Berliner Stegreif.orchester (Quelle: Lucas Kemper Fotografie)
Audio: Inforadio | 30.11.2020 | Hans Ackermann | Bild: Lucas Kemper Fotografie

Konzertkritik | Stegreif.Orchester - Interaktiv zuschauen und mitmachen

Unter dem Titel "#freeMAHLER - was die Erde uns erzählt" – hat das Berliner Stegreif.orchester ein interaktives Online-Konzert veranstaltet. Mehr als 200 Zuschauerinnen und Zuschauer haben am Bildschirm zugeschaut und mitgemacht. Von Hans Ackermann

Am Anfang noch ganz original, mit Fagott und Klarinette, spielt das Stegreif.orchester ein Thema aus Gustav Mahlers Sinfonie Nummer 3. Doch dann setzt auch schon die "stilistische Befreiung" ein, verwandelt sich die spätromantische Melodie in zeitgenössischen Jazz.

Besondere Konzertformate als Markenzeichen

Das gefühlvolle Solo auf dem Flügelhorn spielt Juri de Marco. Er hat das Orchester gegründet und ist der musikalische Kopf des Ensembles, das seit 2015 mit größter stilistischer Freiheit sinfonische Partituren von Beethoven, Schubert oder Brahms bearbeitet. Bekannt für ihre besonderen Konzertformate sind die Musiker nun zum ersten Mal in einer interaktiven Online-Konferenz aufgetreten.

Gemeinsam atmen

Gut 200 Zuschauerinnen und Zuschauer haben vor ihren Webcams Platz genommen, sollen es sich dort "gemütlich machen", wie de Marco sagt, bevor er zu einer kleinen gemeinsamen "Übung" aufruft. "Damit wir nochmal kurz spüren, dass wir wirklich alle gerade in einem Raum sind, möchte ich mit allen Menschen hier im Saal, sowie allen Menschen in den Zimmern und Zoom-Kästchen drei gemeinsame Atemzüge nehmen."

Auf dem Bildschirm atmen nun die Musikerinnen und Musiker des Orchesters und auch in den kleinen Bildausschnitten darüber nehmen die meisten Zuschauer dieses Mitmachangebot gern an - und sind auf diese Weise sofort in das Konzertgeschehen integriert. Insgesamt werden an diesem Abend vier Sätze gespielt, zusammengestellt ist das Programm allerdings aus verschieden Mahler-Sinfonien sowie Liedern des 1911 gestorbenen Komponisten.

Webcam anlassen

Alle sollen beim Zuschauen und Zuhören "ihre Webcam anlassen", hatte Juri de Marco das Online-Publikum zu Beginn gebeten - denn nur so bekämen die Musiker bei diesem Konzertformat auch eine Rückmeldung. Wenn die Saalkamera dann später einen 360-Grad-Schwenk ausführt, kann man unter vielen interessanten Bühnendetails tatsächlich auch sich selbst auf der großen Videoleinwand im Saal sehen - eine Online-Galerie als Ersatz für echtes Publikum.

Stilistische Überraschungen

Der abwechslungsreiche Abend befreit Mahler, zeigt dabei das moderne künstlerische Potential dieses Komponisten, dessen Werke sinfonisch interpretiert werden, sich aber auch mit Jazz und Rock vertragen. Solche stilistischen Überraschungen sind in dieser Perfektion ein Merkmal des jungen Ensembles, das sich aus exzellenten Musikern zusammensetzt. Mühelos und organisch verbinden sich im Stegreiforchester Holz- und Blechbläserklänge, Geigen, Bratschen und Celli mit dem modernen Sound von Rockgitarre, E-Bass und Drumset.

Wut herauslassen

Darüberhinaus hat der Konzertabend auch noch eine ökologische Botschaft: passend zu Gustav Mahlers verbriefter Naturliebe fordert das Ensemble zum Umdenken auf, protestiert im vierten und letzten Satz mit stark modernisiertem Mahler und in Kostümen aus Plastikfolie gegen die Vermüllung der Weltmeere und die Zerstörung der Natur. Die angesichts dieser Katastrophe empfundene Wut, meint Juri de Marco, könne man doch ganz hervorragend auch in einer Online-Konferenz am heimischen Bildschirm ausleben: "Bei diesem Stück ist alles erlaubt, ihr dürft schreien, ihr dürft tanzen, Angst, Frustration, Wut - das könnt ihr jetzt so richtig rauslassen."

Sendung: Inforadio, 30.11.2020, 06:00 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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