Conference (Quelle: Reason8 Films)
Bild: Reason8 Films

Stream-Ausgabe - Tverdovskiy gewinnt zum dritten Mal beim Filmfestival Cottbus

Ivan I. Tverdovskiy ist ein Phänomen: Schon zum dritten Mal gewinnt er den Hauptpreis beim Filmfestival Cottbus - und das völlig zurecht. "Conference", über die Geiselnahme in einem Moskauer Theater, ist ein Highlight des Wettbewerbs. Von Fabian Wallmeier

Ein Zuschauerraum, von oben gefilmt. Eine Frau saugt Staub zwischen den grauen Stuhlreihen. Minutenlang passiert ansonsten nichts. Minuten, in denen man zunächst einmal allein gelassen ist. Irritiert, wann es denn nun losgeht.

Das Theater, mit dem er die Zuschauenden zunächst minutenlang allein lässt, ist das Dubrowka-Theater in Moskau. 2002 wurden hier 850 Menschen als Geiseln genommen, von Terroristen, die den Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien forderten. Zweieinhalb Tage nach Beginn der Geiselnahme leitete ein Spezialkommando Gas ins Gebäude ein, stürmte das Theater und erschoss die betäubten Geiselnehmer. Fünf Geiseln waren da bereits getötet worden - und 125 weitere starben an den Folgen des Gaseinsatzes.

Plastikpuppen im Zuschauerraum

"Conference" ist kein Re-enactment der Geiselnahme, sondern Tverdovskiy hat den Film 17 Jahre später angesiedelt. Herzstück des Films ist die fiktive Zusammenkunft von Hinterbliebenen und Überlebenden im Theater. Plastikpuppen, die im Zuschauerraum verteilt sind, stehen für die Toten von damals. Doch die Gedenkfeier eskaliert, als die Saalordner die Veranstaltung beenden will, weil die nächste Veranstaltung vorbereitet werden muss.

Tverdovskiys Hauptfigur Natasha (Natalya Pavlenkova) ist eine der Überlebenden der Geiselnahme - und ihr Sohn war eines der Todesopfer. Danach hat sie nie wieder richtig Fuß im Leben fassen können. Ihr Ex-Mann ist ein Pflegefall, das Verhältnis zur Tochter zerrüttet. Sie lebt mittlerweile im Kloster, organisiert aber Jahr für Jahr wieder die Gedenkveranstaltung - getrieben von einem düsteren Geheimnis.

Starke Plädoyers für mehr Menschlichkeit

Tverdovskiy hat immer schon ein Herz für komplexe Außenseiterfiguren wie Natasha. So unterschiedlich seine drei Sieger-Filme stilistisch und thematisch auch sind - eines eint sie: Sie sind starke Plädoyers für mehr Menschlichkeit, sie verleihen denen eine Stimme, denen oft nicht zugehört wird. In "Corrections Class" (2014) erzählte er eine zarte Liebesgeschichte von zwei Jugendlichen, die sich in einer Art Besserungsanstalt kennenlernen. "Zoology" (2016) ist ebenfalls eine Außenseiter-Liebesgeschichte, aber mit einem märchenhaften Anstrich: Protagonistin des Films ist eine Frau Anfang 50, der am Steiß ein Schwanz wächst.

Mit "Conference" verlässt Tverdovskiy die Welt des Märchenhaften nun natürlich wieder. Erstmals dockt er hier ganz konkret an einem realen Ereignis an - und schafft einen eindrücklichen, konzentrierten, stilistisch trotz seines bewegenden Themas geradezu streng inszenierten Film, der tatsächlich ein großes Highlight des Festival-Jahrgangs ist.

Um den Vater weinen? Kommt nicht in Frage

Der Preis für die beste Regie ging an "I Never Cry" von Piotr Domalewski - ebenfalls eine nachvollziehbare Entscheidung. Der polnische Regisseur erzählt auf ganz andere Art ebenfalls vom Umgang mit der Trauer. Die 17-jährige, betont unangepasste Ola (Zofia Stafiej) steht hier im Zentrum. Als ihr Vater in Irland bei einem Arbeitsunfall stirbt, macht sich die junge Polin auf den Weg, um die Leiche des Verstorbenen nach Hause zu überführen.

Um den Vater weinen? Kommt nicht in Frage, wie der Titel des Films verrät. Statt dessen ist Ola von einer großen Wut getrieben - auf die Umstände, in denen der Vater hier arbeiten und sterben musste, und auf den Vater selbst, zu dem sie nie eine echte Beziehung aufbauen konnte. Störrisch widersetzt sie sich allen behördlichen Widrigkeiten - und schafft es schließlich, den Leichnam des Vaters nach Hause zu bringen.

I never cry (Quelle: Wide)

Laien mit Schauspielpreis ausgezeichnet

Der Cottbuser Wettbewerb hatte dieses Jahr viele starke Darsteller*innen. Statt aber Einzelleistungen wie die von Zofia Stafiej in "I Never Cry" oder von Natalya Pavlenkova in "Conference" auszuzeichnen, hat die Jury recht überraschend anders entschieden: Geehrt wurden Marijana Novakov, Tijana Marković und Valentino Zenuni für ihre Darstellung in "Oasis".

Der Serbe Ivan Ikić hat die internationale Ko-Produktion mit Laien gedreht. Sie sind Bewohner*innen eines Heims für geistig beeinträchtigte Jugendliche - und der Film erzählt episodisch und recht imposant von der Liebe im Widerstand gegen alle Wahrscheinlichkeiten, aber letztlich auch vom Unglück, das sie gerade Jugendlichen bereiten kann.

Oasis (Quelle: Heretic Outreach)

Stream noch bis Ende des Jahres verfügbar

Das Filmfestival Cottbus musste seine 30. Ausgabe coronabedingt komplett ins Internet verlegen. Doch so schade das auch ist, es hat auch entscheidende Vorteile: Die Streaming-Ausgabe geht nämlich noch bis zum 31. Dezember. Manche der insgesamt 150 Filme sind zwar nur noch bis Sonntag im Stream verfügbar, die große Mehrheit aber bleibt online - darunter auch alle drei ausgezeichneten Wettbewerbsbeiträge.

Muss man sonst nach einem Festival erst einmal darauf warten, bis die Siegerfilme ins Kino kommen (wenn sie das überhaupt jemals schaffen), kann man nun gleich den Computer anschmeißen. Und die Kontingente für die Streams sind zwar begrenzt - nach Auskunft des Festivals vom Samstagnachmittag ist aber bislang noch kein Film ausverkauft.

Sendung: rbbkultur, 12.12.2020, 20 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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