Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, steht im Schlüterhof des Humboldt Forums. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
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Audio: Inforadio | 15.12.2020 | Interview mit Hartmut Dorgerloh | Bild: dpa/Fabian Sommer

Interview | Eröffnung Humboldt-Forum - "Dieses Haus hat ganz viele Überraschungen"

Immer wieder hatte sich die Eröffnung des Humboldt-Forums verschoben. Am Mittwoch ist es so weit, wenn auch nur online. Generalintendant Hartmut Dorgerloh über Debatten, Entscheidungen und einen öffentlichen Ort, der auf sein Publikum wartet.

rbb: Herr Dorgerloh, das Humboldt-Forum eröffnet endlich – allerdings nur digital.

Hartmut Dorgerloh: Das ist die bittere Pille. Aber wir reihen uns ein in die Reihe der Kultureinrichtungen, die alle darauf warten, dass sie hoffentlich bald wieder ihr Publikum begrüßen können. Also das Humboldt-Forum ist startklar.

Die Eröffnung hat sich einige Male verschoben, und sie wurde immer ein bisschen mehr abgespeckt. Erst sollte alles eröffnet werden, dann peu à peu.

Vor drei, dreieinhalb Jahren haben die Gründungsintendanten die – wie ich finde – richtige Entscheidung getroffen, dass man in Phasen eröffnet. Denn das Haus ist riesig. Und was wir jetzt schon anbieten können, ist mehr, als man bei einem einzigen Besuch schaffen kann. Zwei Etagen von vier sind fertig plus der Keller.

Und: Es ist nicht nur ein Ausstellungshaus. Es ist auch ein Veranstaltungshaus mit Diskussionen, Musik, Theater, Film, Literatur. Wenn wir wirklich eine internationale Dialogplattform werden wollen, reicht es nicht, schöne Stücke und interessante Ausstellungen zu zeigen.

Wichtig ist jetzt, dass wir keine Baustelle mehr sind. Jetzt sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Exponate aus Dahlem einziehen können. Damit werden wir wie geplant im Januar beginnen. Das heißt, die Kollegen der Staatlichen Museen bringen die Schätze des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst ins Humboldt-Forum. Im Spätsommer wird der erste Teil und Ende 2021, Anfang 2022, der zweite Teil in den oberen Etagen aufgemacht. Dann hat man das ganze Haus. Und dann hoffen wir auf ein Publikum, das nicht nur aus der Region kommt, sondern hoffentlich bald wieder aus der ganzen Welt.

Wie geht denn das zusammen: diese barocke, rekonstruierte Pracht und die funktionale, manchmal fast ernüchternde Innengestaltung. Rächt es sich nicht ein bisschen, dass man erst gesagt hat: Wir wollen ein Schloss rekonstruieren in weiten Teilen. Und dann erst: Was soll denn nun rein?

Ich will in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass eine ziemlich überwältigende Mehrheit fraktionsübergreifend 2002 im deutschen Bundestag entschieden hat: Wir wollen in der Mitte unserer neuen, alten Hauptstadt einen Bau in der Kubatur des Berliner Schlosses und auch mit rekonstruierten Fassaden. Das war die Aufgabenstellung für den Wettbewerb, den Franco Stella 2008 gewonnen hat. Dem ging eine zehnjährige Debatte voraus.

Und ich bin sehr froh über Entscheidungen, die damals getroffen wurden. Etwa dass damals schon auf Vorschlag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gesagt worden ist, es soll auf jeden Fall ein öffentliches Haus werden und kein kommerziell genutztes. Nicht nur ein Haus für politische Repräsentation, sondern ein Ort für uns alle. Ein Ort, der die Museumsinsel-Idee ins 21. Jahrhundert bringt, ein Ort für Wissenschaften, für die Kunst, auch ein Ort, der auf unsere Zeit reagiert. Und da ist das Haus geradezu perfekt. Denn wir brauchen einen Ort, wo wir uns darüber verständigen, wie wir in der Welt künftig miteinander leben und es miteinander aushalten wollen.

Lassen Sie uns über Raubkunst und die Benin-Bronzen reden. Sie sind ein gutes Beispiel für den Zündstoff, der unter dem Dach Humboldt-Forum herrscht. 3.000 dieser Bronzen brachten britische Truppen 1897 im Zuge der Eroberung des Königreichs Benin, dem heutigen Nigeria, an sich. Rund 400 davon sind in den Ethnologischen Museen in Dahlem. Seit einiger Zeit gibt es wieder Rückgabe-Forderungen. Wie wollen Sie sich seitens des Humboldt-Forums da verhalten?

Das ist ein zentrales und sehr wichtiges Thema für das Haus. Wir sind eine Akteurs-Gemeinschaft. Neben den Berliner Partnern Stadtmuseum und Humboldt-Universität ist die Sammlung der Staatlichen Museen der zentrale Mitakteur im Haus. Insofern liegt die Entscheidung, was ausgestellt wird, und wie es ausgestellt wird, primär bei den Staatlichen Museen. Aber natürlich sind wir in der Gesamtverantwortung für ein einheitliches Programm und eine einheitliche Haltung in intensiven Gesprächen mit den Kollegen der Berliner Museen.

Wie sieht das konkret aus?

Unsere Aufgabe als Humboldt Forum besteht vor allen Dingen darin, Hintergründe, unterschiedliche Positionen, nicht nur zu den Benin-Bronzen, zu thematisieren. Es ist ganz klar: Die werden nicht so ausgestellt werden können, wie man das vor zehn Jahren vielleicht mal geplant hat. In Zusammenarbeit mit Partnern in Nigeria sind die Staatlichen Museen, andere deutsche und internationale Sammlungen in intensiven Gesprächen. Schon bei der Eröffnungsausstellung wird es nicht so präsentiert werden können wie in Dahlem.

Bei den Benin-Bronzen gibt es aktuell Rückgabeforderungen.

Ich gehe davon aus, es wird auch Rückgaben geben. Aber die Frage ist auch: Werden die dann wieder zurückgeliehen nach Berlin oder anderswohin? Soweit ich die Diskussionen verfolge, haben auch Länder wie Nigeria ein Interesse daran, dass etwa afrikanische Kunst nicht nur in Afrika gezeigt wird. Das wird ein ziemlich dynamischer Prozess sein. Auf jeden Fall kann man sie nicht einfach so ausstellen und so tun, als hätten sie keine Geschichte. Und die ist in dem Fall ganz klar Raubkunst. Dazu haben sich auch Bund und Länder klar positioniert. Und daraus werden sich auch Entscheidung ableiten.

Insgesamt gesehen hatten Sie beim Humboldt-Forum mit vielen Konflikten zu kämpfen, etwa um das Kreuz auf der Kuppel mit der umstrittenen Inschrift. Hätten Sie das gedacht, als Sie im Juni 2018 ihr Amt antraten?

Also, ich habe mir nicht alle Probleme gewünscht. Aber dass das keine einfache Unternehmung ist, war schon klar. Und das reizt natürlich auch. Also ich habe unglaublich viel gelernt.

Wird das Humboldt-Forum ein Platz werden, wo nicht nur die Berliner, nicht nur die Deutschen, sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen können, sondern auch die Welt zu Gast sein kann?

Wir hoffen sehr, dass der Berlin-Tourismus wieder losgeht, und dass Menschen aus der ganzen Welt kommen. Es war eine gute Entscheidung gewesen, zu sagen: Wir probieren mal drei Jahre ohne Eintritt. Man kann einfach so reingehen, man fährt hoch und geht vielleicht nur aufs Dach, macht ein Selfie von oben, denn der Blick ist spektakulär. Man geht aber dann vielleicht runter, und dann ist man auf einmal in Indonesien, oder man ist in Mexiko. Dieses Haus hat ganz viele Überraschungen, und es muss wirklich entdeckt werden.

Vom Berliner Stadtschloss zum Humboldt-Forum

Gibt es denn jetzt einen Fahrplan für die weitere Öffnung?

Das hängt von unser aller Verhalten ab, von den Entscheidungen des Senats. Sobald Museen wieder öffnen können, ist das Humboldt-Forum mit am Start. Dann werden wir mit den Partnern beschließen, in welcher Reihenfolge wir öffnen. Das wird sich dann nicht mehr über Wochen hinziehen. Und wir hoffen, dass wir irgendwann richtig gemeinsam feiern können. Denn alle, die jetzt da schon seit Jahren an diesem Projekt tätig sind, wollen natürlich mal kommen. Aber das Wichtigste neben allen Beteiligten ist einfach das Publikum. Denn es ist ein öffentlicher Ort, und das muss er auch werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Hartmut Dorgerloh sprach Barbara Wiegand für Inforadio. Das Interview wurde für diesen Beitrag gekürzt und redigiert. Das Originalgespräch können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Headerfoto des Artikels nachhören.

11 Kommentare

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  1. 11.

    Ihre Behauptung hinsichtlich des Palastes der Republik stimmt nicht!
    „ Ab 1990 war das Gebäude wegen der Emission krebserregender Asbestfasern geschlossen. Von 1998 bis 2003 wurden die Asbesteinbauten entfernt. Nach einem entsprechenden Beschluss des Deutschen Bundestages von 2003 wurde das Bauwerk von Anfang Februar 2006 bis Anfang Dezember 2008 abgerissen.“

  2. 10.

    Schade natürlich, dass die Eröffnung nicht analog, also mit Publikum, hat stattfinden können, doch für mich war es eine rundum gelungene Eröffnung.

    Nichts wurde ausgespart, das war auch nie das Ziel. Während die Bespielenden des Humboldt-Forums - diesem wunderbaren, den "Linden" den Auftakt gebenden Bau - sämtlichen Facetten Raum geben und das Thema Provenienzforschung in Gegensatz zu allen frühen Zeiten seinen selbstverständlichen Stellenwert bekommen hat, gibt es entlang eines simplen Reiz-Reaktions-Musters auf anderer Seite immer noch das Verharren in der alten Kalte Kriegs-Rhetorik.

    Der Palast der Republik wurde nicht abgerissen, weil er von der DDR gebaut wurde, er wurde abgerissen, weil er den "Linden" keine Entsprechung sein konnte. Gleiches würde gelten, wenn an der Rialto-Brücke in Venedig oder am Fuße der Prager Karlsbrücke Siebziger-Jahre-Hochhäuser gebaut worden wären.

  3. 9.

    Ich sprach von Menschen für die er nicht vorbei sei.

    Die Gebäudegestaltung selbst hat als Begründung hauptsächlich Kaltkriegsargumente und ist so ein Symbol für einen Etappensieg geworden. Man hätte auf den Platz alles errichten können, aber musste zwingend das Schloss wieder aufbauen, weil die DDR die Ruinen abgerissen hat und seinen Prunkpalast dort hin gestellt hat. Historisch steht das Stadtschloss nicht für die tolerantesten Zeiten dieses Landes. Keine Argumente zur dieser Gestaltungsauswahl hat mich bisher vom Gegenteil überzeugen können.

  4. 8.

    Ich hab ja schon eine ganze Menge Unsinn über das Gebäude gehört und gelesen, aber was das mit der Aufrechterhaltung des kalten Krieges zu tun hat, dürfte wohl Ihr Geheimnis bleiben.

  5. 7.

    Habe gerade einen Bericht in der Abendschau zur Eröffnung gesehen, der regierende Bürgermeister Herr Müller war auch da, ich denke wir sollen alle zu Hause bleiben.

  6. 6.

    Ich kann mit diesem Disneyschloß nichts Anfangen. Verstehe bis heute nicht warum der PdR geschleift wurde. Wann wird endlich die Asbestschleuder ICC geschliffen Frau Grütters. Mit dem Schloßnachbau haben sich die Wessis ein Denkmal in der Stadtmitte gebaut. Wenn das Ding zusammenfällt würden mir bloß die Millionen leid tuen die da verbaut wurden. Ich bin kein Ostaliger aber dieser Bau war ein Tritt vor das Schienbein der Ossis

  7. 5.

    Die Gestaltung dieses Ortes ist ein großartiges Symbol für die Rückwärtsgewandheit in unserer Gesellschaft. Ein Zeichen dafür, dass für viele Menschen der kalte Krieg nie geendet hat und sie ihn auch nie beenden wollen. So viel zur Gestaltung als Stadtschloss.

    Ich hab allerdings nichts dagegen einzuwenden, dass die Universität sinnvolle Entfaltungsorte bekommt, aber wie viel bleibt da eigentlich noch für die Uni übrig wenn man das alles so liest?

  8. 4.

    "liegt die Entscheidung, was ausgestellt wird, ... primär bei den Staatlichen Museen." Moment - der "Hausherr" überlässt es den "Gästen", ob Hehlerware unter seinen Dach gestellt werden kann? - Raubkunst im neuen "alten" Raubschloß - fehlt nur noch das die neuen alten Räuber wieder einziehen um die Rekonstruktion zu vollenden.

  9. 3.

    Es ist schade, dass hier in Berlin alles, was nicht dem abgewrackten alternativen Geschmack entspricht, so negativ bewertet wird!
    Wenn in anderen Ländern die Altstädte und auch Schlösser auf liebenswerte Weise wieder hergestellt werden, auch in anderen deutschen Städten, man schaue nur nach Potsdam, so wird hier in Berlin ständig gemeckert und alles schlecht gemacht!
    Ich jedenfalls freue mich über die Fertigstellung dieses besonderen Gebäudes im Herzen Berlins und hoffe, das es durch viele schöne Austellungen ein erlebnisreicher Ort unserer Stadt wird!
    Es kamen ja auch viele finanzielle Mittel aus privaten Spenden! Ich als gebürtige Berlinerin sage: " Vielen, vielen Dank an alle, die dies ermöglicht haben"

  10. 2.

    Ich war schon das erste mal überrascht, als der PdR abgerissen wurde, um solch einem Ungetüm Platz zu machen, der die Preußen huldigt.

  11. 1.

    Ich freue mich auf diesen Ort und werde via Internet der Eröffnung beiwohnen.

    "Schnelle Orte" hat Berlin genug, als da bspw. wären:
    Den Ernst-Reuter-Autoverkehrskreisel als Kind der 1950er, inmitten darin ohne jegliche Aufenthaltsqualität,
    den Alexanderplatz als seinerzeit effizient geplante fünfstöckige Umsteige- und Einkaufsanlage,
    den Breitscheidplatz mit seinen zusammengepferchten Bürgersteigen,
    den Potsdamer Platz, der in 30 Jahren spätestens mit völlig anderen Fassaden herkommen wird und das Gegenwärtige als bloße Fußnote erscheinen lässt. -

    Nichts, was Ruhe bietet, nichts, was im Stadtzentrum ohne Hast im zeitübergreifenden Sinne anschaulich Geschichte bietet.

    Das Humboldt-Forum ist ein "langsamer Ort"; es ist großartig in den Dimensionen, weil es nicht nur vordergründig zweckgerichtet ist.

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