Das Berliner Schloss, 2020, Humboldt Forum mit Schlossbrücke und Fernsehturm, Berlin Mitte (Quelle:dpa)
Video: Abendschau | 12.12.2020 | Ulli Zelle | Gespräch mit Maria Ossowski | Bild: dpa

Alles über das Humboldt-Forum - Der Kulturkoloss auf der Spreeinsel ist fertig

Jahrelang wurde geplant, gebaut, gezankt – am 16. Dezember öffnet das Humboldt-Forum endlich, wenn auch zunächst nur virtuell. Andrea Handels hat die wichtigsten Fakten und Debatten rund um den umstrittenen Berliner Kulturbau zusammengefasst.

Wie kam es überhaupt zum Wiederaufbau des Berliner Preußen-Schlosses im 21. Jahrhundert?

Das Berliner Hohenzollern-Schloss lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. Die DDR-Behörden ließen die Ruinen 1950 sprengen und dort den Palast der Republik errichten.

2002 beschloss der Deutsche Bundestag mit einer fraktionsübergreifenden Mehrheit den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum – einem Museums-, Wissens- und Begegnungszentrum. In seinen drei Barockfassaden und mit dem Schlüterhof sollte es wiedererstehen, mit überwiegend neuzeitlich gestaltetem Interieur, so wünschte es sich ein Teil der Abgeordneten. Die anderen wollten die Gestaltung offen lassen.

Der Bundestagsbeschluss beinhaltete ausdrücklich den Abriss des Palastes der Republik. Das geschah zwischen 2006 und 2008.

Berlin-Mitte, Berliner Schloss (Stadtschloss). Blick von der Schloßbrücke auf die Nordwestseite des Stadtschlosses (Quelle: dpa) Das Berliner Schloss, 2020, Humboldt Forum mit Schlossbrücke und Fernsehturm, Berlin Mitte (Quelle:dpa)

Das Berliner Schloss damals & heute: Das linke Foto ist von 1935, das rechte vom Dezember 2020.

Wie wurde gebaut - und wie lange?

2008 gewann der italienische Architekt Franco Stella den Architekturwettbewerb. Sein Entwurf entsprach den Vorstellungen eines Teils der Bundestagsabgeordneten – und des Fördervereins Berliner Schloss e.V.: zur Spree hin eine moderne sehr schlichte Fassade, die übrigen historisierend barock.

2013 wurde der Grundstein für den Bau des Humboldt-Forums gelegt. Eigentlich sollte es 2019, im Humboldt-Jubiläumsjahr, fertig werden. Zunächst war die Eröffnung für September geplant, dann für November, dann fürs Frühjahr 2020 – und jetzt wird es am 16. Dezember 2020 eröffnet, allerdings wegen Corona nur virtuell.

Was hat der Bau letztendlich gekostet?

Ursprünglich wurden 552 Millionen Euro bewilligt, dann wurden 595 Millionen daraus, schließlich wegen Bauverzögerungen 644 Millionen Euro. Jetzt kommen wegen Corona-bedingten Termin- und Ablaufverzögerungen wahrscheinlich noch einmal 33 Millionen dazu. 677 Millionen werden es letztendlich wohl sein.

Den Löwenanteil davon trägt der Bund. Das Land Berlin beteiligt sich mit 32 Millionen Euro.

Die Rekonstruktion der Schlossfassaden, der Kuppel und der Innenportale 2, 3 und 4 wurde durch Spenden finanziert, die der Förderverein Berliner Schloss seit 1993 gesammelt hat. 45.000 Menschen haben seither 105 Millionen Euro gespendet.

Jetzt will der Verein noch 7,5 Millionen Euro zusätzlich sammeln, um weitere Portaldurchgänge, die restlichen Balustradenfiguren sowie die Restaurierung der Pilasterhermen "Frühling" und "Sommer" bezahlen zu können.

Palast der Republik, 1982 (Quelle: dpa/Karlheinz Schindler)Palast der Republik, 1982

Es wurde heftig gestritten wegen des Humboldt-Forums. Worüber?

Da gab es vieles – angefangen vom umstrittenen Abriss des Palasts der Republik, den manche als Denkmal erhalten wollten. Immerhin war das ein historisch interessantes Gebäude der DDR-Geschichte und Wendezeit – aber asbestverseucht.

Dann der Siegerentwurf des italienischen Architekten Franco Stella: drei Seiten der Außenfassade als originalgetreuer Nachbau des Preußenschlosses mit Originalskulpturen, nur an einer Seite zur Spree hin moderne Architektur. Manche fanden das genial, andere unmöglich. Ein Museum, das sich den Kulturen der Welt widmet, in einem Außenkleid, das die schlimmsten Zeiten des deutschen Kolonialismus repräsentiert? Geht gar nicht, so der Vorwurf.

 

Ein Kran hebt am Neubau vom Berliner Schloss, dem Humboldt Forum, die Kuppelspitze mit Engelsfiguren und einem Kreuz auf die Kuppel. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)Aufhängung der Kuppelspitze mit Engelsfiguren und Kreuz

Extra viel gestritten wurde und wird über die weithin sichtbare Kuppel mit dem vergoldeten Kreuz nach historischem Vorbild. Auf Rundumschrift in goldenen Lettern steht ein von König Friedrich Wilhelm IV verfasster Spruch: "Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind."

Zwar lässt sich der Spruch in seiner Gänze nur schwer entziffern. Doch er repräsentiert – ebenso wie das Kreuz – den Anspruch des Christentums, die überlegene Religion zu sein. Das passe, so die Kritik, gar nicht zum Gedanken der Diversität und kulturellen Vielfalt, die das Humboldtforum repräsentieren soll.

Und last but not least: Auch der Einzug des ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst aus Dahlem in ein rekonstruiertes Preußenschloss stößt manchen sauer auf. Es sei eine Manifestation des Kolonialismus und der Weltsicht von damals, wo viele kulturell bedeutende Gegenstände einfach eben mal mitgenommen wurden. Nicht nur aus den wenigen deutschen Kolonien, auch von den Expeditionen. Da können die Museumsmacher noch so oft beteuern, dass sie mit den Herkunftsgesellschaften der Objekte in Kontakt sind und an einer gemeinsamen Aufarbeitung arbeiten. Manche wollen es einfach nicht glauben

Berliner Stadtschloss, 11.12.2020 (Quelle: rbb24)

Worauf können wir uns jetzt freuen?

Grundsätzlich: Auf ein mehr als 40.000 Quadratmeter großes Gebäude mitten in der Stadt voller Kultur, Diskussionen, Veranstaltungen, das die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln und eine Plattform für gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse sein soll. Dazu gehören über 5.000 Quadratmeter öffentliche Innenhöfe. Am Schönsten ist wohl der historische Schlüterhof, der rund um die Uhr geöffnet sein wird, genau wie die Passage, die die Breite Straße mit der Straße Unter den Linden verbindet.

Aber: Die physischen Besuche müssen wegen Corona noch warten. Zunächst ist das Humboldt-Forum nur digital zu erleben.

An der Eröffnung am 16. Dezember können alle zwischen 19 und 20 Uhr per moderiertem Live-Stream teilnehmen und Einblicke ins Gebäude und die zum Teil schon fertig aufgebauten Ausstellungen erhalten. Parallel zum Hauptprogramm werden drei weitere Videokanäle angeboten, die ebenfalls nach der Eröffnung online bleiben. Zwei davon sind subjektive Touren durchs Gebäude, zum einen mit der Schriftstellerin und Aktivistin Priya Basil, zum anderen mit dem Stand-up-Comedian Stefan Danziger. Dazu kommen verschiedene 360-Grad-Video-Formate, in denen die Zuschauerinnen visuell das Gebäude erkunden und gleichzeitig von den Kurator*innen über die Geschichte des Ortes, die Brüder Humboldt und die geplanten Ausstellungen erfahren können – inklusive Drohnenflug durch die Treppenhalle.

Vom Berliner Stadtschloss zum Humboldt-Forum

Was erwartet die Besucher, wenn sie denn hinein können?

Eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes unter anderem mit einem riesigen Videopanorama, einem archäologischen Keller und sogenannten Spuren über das ganze Haus verteilt.

Die Ausstellung "Berlin Global" über die Verknüpfungen Berlins mit dem Rest der Welt im 1. Stock –- ausgerichtet von der Stiftung Stadtmuseum.

Das interaktive Humboldt Labor der Humboldt-Universität, in dem Wissenschaft hautnah zu erleben ist.

Wenn es die Pandemie zulässt, sollen die Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im 2. und 3. Obergeschoss im Sommer eröffnet werden. Die berühmten Südseeboote und Häuser sowie die buddhistischen Kulthöhlen sind schon eingezogen. Die übrigen Objekte sollen ab Anfang Januar ihre Reise aus Dahlem antreten und dann nach langer Zeit endlich wieder zu sehen sein.

Außerdem Sonderausstellungen, künstlerische Veranstaltungen, drei Restaurants, zwei Cafés, teils mit Ausblick zur Spree oder über die Stadt – und in den ersten drei Jahren: Eintritt frei.

Sendung: rbb Kultur, 12.12.2020, 18:30 Uhr

Beitrag von Andrea Handels

14 Kommentare

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  1. 14.

    Kitsch aus Beton, Inhalt: Raubkunst.
    Der schönste Zustand war der Park nach Erichs Lampenladen.
    Es gibt keinen Mut zur Lücke.

  2. 13.

    Nachdenken und Verstehen macht schon Mühe, wenn man nur seinem eigenen Mummenschanz im Hirn nachläuft! Gott befreit!

  3. 12.

    Ein Museum für Raubkunst, Humboldt als Feigenblatt und nebenbei noch die DDR entsorgt.

  4. 11.

    Ganz schön dick aufgetragen. Mit ihrem Selbstverständnis von diesem Mummenschanz haben schon Glaubenskriege angefangen.

  5. 10.

    Reichsbürger aller Art jubeln und sind glücklich... die alte Kaiserstadt ist bezugsfertig für den Kaiser. Das Parlament arbeitet ja schon länger in seinem Reichstag: "Dem Deutschen Volke". Und sein Schlösschen hat gefehlt... Bravo!

  6. 9.

    Es ist beim rbb immer gleich. Eine scheinbar sachliche Zusammenfassung wird für den Text zu seiner eigenen ideologischen Persiflage. Da steht unter dem historischen Bild des Schlosses " ein Relikt König F u s w," so stehen da also lauter Relikte Preußens, die Oper, die Humboldt Universität, das Brandenburger Tor, die Staatsbibliothek. Die Autorin selbst scheint mir ein Relikt der ahistorischen und a- kulturhistorischen Epoche der Berliner Republik zu sein und auf Reliktejagd aus ferner Zukunft zu uns gekommen.

  7. 8.

    Gott öffnet den beschränkten Horizont des Menschen auf das Wirkliche und Wesentliche Apg 4,12 und Phil 2,10:“ denn es ist uns Menschen kein anderer Name gegeben, durch den wir gerettet werden; damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters.“

  8. 6.

    Im ZDF Magazin Royale gab's dazu gestern einen schönen Beitrag: https://youtube.com/watch?v=CCU3bxBfk00

  9. 5.

    Die christlichen Worte der Kuppelinschrift (Apg 4,12 und Phil 2,10) sind eine Frohe Botschaft; diese zu verdrängen und zu mißdeuten ist das Problem: um 1850 brauchte Friedrich Wilhelm IV eine neue Schloßkapelle um als protestantisches Königshaus beispielhaft Gott die Ehre zu erweisen! Wir müssen diese Bausymbolik als christliches Zeugnis verstehen und akzeptieren lernen. Auch auf dem DDR Fernsehturm leuchtet das christliche Kreuz. Das Humboldtkreuz paßt zu den Innenstadtkirchen. Kritiker sollten exegetisch wissen, daß im Philipperbrief die Hinwendung des Menschen zu Gott in christlicher Freiheit geschieht: Christentum ist kein! Unterdrückersystem, sondern Hinwendung zur Begegnung: der Mensch neigt sich-beugt sich freudig Jesus entgegen, der die Menschheit wandelt! So ist es gemeint: Die Kuppelinschrift ist eine Nachricht für das weltoffene Berlin! Für die kulturpolitische Arbeit im Humboldtforum sollte man nicht ideologisch Vorurteile behaupten; also hinspazieren, lesen und verstehen!

  10. 4.

    Die Raubkunst sollte man nicht unerwähnt lassen.

  11. 3.

    Genau so ist und war es.

  12. 2.

    Kann man in dieser Stadt mal was im Kostenrahmen und pünktlich fertig stellen. Wie man in dieser Stadt mit Millionen so um sich schmeisst ist kaum zu glauben.

  13. 1.

    Die Geschichte auf zwei Sätze einzudampfen, ist m. E. doch etwas dürftig.

    Das Gebäude war keinesfalls totalzerstört, so war es auch nicht einfach nur Ruine, sondern wies einen sehr heterogenen Zustand auf. Der nächste Satz legt dann nahe, das Gebäude wäre gesprengt worden, um den Palast der Republik zu errichten. Der lag indes noch in weiter Ferne.

    Stattdessen offenbarte sich dort eine Stadtbrache und die war als Aufmarschplatz gedacht. Erst in den 1970ern, mit Fernsehturm und Alexanderplatz, kam die Idee auf, ein Bauwerk an dieser Stelle hinzustellen. Abgerissen ist der Palast vor allem wegen seines Nichtbezugs zur Straße Unter den Linden. Keine Nebensächlichkeit, wer sich Städte wie Lissabon, Prag oder Venedig anschaut oder die Champs Elysées in Paris.

    Die "Linden" waren in der Nachkriegszeit immer ein merkwürdiges Konstrukt - eine Art Geschichtsfenster mit Abschluss am Brandenburger Tor, der Anfang aber war unbegreifbar. Jetzt kam ENDLICH das eine zum anderen.

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