Archivbild: Kinder gehen am 29.06.2017 in Berlin auf einer überfluteten Straße im Stadtteil Schöneberg über eine Kreuzung. (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)
Audio: Inforadio | 04.12.2020 | Ute Büsing | Bild: dpa/Stephanie Pilick

Kritik | Literatur über den Klimawandel - "Climate Fiction" - ein neues Genre auf dem Vormarsch

Früher "Kassengift", heute Verkaufsargument: Das Thema Klimawandel nimmt auch in der Literatur einen immer größeren Stellenwert ein. Im Literaturhaus Berlin startet daher am Freitag ein erstes "Climate Fiction Festival". Von Ute Büsing

 

Das hat es weltweit noch nie gegeben: ein mehrtägiges europäisches Literaturfestival, das sich ausschließlich der Klimakrise widmet. Aber was sind eigentlich die Kriterien für "Climate Fiction" - oder "CliFi" - wie das Noch-nicht-Genre abgekürzt heißt? Kurator Martin Zähringer nennt "die ernsthafte literarische Auseinandersetzung mit Klimawandel, beziehungsweise Klimakrise, in allen Gestaltungsformen - sowohl als Dystopie, als auch als Utopie."

Youtube-Link zum Live-Stream: Climate Fiction Festival. Tag 1 (deutsch):

CliFi-Brückenschlag nach Europa

Ältere können sich vielleicht noch an die "Öko-Poesie" im Zuge der Auseinandersetzungen um Atomkraftwerke in den 80er Jahren erinnern. Stark angezogen hat zuletzt das verwandte "Nature Writing". Vorreiter für "CliFi" waren amerikanische Science-Fiction-Autoren - aber Climate Fiction umfasst viel mehr als nur Science Fiction: vom literarischen Bericht übers Gedicht bis zum Krimi und zum Öko-Thriller.

Im Literaturhaus Berlin wird jetzt der Brückenschlag nach Europa gesucht. Engagierte Schriftsteller aus Großbritannien, Dänemark, der Schweiz und der Türkei stellen bei verschiedenen Foren ihr Engagement für Klima und Körper, Klimaschutz und literarischen Widerstand vor.

"Zum Verkaufsargument emanzipiert"

Als Erfinder des deutschen Öko-Thrillers gilt der Journalist Dirk C. Fleck, der sich bereits 1992 mit dem Treibhauseffekt und der Ölindustrie beschäftigte und ein Jahr später mit der Dystopie "Go! Die Ökodiktatur" nachlegte. Später wandte er sich mit seinen "Tahiti"-Romanen der Utopie einer gleichberechtigten, fairen Gesellschaft zu.

Ebenso mit dabei ist Ilja Trojanow, der für sein Buch "Eisstau" bereits 2011 in einem Klimainstitut recherchierte, Krimiautorin Zoe Beck ("Paradise City") und die Nachwuchsautoren Helene Bukowski ("Milchzähne"), Roman Ehrlich ("Male") und Sina Kamala Kaufmann, die auch das Extinction-Rebellion-Handbuch mitherausgegeben hat.

So weit gefasst das Spektrum der Climate Fiction auch ist, "Kapitalismuskritik ist immer Bestandteil", sagt Kurator Martin Zähringer. Der Literaturkritiker hat das veranstaltende "Climate Cultures Network" Berlin mitbegründet, das allein vom Berliner Kultursenat eine Förderung von 85.000 Euro für das Festival bekommen hat. Weitere Mittel kamen von der Stiftung Pro Helvetia und dem Literaturhaus.

Die Auseinandersetzung mit internationalen Positionen zur Klimakrise hat Martin Zähringer schon lange beschäftigt und zu vielfältigen Veröffentlichungen geführt. Er ist fasziniert davon "wie im anglophonen Raum schon lange mit dem Begriff 'Climate Fiction' für ein neues Genre operiert wird" und wünscht sich auch hierzulande, "einen Zusammenhang herzustellen". Früher, so merkt Martin Zähringer an, galt ein Buchcover-Aufdruck wie "Klimawandel" oder "Klimakrise" als "Kassengift". "Heute hat sich dieses Label zum Verkaufsargument emanzipiert", sagt er und immer mehr Schriftsteller wenden sich brennenden ökologischen Fragen zu.

Fridays for Future in der Literatur

Einen "Paradigmenwechsel in der Literatur" sieht auch der Berliner Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel. Der begeisterte Schwimmer beschäftigt sich in Prosa und Sachbüchern schon immer mit dem Wasser. In seinem neuen Roman "Der brennende See" verbindet er den Kampf ums Wasser jetzt mit den Generationen-Fragen, die Nachwachsende stellen: "Das reicht dann bis auf den Abendbrottisch: Was wird gegessen und welchen ökologischen Fußabdruck hinterlässt man beim Einkaufen?"

John von Düffel hat also den ersten Roman zur Generation "Fridays for Future" geschrieben. Darüber spricht er am Sonntag zum Abschluss des CliFi-Festivals. Gespeist ist der Roman auch aus gemeinsamen Demonstrationserfahrungen mit seiner eigenen 13-jährigen Tochter, die zufällig ebenso "Greta" heißt, wie die Speerspitze der Fridays-for-Future-Bewegung, Greta Thunberg. Dabei hat John von Düffel eine Analogie zu eigenen Anti-AKW-Demos erfahren und zugleich "den Druck, dass die Welt ein bisschen verkehrt geworden ist", weil die Jungen jetzt richten sollen, was die Alten versäumt haben.

Wegen Corona würden gerade andere brennende Probleme in den Hintergrund gedrängt, findet John von Düffel. Für ihn sei das Festival deshalb auch "ein Nadelstich, um die Klimakrisen-Diskussion zurückzuholen".

Beitrag von Ute Büsing

7 Kommentare

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  1. 7.

    Ich finde ein ganz großes Problem sind die unendlich vielen Verpackungen. Ändert sich rein gar nichts. Unverpacktläden machen pleite, das ist alles.

  2. 6.

    Markus, das hier ist die Kurve, die zählt: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mauna_Loa_CO2_monthly_mean_concentration_DE.svg Sehen Sie da irgendeine Abflachung? Ich nicht. Es wurde also nichts unternommen was das Problem tatsächlich löst.

  3. 5.

    Oh Mann, zu den Fakten gehört auch, dass die Stromerzeugung lediglich 20% des dt. Primärenergiebedarfs entspricht.
    Nimmt man diesen als Grundlage, macht das eine erreichbare CO2 Neutralität mehr als unrealistisch.
    Ist hart zu hören, leider aber wahr. Schade um die uneffektiv verpulverten Milliarden €

  4. 4.

    "Und da hat sich deine unsere Generation, wie schon die davor, lediglich dadurch hervorgetan, lieber nichts unternommen, beziehungsweise alles noch schlimmer gemacht zu haben."

    Solche Statements werden gerne verwendet um Stimmung zu machen. Sie haben aber keine Substanz, wenn man sich die Fakten anschaut:
    - Anteil regenerativen Energie an Stromerzeugung in D im Jahr 1990 ca. 5%
    - Anteil regenerativen an Stromerzeugung in D im Jahr 2020 >40%

    Ich finde, dass in den letzten Jahren ziemlich viel im Bereich der erneuerbaren Energien getan wurde. Auch Dank des EEG aus dem Jahr 2000 gab es einen richtigen Schub in Richtung Energieerzugung aus Wind + Sonne.

    Hätte man mehr machen können? Bestimmt. Aber von dem ganzen Gelabbere "Die machen nichts" sollte man sich mal verabschieden. Außer man möchte seine Ideologien durchprügeln...

  5. 3.

    "Jede Generation wird an ihren Taten gemessen."
    Haha, ähm, ja. Genau. Und da hat sich deine unsere Generation, wie schon die davor, lediglich dadurch hervorgetan, lieber nichts unternommen, beziehungsweise alles noch schlimmer gemacht zu haben. Und wie an deinem Eigentor-Kommentar so schön ersichtlich: ausser anderen zu sagen, was sie dann später mal zu tun haben, habt ihr ja auch nicht wirklich was drauf gehabt.
    Ich bin zuversichtlich, was unsere junge Generation angeht, aber sie wird auch noch viel Zeit damit verschwenden müssen, sich gegen die ältere durchzusetzen. Und das ist nun wirklich nicht ihre Schuld.
    P.S.: wer lässt nochmal in Indien produzieren? Achja, wir. Sorry, kurz vergessen...

  6. 2.

    Jede Generation wird an ihren Taten gemessen. Was für herausragende Erfindungen/Lösungen von fähigen Leuten es heute schon gibt. Da müssen sich die Nachfolgenden aber anstrengen, ein ähnl. Niveau zu erreichen: Bildung statt Reden schafft Raum für Lösungen, wenn man es denn will. Jede Generation muss sich seinen besonderen Herausforderungen stellen (können/wollen). Und falls die Generation "Greta" es noch nicht weiß: Das Internet vergisst nie! Es reicht nicht aus andere zu nötigen, was sie zu tun haben. Besser machen, als die jetzigen schon recht guten Politiker, ist da schon eher eine Option. Übrigens, ob die Erderwärmung verlangsamt werden kann, wird in Indien entschieden... in Dtl. würde es schon reichen, wenn man weniger Lebensmittel wegschmeißt - was für ein grandioser klimafreundlicher Gedanke?

  7. 1.

    Da können dann direkt die Reden der Politiker ausgestellt werden, die seit über 30 Jahren behaupten sie würden den Klimawandel sehr ernst nehmen. Bessere "Fiction" kann man sich ja kaum ausdenken.

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