Archivbild: Der Komponist und Pianist Carsten-Stephan Graf von Bothmer spielt am 24.01.2015 in Berlin in der Passionskirche am Klavier zu einem Film (Bild: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 10.11.2020 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Jens Kalaene

Kritik | Stummfilm-Pianist Graf von Bothmer - Die Leinwand im Blick

Mit "Panzerkreuzer Potemkin" hat Regisseur Sergei Eisenstein 1925 Filmgeschichte geschrieben. Am Montag wurde der Stummfilm im Stream aus dem Berliner Lido gezeigt - die großen Emotionen machte dabei Pianist Stephan Graf von Bothmer hörbar. Von Hans Ackermann

Auf die eigenen Kameraden schießen - wie es der zaristische Kapitän an Bord der "Potemkin" befiehlt? Oder sich der Meuterei der Matrosen anschließen? Mit bedrohlichen Akkorden und einer fragenden Melodie hält Pianist Stephan von Bothmer die Spannung in dieser Szene minutenlang hoch. Bis die Männer der Schiffswache schließlich ihre Gewehre sinken lassen und sich mit den Matrosen verbünden. Nun schlägt die Stimmung um, Revolution liegt in der Luft. Das Klavier wechselt vom bedrohlichen Stakkato, Bothmer schlägt auf seinem Konzertflügel dazu kämpferische Töne an.

Meisterhafte Montagetechnik

Ein Matrose ist am Ende dieser Auseinandersetzung aber doch tot, von skrupellosen Offizieren niedergestreckt, die dafür nun von den aufgebrachten Matrosen allesamt über Bord geworfen werden. Sollen sie dort doch die "Würmer füttern", wie es im eingeblendeten Zwischentitel heisst. Regisseur Sergei Eisenstein zeigt dazu noch einmal dasselbe Gewimmel von Maden, die sich einige Szenen zuvor in der Kombüse des Kriegsschiffes getummelt hatten, auf dem verdorbenen Speck für die Matrosen. Ein und dasselbe Bild in einem veränderten Zusammenhang - die "Maden" sind nur eine von vielen meisterhaften Montagen, mit denen der Film 95 Jahre nach der Premiere im Moskauer Bolschoi-Theater die Cineasten begeistert.

Mit "Panzerkreuzer Potemkin" ist Regisseur Eisenstein 1925 ein cineastisches Meisterwerk gelungen. Gedacht war er als als bolschewistischer Propagandafilm: Aus Protest gegen die schlechte Verpflegung an Bord entwickelt sich 1905 auf einem russischen Kriegsschiff ein Matrosenaufstand. Am Montagabend war der legendäre Stummfilm im Stream aus dem Berliner Lido zu sehen, live am Klavier spielte Stephan Graf von Bothmer dazu die Filmmusik.

Aufwändige Bilder

Leinwand und Pianist werden an diesem Abend von zwei getrennten Kameras aufgenommen, die unterschiedlichen Einstellungen aufwändig gemischt. So sieht man im Livestream auf dem Bildschirm rechts oben den Film, links unten zugleich den Pianisten. Seine beiden unermüdlichen Hände bearbeiten die Tastatur; wenn ihn die Kamera dann hin und wieder auch von vorn aufnimmt, zeigt sich, dass von Bothmer die Leinwand keine Sekunde aus den Augen lässt.

Vor allem wenn sich dort eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte entwickelt: Beim Massaker auf der "Potemkinschen Treppe" ist eines der vielen Opfern zaristischer Gewehrkugeln auch eine Mutter mit einem kleinen Kind. Die Frau fällt zu Boden, dabei entgleitet ihr ein hölzerner Kinderwagen. Unerträgliche Spannung baut sich nun auf, wenn der Wagen mit dem Baby die Treppe hinunterpoltert. Eine in vielen Filmen zitierte Szene, die bei Eisenstein kein glückliches Ende nimmt - während das Kind in Brian De Palmas Mafiafilm "The Untouchables - Die Unbestechlichen" zwar auch bedrohlich die Treppe des Bahnhofs von Chicago hinunterrattert, der Wagen aber in letzter Sekunde von FBI-Männern aufgefangen werden kann.

Die Szene der "Potemkischen Treppe" aus Sergej M. Eisensteins Film "Panzerkreuzer Potemkin" von 1925 (Bild: dpa/United Archives)Ein Stil aus der Filmszene auf der "Potemkischen Treppe"

Hochspannung mit Happy End

Für die Hochspannung dieser Szene wechselt der Pianist von sonst oft tiefen Tönen in das höchste Register seines Flügels - wunderbar kreischende Musik, wie man sie auch aus Hitchcocks "Psycho" kennt. So wie dort gönnt auch Eisensteins Film mit Bothmers Musik den Zuschauern in den gut 75 Minuten nur wenige Ruhepausen. Schnell ist für die Matrosen der "Potemkin" eine kurze Nacht an Bord vorbei, in der Morgendämmerung taucht am Horizont schon die gesamte Flotte des Zaren auf. Das mächtige Drillingsgeschütz des Panzerkreuzers wird geladen - aber am Ende nicht abgefeuert.

Stattdessen verbrüdern sich die revolutionären Matrosen mit den Seemännern des Zaren und feiern diese Solidarität - ein bolschewistisches Happy End, das der vorzügliche Stummfilmpianist Stephan Graf von Bothmer spätromantisch im Stil eines Tschaikowsky-Klavierkonzerts ausklingen lässt.

Beitrag von Hans Ackermann

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Eisenstein hat die musikalische Begleitung seines Stummfilmes nicht vorgegeben sondern den Pianisten überlassen. Der Film folgt im Aufbau streng der klassischen fünfaktigen Tragödie. Die Musik der deutschen Uraufführung von 1926 stammt von Edmund Meisel und wurde als kongeniale Umsetzung des Filmthemas empfunden.
    Der "Panzerkreuzer" ist eines der überzeugendsten Beispiele kommunistischer Propagandafilme überhaupt geblieben. Wie bei solchen Filmen üblich, darf man ihn aber nicht mit der historischen Realität verwechseln.

  2. 1.

    Cineastisch ein großartiges Werk und ich denke, dass Stephan Graf von Bothmer dem Film zu neuem, phantastischem Klang verholfen hat. Was er zweifellos auch verdient.

    Und zugleich ist für mich der Panzerkreuzer Potemkin auch das selbstverstandene Abbild der so bezeichneten russischen Revolution in all ihren Facetten. Eine davon war - nicht verwunderlich? - ein zutragegetretener Antisemitismus, als der "typische Jude" mit Rauschebart, Zylinder und offen getragener Weste oben auf der Freitreppe steht. Dazu die Einblendung "Nieder mit den Juden!". Zum Gedankengang zwischen dem raffenden Kapital und dem schaffenden Kapital ist es da in der Tat nicht mehr weit.

    Den Film schmälert das natürlich in keinster Weise, waren doch alle, die an ihm beteiligt waren, "Kinder ihrer Zeit" und damit auch von deren teilw. eingeengten Vorstellungen. Das sollte vielmehr nur ein Argument gegen Überhöhung sein.

Das könnte Sie auch interessieren