Archiv - Blick auf das Reichssportfeld im Jahr 1936. (Bild: dpa/arkivi)
Audio: Inforadio, 02.11.2020, Nadine Kreuzahler | Bild: dpa/arkivi

"Olympia" von Volker Kutscher - Gereon Rath steigt mit Deutschland in die Finsternis

Volker Kutschers Romane mit Kommissar Gereon Rath sind die Vorlage für "Babylon Berlin". Von den Partys der wilden 20er ist im neuen Roman nichts mehr übrig. Rath muss diesmal während der Olympischen Spiele 1936 ermitteln. Nadine Kreuzahler hat "Olympia" gelesen.

Berlin im Sommer 1936: Die Stadt ist im Olympia-Fieber. Weiße Fahnen mit bunten Ringen wehen mit Hakenkreuzflaggen um die Wette. Im Olympischen Dorf herrschen Lagerfeuerstimmung und internationales Flair. Sogar die USA, die kurz zuvor noch mit dem Boykott der Spiele gedroht hatten, haben ihre Sportler nach Berlin geschickt. Die Welt ist zu Gast bei den Nazis und damit Teil der Propagandaschlacht. Die Schaukästen mit der "Stürmer"-Hetze wurden abmontiert, judenfeindliche Schilder ebenso. Hitler-Deutschland gibt sich weltoffen. So wundert sich der US-Gangster Abraham Goldstein, der für Geschäfte nach Berlin zurückkehrt, über die ungewohnte Freundlichkeit.

"Einer Freundlichkeit, die zu Berlin nicht so recht passen wollte, nicht zu dem Berlin, von dem sie sich daheim in den Staaten erzählten. Von einer Stadt, in der die Regierung einen unverhohlenen, offenen Antisemitismus pflege, in der man als Jude nicht mehr arbeiten, nicht mehr leben, nicht mehr atmen könne. Davon hatte Abraham Goldstein bislang nichts gemerkt, im Gegenteil. Alle Berliner, alle Deutschen, ja selbst der Zollbeamte in Hamburg, hatten ihn, trotz des offenkundig jüdischen Namens in seinem Pass, mit nichts als ausgesuchter Höflichkeit behandelt."

Sportreporter stehen während der Olympischen Spiele in Berlin 1936 im Olympiastadion. (Bild: dpa/United Archives)
Sportreporter berichten 1936 aus dem Olympiastadion. | Bild: dpa/United Archives

Zerrissener zwischen den Fronten

Schon die letzten beiden Romane von Volker Kutscher waren keine klassischen Polizistenkrimis mehr - wie von der Serie "Babylon Berlin" übernommen - auch sie spielten schon in der Zeit nach Hitlers Machtübernahme. Mit "Olympia" ist Kutscher im Jahr 1936 angekommen. Oberkommissar Gereon Rath gerät immer stärker zwischen die Fronten von Sicherheitsdienst, Gestapo und SS. Heinrich Himmler ist Polizeichef und:

"Rath konnte es nicht ausstehen, wenn die SS im Zusammenhang mit der Kriminalpolizei von Kollegen sprach. Das Schlimme war nur, dass es stimmte. Seit Heinrich Himmler Polizeichef war, entsprach das genau den Tatsachen. (…)

Er wusste nicht, wie viele Kriminalbeamte inzwischen bei der SS waren, jedenfalls wurden es immer mehr. Sie trugen keine Uniform, doch führten sie neben ihrem Polizeidienstgrad nun auch ein SS-Rangabzeichen. Obwohl Rath dem SD und damit der SS zuarbeitete, hatte er sich bislang geweigert, diesen Schritt zu gehen, er war kein Parteimitglied und auch kein Mitglied in irgendeiner NS-Organisation, er war ein Kriminalbeamter vom alten Schlage. Und das wollte er auch bleiben."

Wir steigen mit Gereon Rath immer weiter hinab ins düstere Deutschland bis in die Folterkeller der SS.

Mord im Olympischen Dorf

Am Anfang aber steht ein Mord. Gereon Rath wird ins Olympische Dorf versetzt. Ein amerikanischer Sport-Funktionär ist im Speisesaal tot umgefallen und für SS und Gestapo ist klar: Da ist eine kommunistische Verschwörung am Werk, um die Spiele zu manipulieren. Gereon Rath soll die Verschwörer finden. Heimlich verfolgt er aber eine andere Spur und trifft dabei auch seinen Pflegesohn Fritz wieder. Er war ihm und seiner Frau Charly wegen politischer Unzuverlässigkeit im letzten Roman "Marlow" weggenommen worden. Der 15-Jährige ist im Jugendehrendienst bei Olympia, er schwärmt für schwarze Sportler wie Jesse Owens und Hochsprung-Star Dave Albritten. Das macht ihn zur Zielscheibe einiger Hitler-Jugend-Kameraden. Außerdem hat Fritz zufällig gesehen, wie der amerikanische Sport-Funktionär gestorben ist.

"Er wollte nicht mehr daran erinnert werden und noch weniger wollte er darüber reden. Sie sollten ihn doch alle in Ruhe lassen. Auch Gereon. Gerade Gereon".

Adolf Hitler sitzt bei den Olympischen Spielen im August 1936 in der Führerloge des Olympiastadions. (Bild: dpa/KEYSTONE)
Hitler beobachtet im August 1036 die Olympischen Spiele. | Bild: dpa/KEYSTONE

Die Diktatur zieht sich zu

Im Olympischen Dorf gibt es noch mehr Tote. Gereon Rath gerät immer mehr unter Beschuss von allen Seiten und wird von seinem ehemaligen Kollegen Sebastian Tornow erpresst, der mittlerweile ein hohes Tier bei der SS ist.

Auch Charly hat schlimme Erinnerungen an Tornow. Sie steigt als Privatdetektivin in die Ermittlungen mit ein und darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit Gangster-Bekannten aus früheren Rath-Romanen.

Während die Handlung mit Tempo und Spannung voranschreitet, ist der Alltag und das Leben in einer immer enger werdenden Diktatur das eigentliche Thema in "Olympia".

Während Charly sehr klar sieht, dass ihre Zukunft nicht in diesem Deutschland liegt, während sie mit ihrem Chef Juden gefälschte Pässe besorgt, hält Gereon an seiner Identität als Kriminalbeamter alter Schule fest. Er versucht sich durchzuwurschteln und um klare Standpunkte herum zu lavieren - was ihm immer weniger gelingt. Er wird zum Getriebenen und Zerrissenen.

"Olympia" ist ein atmosphärisch dichter Ritt durch über 500 Seiten - beklemmend, düster und gleichzeitig ein Pageturner.

Sendung: Inforadio, 02.11.2020, 17:50 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

2 Kommentare

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  1. 2.

    Wobei ja "Fatherland" noch mehr Fiktion war als Vorlagen von "Babylon Berlin". In "Fatherland" hatte ja Hitler den 2. Weltkrieg gewonnen; zum Glück war es in der Realität nicht so. Ich schätze die Bücher von beiden Autoren.

  2. 1.

    Ein Kommissar alter Schule im 3. Reich: erinnert mich von der Grundstimmung doch sehr an Robert Harries "Fatherland".

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