Archivbild: Bei der Preisverleihung der 4. Listen To Berlin Awards 2019 eröffnet Sängerin Zustra die Veranstaltung im Kesselhaus der Kulturbrauerei (Bild: dpa/Ralf Müller)
Bild: dpa/Ralf Müller

Verleihung der "Listen to Berlin Awards" - "Kultur ist keine Freizeitgestaltung"

Für ihr Engagement, Berlin zu einem "besonderen und bedeutenden Musikstandort" zu machen, sind am Dienstagabend verschiedene Personen und Organisationen ausgezeichnet worden. Corona-konform per Stream - und Stream-konform chaotisch. Von Hendrik Schröder

Der Musikpreis "Listen to Berlin Awards" würdigt Menschen, Einrichtungen und Initiativen, die sich besonders stark gemacht haben für die Berliner Musiklandschaft. Dabei geht es nicht um kommerziellen Erfolg, sondern um Engagement und Haltung.

In diesem Jahr mussten die Ausrichterinnen und Ausrichter der "Listen to Berlin Awards" allerdings zunächst mal selbst besonderes Engagement an den Tag legen: Eigentlich war die Preisverleihung als Event gedacht - mit im besten Fall klatschenden Publikum, Laudatorinnen und Laudatoren vor Ort, viel Live-Musik. Durch die neuen Corona-Regeln musste der Award nun kurzerhand ins Internet wandern und wurde per Stream übertragen. Moderator und Moderatorin standen quasi in einem fast leeren Raum und sprachen in die Dunkelheit. Gäste waren nur mit viel Abstand vor Ort, viele wurden per Video zugeschaltet. Der Ton war oft verrauscht, die Regie chaotisch, das Licht zu dunkel. Aber egal - alle vesuchten, das Beste daraus zu machen.

Streams als Existenzretter

Katja Lucker vom Musicboard bekam einen Preis, weil sie solo-selbständige Künstler in der Krise schnell und unbürokratisch unterstützt hatte. Sie wurde per Skypeanruf zugeschaltet und fragte erst mal: "Sagt ihr mir noch mal, warum ich jetzt zugeschaltet bin?" Wurde ihr dann gesagt.

Den Preis für Nachhaltigkeit bekam die Green-Music-Initiative. Die Gruppe um den umtriebeigen Gründer Jacob Bilabel berät Veranstalter und Agenturen, wie man die Konzert - und Entertainmentbranche umweltverträglicher und CO2-neutraler machen kann. Zum Beispiel haben über Veranstaltungen, bei denen die Besucherinnen und Besucher über Treträder den benötigten Strom selbst produzieren.

Einen Preis für Musikwirtschaft gab es auch. Und der stand wie fast der ganze Abend unter dem Schatten der enormen Herausforderungen, denen die gesamte Branche seit Beginn der Pandemie ausgesetzt ist. Der Preis ging an das Portal "United we Stream", das es möglich gemacht hatte, zahllose Konzerte in guter Qualität während des Lockdowns zu streamen. Und nebenbei noch Spenden für in Not geratene Musiker und die Seenotrettung zu sammeln.

"Kultur ist Seelennahrung"

Einen Preis für Haltung gab es auch - geile Kategorie eigentlich. Den bekam Frank Zander, für sein jahrezehntelanges Engagement für Obdachlose. In Lederjacke mit Gitarrenansteckern stand er dann ewig cool vor der Kamera und bedankte sich und sagte: "Bei Armut einfach wegschauen und sagen, da kann man nichts machen, das geht nicht."

Der Satz des Dienstagabends kam aber - in Angesicht wieder geschlossener Theater, Clubs, Konzerthäuser, Kinos und Museen - von der Multimediakünstlerin Danille de Pichiotto. "Kultur ist keine Freizeitgestaltung, Kultur ist Seelennahrung", sagte sie in ihrer Laudatio. An dieser Stelle würde dann normalerweise Applaus vom Publikum kommen. Leider war keines da. Nächstes Jahr wieder. Vielleicht.

Beitrag von Hendrik Schröder

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich finde dieses ganze Framing furchtbar.

    Die Kultur stirbt nicht aus, wenn einzelne Künstler pleite gehen. Die Kultur ändert sich mit der Zeit, aber sie wird nie verschwinden, auch ohne Geld.

    Ich mache mir viel mehr Sorgen, dass der Staat aktuell Geld verteilt, als handle es sich um Gummibärchen. Wir hatten diese Finanzierung mit der Druckerpresse schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts und wir wissen alle, wohin das führte.

    Übrigens, das Wort “Kulturschaffende” ist eine Wortschöpfung der DDR. Müssen wir diesen Begriff unbedingt nutzen?

  2. 1.

    Ich würde die Bedeutung der freien Zeit, der Freizeit, gar nicht so gering ansetzen, wie das ein Teil der Kulturschaffenden tut. Im Gegenteil: Für mich verkörpert sich im Verhältnis der Berufsarbeit und der Kultur eher das Verhältnis zwischen Pflicht und Kür. - Eine Gesellschaft, in der die Kür unterhalb der Pflicht läge, wäre eine geradezu armselige.

    Also: Ohne Berufsarbeit ist keine Gesellschaft denkbar, ohne Kultur mit anderem Horizont auch nicht.
    Bauten ggf. nach ewig gleichem Muster schaffen bezahlbaren Wohnraum; schmuckvolle, einmalige Bauten schaffen Identität und sind Sinnbild für die Unverwechselbarkeit einer Stadt.

    Kultur ist nicht Wirtschaft, denn dass Kultur nur die bloße Unterabteilung gängigen Wirtschaftens wäre, ist ja der wesentl. Grund für die berechtigte Ablehnung von T T I P.

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