Therterstück: Vertigo. Konzept und Regie: Gerd Hartmann. Buehne: Isolde Wittke. Kostueme: Pablo Alarcon. Licht: Katri Kuusimaeki. Ort: Theater Thikwa. Geplante Urauffuehrung: 9. Dezember 2020 (coronabedingte Verschiebung). Spieler: Frank Schulz und Louis Edler. Musiker: Alexander Maulwurf und Louis Edler. Theater unter den Bedingungen der Corona Pandemie mit Hygienekonzept und Abstandsregeln. (Quelle: D. Baltzer/bildbuehne.de)
Audio: Inforadio | 27.11.2020 | Ute Büsing | Bild: D. Baltzer/bildbuehne.de

Theater Thikwa probt "Vertigo" - Break-Beat-Oratorium zu Autismus unter Corona-Bedingungen

Die Theater und der Lockdown ist eine Art unendliche Geschichte. Auch Thikwa, das Berliner Theater für Menschen mit und ohne Behinderung, muss damit umgehen. Seine Uraufführung zum Thema Autismus, "Vertigo", geht nun online an den Start. Von Ute Büsing

 

Autismus hat vielfältige Ausdrucksformen und ein großes Spektrum. Er kann Hindernis, aber auch Bereicherung sein. Das Theater Thikwa macht aus der Auseinandersetzung mit Autismus "ein ernsthaft leichtes Break-Beat-Oratorium des Daseins“, so kündigt es das Stück jedenfalls an.

Ideengeber ist das langjährige Ensemblemitglied Max Edgar Freitag. Autismus gehört zu seiner Geschichte und zu seinem Alltag. Sein Umgang mit dieser Entwicklungsstörung ist nach vorne gerichtet. Das heißt bei Thikwa natürlich: auf die Bühne, in die Öffentlichkeit, ins Rampenlicht. "Ich habe unserem Regisseur und künstlerischen Leiter Gerd Hartmann das eigentlich vorgeschlagen", erzählt Max Edgar Freitag beim Endproben-Besuch. "Er hat mich schon lange beobachtet und war interessiert daran, ein Stück zum ganzen Autismus-Spektrum zu machen."

Behinderung, Bereicherung, Selbstermächtigung

Regisseur Gerd Hartmann hat sich auf Max Edgar Freitags Steilvorlagen eingelassen. Mit Frank Schulz und Louis Edler hat er zwei weitere Thikwa-Ensemblemitglieder mit Autismus für eine von Beat-Box- und Tanz-Elementen durchdrungene starke Show gewonnen. Sie macht den titelgebenden "Vertigo" des Autismus – Fachbegriff für Schwindel - deutlich und katapultiert das nicht betroffene Publikum auf unsicheres Terrain.

"Ich wollte auf keinen Fall psychologisieren und personalisieren", erzählt der preisgekrönte Regisseur. "Es geht zwar auch um Max', Franks und Louis' Leben. Aber der Kunstgriff besteht darin, dass sie von einem, auf der Bühne gar nicht anwesenden anderen Autisten erzählen, sich in ihn hineinversetzen."

Dieser andere ist ein bildender Künstler. Seine "Tools", Plüschherzen und Puppen, illustrieren jetzt die sensible Produktion. Durch die aus der Darstellung eines anderen gewonnene Distanz erlaubt "Vertigo" die Selbstermächtigung derer, die real auf der Bühne stehen, ihren über Mikroports verstärkten Tanz mit dem Dämon Autismus, der eben auch eine ungeheure Bereicherung sein kann.

Therterstück: Vertigo. Konzept und Regie: Gerd Hartmann. Buehne: Isolde Wittke. Kostueme: Pablo Alarcon. Licht: Katri Kuusimaeki. Ort: Theater Thikwa. Geplante Urauffuehrung: 9. Dezember 2020 (coronabedingte Verschiebung). Spieler: Frank Schulz und Louis Edler. Musiker: Alexander Maulwurf und Louis Edler. Theater unter den Bedingungen der Corona Pandemie mit Hygienekonzept und Abstandsregeln. (Quelle: D. Baltzer/bildbuehne.de)

Endproben im engsten Produktions-Cluster

Wie andere Berliner Theater auch, egal ob groß oder klein, leidet Thikwa am Corona-Lockdown, beziehungsweise dem ständigen Hin und Her zwischen Öffnung und Schließung. Strikte Hygienemaßnahmen werden nicht nur in der Werkstatt, sondern auch während der Proben des Theaters für Menschen mit Behinderung eingehalten. Strenger als andernorts sind sie aber nicht, wie Max Edgar Freitag und Gerd Hartmann erzählen.

Im engsten Produktions-"Cluster" tragen die drei Darsteller und der Regisseur keine Masken. Das künstlerische und technische Team um sie herum aber sehr wohl. Auch der die Produktion vorantreibende Beatboxer Alexander Maulwurf muss Maske tragen, wenn er nicht mit auf der Bühne ist. Alle halten sich an die Abstandsregeln und gelüftet wird auch durchgängig.

Das Ensemble war froh, "Vertigo" wenigstens Premieren-reif durchproben zu dürfen. Doch es schmerzt natürlich, die fertige Produktion erstmal "auf Eis zu legen", wie es Regisseur Gerd Hartmann sagt, oder "in den Brutkasten zu stecken", wie es Max Edgar Freitag formuliert: "Da reift sie jetzt heran, bis die Familie sie abholen kommt!"

Dass Thikwa jetzt weiter mindestens bis Anfang des kommenden Jahres fürs Publikum, also die erweiterte Familie der Freunde des Hauses, geschlossen bleibt, schmerzt alle Beteiligten. So viele Produktionen sind längst in der Pipeline. Wenigstens wollen sie "Vertigo" jetzt als Online-Premiere zeigen: nämlich am 12. Dezember um 20 Uhr. Die Zugangsdaten dafür gibt es über die Thikwa-Website.

Beitrag von Ute Büsing

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