Cuarteto Rotterdam (Bild: Kay Herschelmann)
Audio: Inforadio | 07.12.2020 | Hans Ackermann | Bild: Kay Herschelmann

Streamkritik | Geburtstagskonzert für "Tangoloft" - Reise durch mehr als 100 Jahre Tango-Geschichte

Mit einem Livestream aus dem Wintergarten Varieté hat das "Tangoloft Berlin" seinen fast runden Geburtstag gefeiert. Seit 19 Jahren bringt man in dieser Tango-Tanzschule den Berlinerinnen und Berlinern die richtigen Schritte bei. Von Hans Ackermann

Getanzt wird im Wintergarten erst ganz am Ende des Konzertes - allerdings kein klassischer Tango, sondern "Desde el alma", also "Aus der Seele" - ein berühmter Tango-Walzer im Sechsachteltakt, komponiert im Jahr 1911.

Herz und Seele stehen natürlich im Mittelpunkt, wenn eine Tangoschule ihr Jubiläum feiert. Seit 19 Jahren gibt es "Tangoloft Berlin", der Geburtstag wurde jetzt mit einem Livestream aus dem Wintergarten Varieté begangen. Eingeladen hat man für dieses Fest der Leidenschaft die Musikerinnen und Musiker des in Berlin ansässigen deutsch-niederländischen Cuarteto Rotterdam. Dieses erstklassige Ensemble beherrscht die traditionellen Tangos und Walzer eines Osvaldo Pugliese, Juan D’Arienzo oder Carlos Gardel, genauso wie den Tango Nuevo von Astor Piazzolla.

Publikumsliebling Piazzolla

Man habe, erzählt die Geigerin Susanne Cordula Welsch dem Publikum, vor dem Konzert ein Voting im Internet veranstaltet und nach den Lieblingstangos der Fans gefragt. Mit "Oblivion" und "Adios Nonino" hat Astor Piazzolla die beiden ersten Plätze dieser Umfrage belegt, erst auf Platz 3 folgt Rosita Melos Tangowalzer "Desde el alma".

Seinen modernisierten Tango hat der 1992 gestorbene Komponist vor allem für den Konzertsaal komponiert, mit Jazzelementen oder auch als kontrapunktische "Fuga y misterio". Man kann zu dieser Musik wohl auch tanzen - sofern man tanzen kann - mit Sicherheit aber ist dieser Abend auch für Nicht-Tänzer ein musikalisches Erlebnis.

Kleines großes Orchester

Das Quartett sei "a great orchestra" schreibt eine Zuschauerin aus Übersee in der stark frequentierten Kommentarspalte des Streams. Und sie hat recht: Hier ist ein kleines, dabei wahrlich großes "Tango-Orchester" am Werk, in dem die vier Musikerinnen und Musiker alles aus ihren Instrumenten herausholen. Neben der Geigerin Susanne Cordula Welsch überzeugen die niederländische Pianistin Judy Ruks, am Kontrabass Anna-Maria Huhn und mit feinen Tönen aus dem Balginstrument der Bandoneonist Michael Dolak.

Im zweiten Teil des Konzerts wird das Quartett dann zum Quintett - hinzu kommt Carlos Libedinsky. Er ist ein in Buenos Aires geborene Bandoneon-Spieler und Komponist, der mit seiner Band "Narcotango" den Tango schon seit Jahren mit elektronischen Klängen belebt. Wer seine mit modernen Beats aufgefrischten Tangos und Milongas an diesem Abend hört, wird sich kaum wundern, dass Carlos Libedinsky zuletzt sogar für einen Grammy nominiert war

Tangostadt Berlin

Vom traditionellen Tango über Astor Piazolla hin zum modernen Elektro-Tango - der leidenschaftliche Abend reist mit Erfolg durch drei Stationen einer mehr als 100 Jahre dauernden Tango-Geschichte - und zeigt, wie gern und gut sich diese melancholische Musik immer wieder modernisieren lässt. Vor allem in Berlin, wo immerhin die "größte Tango-Community außerhalb von Buenos Aires" lebt - wie die beiden Veranstalter Mona Isabelle Schröter und Henning Klose erzählen.

Nach der gelungenen Geburtstagsfeier im Wintergarten müssen diese beiden Enthusiasten jetzt nur noch einen neuen Standort für ihr Tango-Zentrum finden. Die bisherigen Räume in der Gerichtsstraße im Wedding hat man im Juli aufgegeben.

Sendung: Inforadio, 7.12. 2020, 6:55Uhr

 

Beitrag von Hans Ackermann

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