Vor 100 Jahren - Wie in Königs Wusterhausen die deutsche Radiogeschichte begann

Archivbild: Sendemasten auf dem Funkerberg Königswusterhausen. (Quelle: Förderverein "Sender Königs Wusterhausen" e.V.)
Förderverein "Sender Königs Wusterhausen" e.V.
Video: rbb Kultur - das Magazin | 26.09.2020 | Anne Kohlick | Bild: Förderverein "Sender Königs Wusterhausen" e.V.

Am 22. Dezember 1920 gelang die technische Revolution: Sprache und Musik wurden in Deutschland erstmals per Funkwelle übertragen. Die Ur-Radio-Sendung kam vom Funkerberg in Königs Wusterhausen. Anne Kohlick war dort, wo Rundfunkgeschichte lebt.

"Hallo, hallo! Hier Königs Wusterhausen auf Welle 2.700." Mit diesen Worten beginnt die deutsche Radiogeschichte. Der Satz ist kurz vor Weihnachten im Jahr 1920 zu hören. Am 22. Dezember haben Angestellte der Reichspost, die gleichzeitig Tüftler und Hobby-Musiker sind, ihre Instrumente mitgebracht in die "Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen", ihrem Arbeitsplatz auf dem Funkerberg, der gespickt ist mit Antennen und Sendemasten.

Von hier verbreiten sie telegrafisch Börsennachrichten - das ist ihr Job. Aber an diesem Nachmittag haben die Kollegen um Ingenieur Erich Schwarzkopf etwas Besonderes vor: Ein kleines Weihnachtskonzert wollen sie geben und die Musik per Funk übertragen. Um das möglich zu machen, tüfteln die Postbeamten seit Monaten an einem neuartigen Sender. Denn die bisherigen Anlagen können nur simple telegrafische Signale erzeugen - nach den Regeln des Morse-Alphabets.

Antennen auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen vor dem Haus 1 (im Hintergrund), in dem sich auch das Sender- und Funktechnikmuseum befindet, erinnern an den einstigen Sendebetrieb. (Quelle: dpa/B. Settnik)
Die Sendegebäude aus den 10er und 20er Jahren sind bis heute auf dem Funkerberg erhalten. | Bild: dpa/B. Settnik

Eine kleine Sensation

Musik und Sprache erfordert eine weit komplexere Modulation des Signals, weiß Rainer Suckow: "Deshalb war es eine kleine Sensation, als es geklappt hat, das Weihnachtslied ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ live vom Funkerberg zu übertragen - gezielt für ein Publikum." 100 Jahre nach der ersten Radio-Sendung ist Rainer Suckow Vorsitzender des Vereins "Sender Königs Wusterhausen". Zusammen mit dutzenden weiteren Radio-Liebhabern aus dem Verein sorgt er ehrenamtlich dafür, dass die historischen Gebäude und Sendeanlagen erhalten bleiben und für Interessierte zugänglich sind.

Nachdem das Weihnachtskonzert am 22. Dezember 1920 wohl gegen 15 Uhr endet, treffen Telegramme aus ganz Europa in Königs Wusterhausen ein: Aus Luxemburg, Skandinavien, den Niederlanden melden sich Radio-Begeisterte, die "Stille Nacht" mithilfe von Detektor-Empfangsgeräten hören konnten. Sarajewo schreibt: "Ihr heutiges Telefoniekonzert war ausgezeichnet, ebenso der Gesangsvortrag." Aus England heißt es, der Sprecher sei so gut zu hören, als säße er im Nebenraum. Und das, obwohl es damals noch nicht einmal Mikrofone gibt.

Historisches Foto des Weihnachtskonzerts vom Funkerberg 1920, die erste Radio-Sendung Deutschlands (Quelle: Förderverein "Sender Königs Wusterhausen" e.V.)
So sahen die Reichspost-Angestellten aus, die ab 1920 eine Reihe von Konzerten auf dem Funkerberg gaben - die ersten Radio-Moderatoren und -Musiker Deutschlands. | Bild: Förderverein "Sender Königs Wusterhausen" e.V.

"Genial im Improvisieren"

"Für diese erste Radiosendung haben die Post-Kollegen die Sprechkapseln aus Telefonen benutzt", erklärt Rainer Suckow. Das Telefon wurden schon Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. Es war also bekannt, wie sich Schall in elektrische Schwingungen umwandeln lässt. "Weil diese Sprechkapseln aber nur sehr kleine Spannungen erzeugen, mussten sie ganz dicht ran an die Tonquelle."

Rainer Suckow zeigt auf eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die gerahmt im Sendehaus 1 des Funkerbergs hängt. Darauf sieht man fünf Männer mit Klavier, Klarinette und Geige. An jedem der Instrumente ist mit einem Gummi eine Sprechkapsel befestigt. "Die waren damals genial im Improvisieren", sagt er. "Die Wände des kleinen Kabuffs, aus dem sie gesendet haben, waren mit Wolldecken abgehangen, sodass es keinen Hall gibt. Und eine Badewanne haben sie hochkant aufgestellt, mit Stoff bespannt und zur Verbesserung des Klangs benutzt."

Historisches Foto eines Paares, das via Detektorempfänger Radio hört (Quelle: akg-images)
Detektorempfänger waren bis in die 20er Jahre das typische Gerät, um Radiosendungen zu empfangen. | Bild: akg-images

Radio hören wie 1920 - "ein Superklang"

Um 1920 Radio empfangen zu können, brauchte man Kopfhörer und einen sogenannten Detektor, der die Funkwellen mithilfe eines Bleiglanzkristalls in hörbare Frequenzen übersetzt. "Da ist keine Batterie drin, kein Netzanschluss für Strom. Das funktioniert nur mit der Energie, die von der Antenne kommt", erklärt Dieter Olm.

Der Rundfunktechniker im Ruhestand schaut liebevoll auf das kleine schwarze Gerät, ein Ausstellungsstück aus den 20er Jahren – zu sehen im Museum, das der Verein "Sender Königs Wusterhausen" auf dem Funkerberg betreibt [museum.funkerberg.de]. Auch Dieter Olm engagiert sich hier und sorgt mit anderen Tüftlern dafür, dass die teilweise 100 Jahre alten Geräte immer noch funktionieren. "Hören Sie mal", sagt er und reicht die Kopfhörer, "ein Superklang".

Rainer Suckow, Vorsitzender des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“ im Funktechnik-Museum Königs Wusterhausen (Funkerberg), Foto: Antenne Brandenburg/Andreas Flügge
Rainer Suckow, Vorsitzender des Vereins "Sender Königs Wusterhausen" | Bild: Antenne Brandenburg/Andreas Flügge

Drei Sendemasten im Stadtwappen

Radiogeschichte - in Königs Wusterhausen ist sie lebendig. Den Beinamen "Rundfunkstadt" trägt man hier, 30 Kilometer südlich von Berlin, mit Stolz. Passend dazu zeigt das Wappen der 37.000-Einwohner-Stadt im Landkreis Dahme-Spreewald drei Sendemasten. Und gesendet wird noch immer vom Funkerberg. Einmal monatlich geht Rainer Suckow mit der Live-Sendung "Welle 370" [welle370.de] und seinem Co-Moderator Matthias Maetsch on air – jeden dritten Sonntag ab 14 Uhr für eine Stunde.

Dieter Olm bringt ihre Sendung auf die Antenne. Dafür hat der pensionierte Rundfunktechniker einen ausrangierten Sendewagen aus den 90er Jahren wieder flott gemacht. Sein Herz hängt an dem hellblauen begehbaren Kasten, der am Fuß eines großen Sendemasts auf dem Funkerberg steht. "Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich in so einem großen Übertragungs-Wagen drin war", sagt Dieter Olm. "Da habe ich mich gefühlt wie im Raumschiff Enterprise. Aber wenn man so langsam auf dem Klavier spielen kann, dann macht es richtig Spaß." Jetzt als Rentner habe er Zeit: "Also habe ich gesagt: Dit is mein Baby und habe den wieder auf Vordermann gebracht."

Dieter Olm, Radiosender Königswusterhausen. (Quelle: rbb/A. Kohlick)
Dieter Olm, pensionierter Rundfunktechniker, hat einen Sendewagen aus den 90er Jahren wieder fit gemacht. | Bild: rbb/A. Kohlick

100 Jahre später senden sie immer noch

In einem Umkreis von zehn Kilometern um den Funkerberg ist die Sendung aus Königs Wusterhausen über Mittelwelle zu empfangen – auf 810 Kilohertz. Oder man hört per Livestream im Internet zu. Eine Sonderausgabe der "Welle 370" ist für den 100. Jahrestag der ersten Radiosendung am 22. Dezember geplant [100jahrerundfunk.de]. Gesendet wurde damals noch mit ganz anderer Technik als heute: 1920 nutzten die Rundfunk-Pioniere einen selbstgebauten Lichtbogensender.

"Diese Technik macht süchtig"

Der Apparat ist nicht erhalten, aber es existieren noch Fotos und technische Beschreibungen. So konnten die Tüftler vom Verein den Sender als Miniaturversion nachbauen. "Das Besondere an dem Versuch ist, dass es in der Technologie des Sendens original wie 1920 ist", sagt Rainer Suckow. "Das heißt, wir können ein Langwellen-Signal erzeugen so wie vor 100 Jahren. Und das hört man – vor allem an den prasselnden Nebengeräuschen. Die sind typisch für Lichtbogensender."

20er-Jahre-Stimmung kommt auf dem Funkerberg auf, als Rainer Suckow eine Platte mit Schlagern aus der Zeit auflegt und die Musik ein paar Meter weiter – vom Lichtbogensender übertragen – auf einem historischen Radio hörbar wird. "Diese Technik macht irgendwie süchtig", sagt Dieter Olm. "Wenn man sich einmal damit beschäftigt hat, kommt man nicht mehr wieder los." Rainer Suckow grinst ihn an, als er in ein selbstgebautes Mikrofon die historischen Worte spricht: "Hallo, hallo! Hier Königs Wusterhausen."

Sendung: rbb Kultur - das Magazin, 26.09.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ein Beitrag von meinem Bruder bei Inforadio zum Funkermuseum:

    www.dropbox.com/s/d8b2jzycg4a4jif/Sendermuseum%20K%C3%B6nigswusterhausen.mp3?dl=0

    Viel Spaß beim hören...

  2. 7.

    Eine großartige Geschichte, herzlichen Dank an den rbb und vor allem an die ganzen Fans, Freaks und Nerds vom Funkerberg! :-)
    Leider habe ich nur ein schlechtes Verständnis von der Technik, die hinter dem Radio steht, aber auch für mich war gerade in meiner Kindheit mein Radio stets das Ohr zur Welt. Wie faszinierend war das, beim Sendersuchlauf plötzlich einen ausländischen Sender reinzubekommen! Und nicht ohne Grund ist "Radio Ga Ga" immer noch eines meiner absoluten Lieblingslieder.

    Mich würde interessieren, wie man diese erste Radiosendung damals aufnehmen konnte, so dass sie heute immer noch erhalten ist - was für ein Schatz!

    Nach Corona werde ich definitiv mal nach KW (welch tolle Abkürzung, wenn man mit Radio zu tun hat und wie cool, dass KW Sendemasten im Wappen hat) fahren und mir den Funkerberg von Nahem betrachten, ich freue mich schon darauf.

  3. 6.

    Wunderbar. Danke den Enthusiasten und Liebhabern und Radiofüchsen.
    Es erinnert mich an erste Bauzeiten eines Radios mit Anleitung.

  4. 5.

    Das war wirklich ein würdiges Jubiläum. Wir haben unglaublich viel Resonanz auf unsere Jübiläumssendung erhalten. Hörer aus ganz Europa haben Empfangsberichte übermittelt - noch während der Sendung schon alleine über 130 per E-Mail. Ein Hörer aus Frankreich rief direkt im Studio an und berichtete, dass er extra das alte Röhrenradio aus dem Keller holte, um unserer Sendung zu lauschen.

    Auch die mediale Resonanz war riesig. Beginnend mit dem Medienmagazin am 4. Januar live vom Funkerberg berichtete der rbb regelmäßig vom Jubiläumsjahr und in den letzten zwei Wochen meldeten sich fast alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Zeitungen/Zeitschriften und berichteten auch. Wow!

    Radio ist nicht tot, noch lange nicht! Und in knapp drei Jahren können wir noch einmal feiern. Dann direkt im rbb. Denn 1923 begann mit der Berliner Funk-Stunde im Vox-Haus der öffentliche Rundfunk in Deutschland. Die Funkstunde bezog dann 1931 die neuen Räumlichkeiten im Haus des Rundfunks.

  5. 4.

    Ja Radio! Immer noch ein unverzichtbarer, von Menschen gemachtes, Medium. Ich liebe es.
    Das Museum auf dem Funkerberg ist wirklich sehenswert!

  6. 2.

    Detektor - Empfänger. Ich bekam in den 60 den Kosmos-Kasten Radiomann. Und genau damit konnte ich meinen ersten Detektorempfänger bauen. Draht als Antenne, Erde ans Heizungsrohr, Spule, Drehkondensator und eine Germanium-Diode. Ich brauchte garkeine so lange Antenne, wohnte in Bonn, bomben Empfang, man konnte ihn garnicht ausschalten. Der Klang im Bakkelit-Kopfhörer (nur auf einem Ohr mit Drahtbügel) ging so. Super geil, war wohl mit schuld dass ich mal Radio- und Fersehtechniker geworden bin :-)

  7. 1.

    Jawoll Detektor Anfang der 60er mein Vater baute den Ersten für mich. Antenne aus Kupperlitze die Erde war über die Bleiwasserleitung gesichert. Spule Drehkondensator Diode(noch kein Halbleiter)und alte Panzerkopfhörer damit hab ick dann Abends Schlager der Woche von RIAS 2 gehört. es gab darüber 2 Sender Ostberliner Rundfunk und eben RIAS Berlin. Ohne Batterie Strom aber auch entsprechend für heutige Zeiten miese Qualität.
    als dann der Drehko das zeitliche segnete,
    Hat mein Vater von einer Sperrmüllaktion eine Göbbelschnauze aus Backelid(?)mitgebracht. Bei unserem Radiofritzen in Grünau bekam ich für ein paar Groschen eine Röhre und los gings mit dem Fortschritt in meinem Kinderzimmer. Das Hakenkreuz habe ich dann , wegen dem angekündigten Besuch einer Lehrerin ausgekratzt.

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