noch einmal auf dem Bildschirm zusammen und strahlen Zuversicht aus - "Bach beats Corona" heißt es dazu in den Kommentaren aus aller Welt - Bach ist stärker als die Pandemie.

Das Video ist weiterhin auf der Webseite von MDR Klassik zu sehen.

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ein schönes Zeichen aus Leipzig. Allerdings sollte davon Abstand genommen werden, Aufführungen mit 100 Ausführenden als die Norm zu nehmen - zu Bachs Zeiten (obwohl zu seinen Lebzeiten die gesamte Messe nie aufgeführt worden ist) werden kaum mehr als 30 Personen beteiligt gewesen sein, was in der historischen Aufführungspraxis glücklicherweise auch wieder realisiert wird. Die Großbesetzung ist eine Tradition des 19. Jahrhunderts und vermag den zutiefst kammermusikalischen Charakter des Werks nur unzureichend darstellen.

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