Humboldt-Forum - Ein Ort, der die Geschichte Preußens erzählt

Das Humboldt Forum im Dezember 2020. (Quelle: © SHF/Christoph Musiol)
© SHF/Christoph Musiol
Audio: Inforadio | 15.07.2021 | Harald Asel | Bild: © SHF/Christoph Musiol

Um diesen Ort gab es immer wieder Streit: zwischen Herrschern und Bürgern oder zwischen Schlossbefürwortern und Anhängern des Palastes der Republik. Das Humboldt-Forum stellt sich dieser Spannung – auch mit einer Ausstellung. Von Harald Asel

Dieser Text wurde erstmals am 16.12.2020 veröffentlicht und erscheint hier in leicht aktualisierter Form.

Wer von der Ostseite ins fürs Publikum noch geschlossene Humboldt-Forum blickt, sieht einen Ausschnitt jener Stoffbahn, mit der 1993 die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses befeuert wurde: die gemalte Illusion der barocken Fassade von Andreas Schlüter. Daneben hängt das Foto einer Protestaktion der PDS gegen den Abriss des Palastes der Republik vier Jahre später. Es sind einige der vielen im Gebäude verteilten Spuren der Vergangenheit, die nicht als eine ungebrochene große Erzählung daherkommt.

"Ich finde ganz wichtig, dass man in diesem Haus die Geschichte des Ortes nicht in irgendeiner Ecke abhandelt, sondern dass man sich überall im Haus damit beschäftigt", sagt Alfred Hagemann. Er ist Bereichsleiter für die "Geschichte des Ortes im Humboldt-Forum" – ein etwas sperriger Titel, denn es geht der Abteilung nie nur um das Schloss, sondern um alle Ereignisse und Gebäude, die seit 850 Jahren hier zu finden sind.

Die kurfürstliche Residenz führt zum Berliner Unwillen

Umkämpft ist die Deutungshoheit am alten Spreeübergang im Berliner Urstromtal schon von Anbeginn. Dass eine Residenz des brandenburgischen Landesherrn im 15. Jahrhundert direkt gegenüber vom Rathaus der Doppelstadt Berlin-Cölln errichtet wurde, führte zum Aufstand der Bürger im Berliner Unwillen von 1447/48. Doch der Widerstand der Ratsherren gegen Kurfürst Friedrich II. und seine Bestrebungen, Berlin seiner städtischen Freiheiten zu berauben, scheiterte letztlich.

Brandenburgs Kurfürst Friedrich III., der spätere preußische König, ließ den Komplex zwischen 1698 und 1713 nach Plänen des Architekten und Bildhauers Andreas Schlüter zum barocken Schloss umbauen. Das Schloss mit der nachgeschaffenen Fassade sollte den anderen europäischen Mächten um 1700 zeigen: Brandenburg-Preußen will nicht in der zweiten Reihe stehen. Bis zum Ende der Kaiserzeit 1918 war es Stadtschloss der Hohenzollern.

Politischer Anspruch, aber auch gesellschaftliche Kritik bündeln sich an diesen Ort. Das heißt für die Kuratorin Judith Prokasky "neubauen und umbauen. Die ständigen Umnutzungen im Sinne der politischen Repräsentation sind das Beständige. Und das geht bis in die Gegenwart, auch das Humboldt-Forum ist ja ein Ort politischer Repräsentation."

Berlin-Mitte, Berliner Schloss (Stadtschloss). Blick von der Schloßbrücke auf die Nordwestseite des Stadtschlosses (Quelle: dpa) Das Berliner Schloss, 2020, Humboldt Forum mit Schlossbrücke und Fernsehturm, Berlin Mitte (Quelle:dpa)

Links: das Berliner Schloss 1935, rechts: aktuelle Aufnahme des Humboldt-Forums

Grabungsfunde im Keller

Diese ganze Geschichte des Ortes zu erzählen, ist für die Museumsmacher Herausforderung und Geschenk zugleich. Wo Bilddokumente über lange Zeiten hinweg nur die repräsentative Seite des Areals zeigen, haben Ausgrabungen das materielle Leben freigelegt. Alfred Hagemann steht vor einer Vitrine mit Grabungsfunden im Keller: "Diese Spinnwirtel [Handspindel. Anm. d. Red.] erzählen von dem Alltagsleben der ersten Siedler, die an der Spree eine Stadt gründeten. Und dann schleichen sich in das Fundmaterial zunehmend repräsentativere Dinge ein, hier diese Fayencen mit einem brandenburgischen Wappen."

Südlich mit dem Schloss verbunden, stand hier einst ein Dominikanerkloster, das von erster wirtschaftlicher Blüte der Region zeugte. Friedrich der Große ließ es abreißen. Die Fundamente sind ebenfalls im Kellergeschoss des Humboldt-Forums zu besichtigen. Dort finden sich auch Spuren späterer Innovationen wie die Reste einer Niederdruckdampfheizung, die zwischen 1896 und 1905 in den Nordteil des Westflügels eingebaut wurde. Um 1900 ist das Berliner Schloss technisch State of the Art.

Ein vielseitig genutztes Haus

Der Ort war immer mehr als nur Wohnstätte der Hohenzollern. Das ist Horst Bredekamp besonders wichtig. Der Kunsthistoriker war bis 2018 einer der Gründungsdirektoren des Humboldt-Forums. "Es war ein Amtsgebäude. Dort konnten Tagelöhner ihre Petitionen abgeben. Die Geldgeschäfte wurden im Schloss durchgeführt. Es gab Maskenbälle für bis zu 3.000 Besucher, bei denen keiner der Besucher wusste, welchem Stand die anderen angehörten."

Streit um die Deutungshoheit

Ideologisch umkämpft war das Haus vor allem in und nach dem Ersten Weltkrieg. Von hier aus richtete der Kaiser seine Appelle an die Bevölkerung, hier versammelten sich Protestierende, rief Arbeiterführer Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik aus.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs, nach Bombenangriffen im Februar 1945, brannte das Schloss fast völlig aus. Die DDR sprengte die Ruine im Juli 1950. Als Ausdruck sozialistischer Propaganda erklärte Walter Ulbricht damals, das Gebiet der Schlossruine müsse zum "großen Demonstrationsplatz werden, auf dem Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden können"

Ein Vierteljahrhundert später wurde der Palast der Republik an dieser Stelle gebaut. "Diese Beleuchtung, all die Lampen hier, das ist wunderschön, überwältigend", – sagte ein Besucher bei der der Eröffnung 1976. Das Gebäude war eine bewusste Abkehr vom Schlossgrundriss. Aber Mischnutzung gab es auch hier. Der Palast war Kulturhaus, Jugendtreff, aber auch der Ort eines Parlaments, das sich erst 1990 Bedeutung erkämpft. Eine originale gläserne Urne erinnert im Neubau daran.

Ein 14-minütiger Überblick als Videoinstallation in einem betonsichtigen Raum des Humboldt Forums erzählt von immer neuen Konstruktionen der Vergangenheit. "Man könnte natürlich an diesem Ort die ganze Geschichte Preußens, ganz Deutschlands erzählen, aber wir können jetzt nicht das Deutsche Historische Museum sein", sagt Alfred Hagemann.

Der Palast der Republik im Oktober 2007 mit dem Berliner Dom im Hintergrund. (Quelle: imago images /Werner Nick) Das Humboldt Forum mit dem Berliner Dom im Hintergrund im Dezember 2020. (Quelle: © SHF/Christoph Musiol)

Der Palast der Republik im Oktober 2007 und das Humboldt-Forum im Dezember 2020.

Das Humboldt-Forum verweist auf die Geschichte

Viel ist in den letzten Jahrzehnten über das Schloss als Mitte der Stadt Berlin räsoniert worden. Als räumlicher Ankerpunkt ist dies nun wieder erlebbar, aber auch als ideeller? So wie Walter Ulbricht 1950 den Abriss als Siegesgeste überhöht, betonen Aufbaubefürworter, etwa 1990 der Publizist Joachim Fest, im Wiedererstehen das Scheitern der östlichen Herrschaftsidee.

2002 entscheidet der Deutsche Bundestag für die Wiederherstellung der Originalfassaden an drei Seiten. Die Ruine des Palastes bekommt danach noch einmal große Aufmerksamkeit: Auf dem Dach steht in großen Buchstaben "Zweifel". Innen nutzen Künstlerinnen und Künstler den Ort für außergewöhnliche Projekte."

Inzwischen verändern sich die öffentlichen Debatten. Während der Neubau des alten Schlosses allmählich Gestalt annimmt, kommt die lange versäumte Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus in Gang. Saßen an diesem Ort nicht die Entscheider für die brandenburgische Expedition ins heutige Ghana im 17. Jahrhundert? Wurde nicht von hier aus Ende des 19. Jahrhunderts mit anderen europäischen Großmächten der Wettlauf um die Verteilung der Welt organisiert? Und was bedeutet es dann für die einstmals Kolonialisierten, dass gerade hier Objekte der Ethnologischen Sammlungen ausgestellt werden? Repräsentativer Anspruch und gesellschaftliche Kritik: Das neue Humboldt-Forum will beides vereinen. Ob das gelingt, ist offen. Die streitbare Geschichte am Ort des alten Spreeübergangs geht weiter.

Vom Berliner Stadtschloss zum Humboldt-Forum

Sendung: Inforadio, 15.07.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Harald Asel

23 Kommentare

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  1. 22.

    Der rbb verwendet die richtige deutsche Schreibweise ohne Deppenleerzeichen und das ist gut so. Es ist ein Unding wie die Herrschaften vom Bonzenschloss dort die im Englischen übliche Schreibweise meinen nutzen zu müssen.

  2. 21.

    Reißt dieses Raubkunstmuseum, das ja auch für die Zeit als Kolonialmacht steht wieder ab, und baut etwas wirklich Neues hin. Wenn wir die ganze Raubkunst zurückgegeben haben, ist das Gebäude sowieso leer.

  3. 20.

    Zum Abriss des Ballastes d. R. hatte ich auch ähnliche Gefühle. Dieser Glasbau mit dem Paradeplatz davor war nie ein architektonisches Juwel.
    Nun steht das Fake-Schloss da. Mit nachgebauter Hülle und langweiliger Schießscharten -Architektur nach Osten. Hier hätte ich mir die Fassade des P.d.R. zurückgewünscht. Dies wäre ein Statement gegen das ostdeutsche Narrativ gewesen, von Westdeutschland kolonialisiert worden zu sein.

  4. 19.

    Lieber rbb, das Ding heißt Humboldt Forum ohne Bindestrich.

  5. 18.

    Für mich einfach nur einschüchternd und grottenhässlich, diese Fake-Fassade des Humboldt-Forums. Ich frage mich, wie sich dahinter modernes Gedankengut entfalten soll. M.E. nicht nur ein weiterer architektonischer Fehlgriff in der Berliner Stadtlandschaft, sondern diesmal auch eine völlig falsche Symbolik. Dass es so werden würde, war vom ersten Tag an klar. Ich hoffe, es gibt wenigstens genug Menschen, die das Ergebnis zu schätzen wissen.

  6. 17.

    Sie als DDR-Bewohnerin und Gefangene des SED-Regimes. Einer meiner Vorfahren wurde in der NS-Zeit ermordet. Wenn Leute dem Bau eines Antisemiten und Völkermordes huldigen zeigt diese nur deren Defizite. Einer der Gründe warum die AfD im Osten bald führt ist der arrogante Umgang der Westler mit den Ostdeutschen. Die DDR war für Sie nur Stasi und Mauer. Wem dies zum Abriss des schönen Palast der Republik reicht der erkläre mit warum Finanzministerium und Olympia-Station noch stehen.

  7. 16.

    Ich war auch gegen den Abriß des PdR. Ich war wütend und fühlte mich um meine Vergangenheit betrogen. Aber langsam begann ich darüber nachzudenken ob es in der heutigen Zeit noch sinnvoll ist solch einen Feierpalast in der Mitte der Stadt zu betreiben. Das Humboldt Forum fügt sich super in die Umgebung ein. Zu den Linden alt und historisch. In Richtung Alex modern. Das gefällt mir gut. Und wenn man seine DDR zurück haben möchte, den empfehle ich einen schönen Spaziergang auf der Karl-Marx-Allee. Erst die Mocca-Milch Eisbar dann Kaffee Sybille und das Kino Kosmos. Mehr DDR geht nicht.

  8. 15.

    Ich war auch gegen den Abriß des PdR. Ich war wütend und fühlte mich um meine Vergangenheit betrogen. Aber langsam begann ich darüber nachzudenken ob es in der heutigen Zeit noch sinnvoll ist solch einen Feierpalast in der Mitte der Stadt zu betreiben. Das Humboldt Forum fügt sich super in die Umgebung ein. Zu den Linden alt und historisch. In Richtung Alex modern. Das gefällt mir gut. Und wenn man seine DDR zurück haben möchte, den empfehle ich einen schönen Spaziergang auf der Karl-Marx-Allee. Erst die Mocca-Milch Eisbar dann Kaffee Sybille und das Kino Kosmos. Mehr DDR geht nicht.

  9. 14.

    Ja in Potsdam, da wurde Nazikirche und Rosa Klotz die dortige Schloss-Attrappe gegen den Willen der Bürger von Steuergeldern errichtet. Ihr Stadtraum dort ist eine Einöde durch die Menschen nur so durchflüchten.

  10. 13.

    Ein Ort der unsere ostdeutsche Geschichte ausgelöscht hat. Was verschwiegen wird ist, dass die Mehheit diesen moströsen Protzbau der Ewiggestriegen nicht wollte.

  11. 12.

    Ich danke dem RBB für einen solchen profunden u. umfassenden Bericht. Harald Asel sticht da für mich immer wieder heraus.

    Für wichtig halte ich, dass der Bundestags-Beschluss keineswegs von einem Triumph gegen die DDR gekennzeichnet war, sondern vom Selbstverständnis, dem Stadtraum hier den passenderen Akzent zu geben.

    Alle Architekten, sowohl konservative wie moderne, waren sich nach dem Krieg einig darin, die "Linden" zu restaurieren und so auch an dessen Ende das Brandenburger Tor. Beim Schloss hingegen schieden sich die Geister. Da war es m. E. nicht nur Ulbricht, der ein Gebäude für den übersteigerten Nationalismus verantwortlich machte.

    Aus wohltuender Distanz konnte die Angelegenheit sowohl nüchterner als auch emotionaler entschieden werden: Nüchterner, weil weniger aufwallend, emotionaler hingegen i. S. eines Gefühls zur stadträuml. Komposition: Keine "Linden" ohne Finale am Brandenburger Tor und keine "Linden" ohne Auftakt in Gestalt des eh. Schlosses.

  12. 10.

    Das jetzige Schloss bzw. Humboldt-Forum war auch nie als Ersatz gedacht. Der "PdR" wurde zu Recht abgerissen; als Ossi weine ich ihm keine Träne hinterher. Falls Sie dem Symbol der Unterdrückung der ehemaligen DDR-Bürger hinterherweinen, vermissen Sie vielleicht auch die DDR?

  13. 9.

    Ich begrüße den Neubau des Humboldt-Forums, auch seine historisierende Architektur. Mit dem Abriss des "DDR-Palastes" war und bin ich als ehemalige DDR-Bewohnerin und Gefangene des SED-Regimes sehr einverstanden. Das DDR-System ist untergegangen und mit ihm sein Palast - und das ist gut so! Das Humboldt-Forum kann und wird ein Ort der Bildung und der Auseinandersetzung sein. Ich werde meinen Teil dazu beitragen und das Forum geniessen!

  14. 8.

    So'n Protzbau braucht kein Mensch. Es sei denn man will den Kaiser wieder haben. Schade um das Geld - hätte man besser verwenden können.

  15. 7.

    Ich bin vom Zensor scheinbar gesperrt. Das Schloss kein Ersatz für den PdR. Wer den PdR Abriss verfügt hätte, hätte auch das ICC wg Asbest abreißen müssen.

  16. 6.

    An der Anrede müssten Sie ggf. noch etwas ändern, wenn Sie modern sein wollen. Der Plural, sofern Sie für sich allein sprechen, ist da etwas aus der Mode gekommen.

    ;-

    Hartmut Dorgerloh kommt dagegen sehr modern daher und verwendet seine erworbenen akademischen Grade nur in demjenigen Zusammenhang, in dem sie tatsächlich fachlich von Bedeutung sind.

  17. 5.

    Für mich rausgeschmissenes Geld was man für andere Objekte hätte einsetzen können. Wer braucht denn heute noch so ein Prunkstück zum protzen außer unseren Regierenden.

  18. 4.

    Wollen wir mal hoffen, daß sich Berlin und die Bundesrepublik inhaltlich zu modernisieren wissen. Ich erwarte, daß die Frauen in der Geschichtsdarstellung angemessen repräsentiert sind. Enttäuschen Sie uns nicht, Herr Dorgerloh.

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