Archivbild: John lennon mit seiner Freundin Yoko Ono in New York City. (Quelle: dpa/J. Barrett)
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40. Todestag - Wie John Lennon in die Gehörgänge der DDR geriet

Am 8. Dezember 1980 wurde der Musiker John Lennon in New York erschossen. Der Strahlkraft seiner Kompositionen, Texte und Botschaften konnten sich auch viele Jugendlichen in der DDR nicht entziehen. Sie wirkt bis heute. Von Wilhelm Klotzek

Als John Lennon am 8. Dezember 1980 erschossen wurde, lag Creola in der Frauenklinik der Charité in Ostberlin. Sie hatte gerade wenige Tage zuvor ihre Tochter zur Welt gebracht. "Natürlich war ich geschockt, als ich das im Radio hörte", erinnert sie sich heute.

Zwar waren die Beatles – und auch John Lennon als Solokünstler – weder in West- noch in Ost-Berlin aufgetreten. Doch als Jugendliche in Mecklenburg-Vorpommern erlebte Creola 1973 ihren musikalischen Schlüsselmoment, als das staatliche Plattenlabel Amiga ein Beatles-Album verlegte – acht Jahre nach Erscheinen in England.

Prägend für Creola und viele DDR-Jugendliche Anfang der 1970er-Jahre war der amerikanische Film "Blutige Erdbeeren" von 1969, der 1973 erstmalig in den Kinos der DDR lief.

Eigentlich ein Flop, hatte der Spielfilm über die Studentenrevolte in den USA gegen den Vietnamkrieg in den Ostblockländern einen unerwarteten großen Erfolg. In der finalen Szene klatschen die Protagonisten auf den Boden der besetzten Columbia-Universität und stimmten ein: in John Lennons Song "Give Peace a Chance".

"Spätestens dadurch sind wir dann aufmerksam geworden auf John Lennon", sagt Creola.

John Lennon – ein Foto und Blumen am Tatort vor dem Dakota House, New York 1980
John Lennon – Foto und Blumen am Tatort vor dem Dakota House in New YorkBild: www.imago-images.de

Mit Vollbart und Nickelbrille zur Stilikone

Als Lennon am Abend des 8. Dezember von dem geistig verwirrten Fan Mark David Chapman in New York angeschossen wurde und wenig später verstarb, trauerten auch die jüngeren Mitarbeiter in den Betriebskollektiven und Studentinnen in Ostberlin.

Lennon war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur einer der Liverpooler Pilzköpfe, die als erfolgreichste Boygroup in die Musikgeschichte eingingen. Seit der Trennung der Beatles im Jahr 1970 hatte er sich zunehmend politisiert. Nicht nur musikalisch protestierte er gegen den damaligen Vietnamkrieg. Mit Vollbart und Nickelbrille avancierte der Musiker zum Friedensaktivisten - und zur Stilikone - an der Seite seiner Frau, der Fluxuskünstlerin Yoko Ono. Zusammen veranstalteten sie bereits 1969 mehrere perfekt inszenierte Bed-in's und andere Happenings als Proteste für den Frieden während des Vietnamkriegs.

Archivbild: Yoko Ono erhält während ihres Konzerts am 17.02.2013 in der Volksbühne Berlin eine Torte zu ihrem 80.Geburtstag. Mit der von Sohn Sean angeführten Plastic Ono Band heizte sie dem Haus richtig ein. (Quelle: dpa/R. Owsnitzki)
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Nach den tödlichen Schüssen verstummte die Kritik

Die Strahlkraft seines Schaffens durchdrang mühelos den antifaschistischen Schutzwall. Durch Radio Luxemburg oder das Jugendradio DT64 war es in den 1970er-Jahren auch in der DDR möglich, einen Song wie "Imagine" zu hören – und zu erfahren, dass über den Köpfen der Menschen eigentlich nur der Himmel regieren sollte.

"'Working Class Hero', der Protest gegen den Vietnamkrieg oder der Song 'Woman is the Nigger of the World' – das waren Themen und Texte, die mich ansprachen", sagt Creola. Auch der aufkommenden oppositionellen Friedensbewegung in der DDR diente John Lennon als Symbolfigur. Lennons Nickelbrille, kombiniert mit grünem Parka und Hirschbeutel, wurden Markenzeichen ihrer Protagonisten.

Die Presse in der DDR verhielt sich widersprüchlich zum Schaffen des Musikers. Mal wurde der aus einer englischen Arbeiterfamilie stammende Lennon zur anti-kapitalistischen Ikone erhoben – um ihm kurz darauf "unfruchtbare kulturavantgardistische und esoterische Experimente" durch den Einfluss der "unkommunikativen Yoko Ono" vorzuwerfen .

Nach den tödlichen Schüssen verstummte die Kritik. Die Zeitung "Neues Deutschland" stellte im Dezember 1980 Lennons Tod in den Kontext einer menschenfeindlichen Ideologie, die zu "steigender Gewalt und Brutalität" führe. Er sei "nur eines von jährlich 21.000 Mordopfern in den USA".

"Shaved Fish" in jeder zweiten Plattensammlung

Im Frühjahr 1981, kurz nach Lennons Tod, verlegte Amiga sein letztes Album "Double Fantasy" als erstes Solo-Werk des Künstlers in der DDR. Zwei Jahre später legte Amiga noch einmal nach mit dem Kompilationsalbum "Shaved Fish", welches gefühlt in jeder zweiten Plattensammlung von Wismar bis Aue zu finden war. Und somit gelangte die kreischende Gitarre in "Cold Turkey" auch in die Gehörgänge der jüngeren Generation und prägte ihre Erinnerungen an die 1980er-Jahre in der DDR.

Auch Creolas heute 40-jährige Tochter ist eine große Lennon-Anhängerin: "Irgendwie muss sie das damals schon mit der Muttermilch aufgesogen haben." Creola selbst ist als Fan in Berlin dem Musiker so nahe gekommen, wie es ihr möglich war: Im Jahr 2013 besuchte sie den Auftritt seiner Ehefrau Yoko Ono und des gemeinsamen Sohns Sean Lennon in der Berliner Volksbühne anlässlich des 80. Geburtstags der Künstlerin.

Archivbild: Yoko Ono, John Lennon und der gemeinsame Sohn Sean Lennon, 1968 in London. (Quelle: dpa/empics)

"Das kannste heute noch anwenden"

John Lennons 80. Geburtstag am 9. Oktober wiederum zelebrierte Creola zusammen mit anderen Fans vom Berliner Beatles Stammtisch in einer Kneipe mit einem John-Lennon-Quiz. "Und genau an diesem Tag hab ich beim Umsteigen in Berlin-Karlshorst ein tolles Buch über Lennon im Buchladen beim Bahnhof entdeckt." Im Klappentext steht ein Zitat des Musikers: "Unsere Aufgabe ist es, die Hoffnung am Leben zu erhalten, denn ohne sie werden wir alle untergehen", liest sie vor. Und meint dann: "Das kannste heute noch anwenden."

Ob als Mitglied der Beatles oder zusammen mit Yoko Ono: Lennons zeitlose Arrangements werden weitere Generationen begleiten und davon erzählen, dass die großen Konflikte unserer Welt lösbar sind - wenn wir nur wollen.

Sendung: Inforadio, 08.12.2020, 09:00 Uhr

Beitrag von Wilhelm Klotzek

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich stand im vorigen Jahr vor dem Dakota-Haus und war am John Lennon Memorial im Central Park , eine Pilgerstätte , jeden Tag kommen Fans und legen Blumen nieder .
    Ich liebe seine Musik . Unvergessen !!!

  2. 1.

    Ich war damals 9 und habe es begriffen, aber nicht verstanden. Rückblickend war es einer der ersten Momente, die mich zum totalen Kriegsdienstverweigerer gemacht haben.

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