Der Schauspieler und Künstler Armin Mueller-Stahl steht am 05.09.2015 in der Ausstellung "Bildwelten" in Hamburg (Quelle: dpa/Daniel Reinhardt)
Bild: dpa/Daniel Reinhardt

90. Geburtstag von Armin Mueller-Stahl - Mit Minimalismus im Dienst der Rolle

Einer der wenigen internationalen Schauspiel-Stars aus Deutschland feiert am Donnerstag seinen 90. Geburtstag: Armin Mueller-Stahl drehte in Hollywood und beeindruckte als Thomas Mann. Seine Karriere startete er, in Prenzlau aufgewachsen, bei der DEFA. Von Knut Elstermann

Am 17. Dezember feiert einer der wenigen internationalen Stars aus Deutschland seinen 90. Geburtstag, der große Charakterdarsteller Armin Mueller-Stahl. Schon die Zuschauerinnen und Zuschauer in der DDR wussten seine feinsinnige Darstellungskunst zu schätzen. Sein bloßes Erscheinen auf der Bühne, der Leinwand oder auf dem Bildschirm verwandelte mit einem Schlag die Szenerie, von ihm ging ein ungeheurer Sog aus.

Ihn umgab eine verhaltene Aura von Abenteuerlichkeit, Eigenständigkeit und Lebenserfahrung, auch schon in jungen Jahren. Dabei trumpfte Mueller-Stahl schauspielerisch nie auf, zielte nie auf den billigen, schnellen Effekt ab, sondern stellte sich mit manchmal geradezu minimalistischen Mitteln ganz in den Dienst der Rolle. Armin Mueller-Stahl, der zunächst Violinist werden wollte, hat den Schauspielberuf nie mystifiziert.

Armin Mueller-Stahl in "Wolf unter Wölfen" (Quelle: MDR/DRA/Peter Dietrich)
Armin Mueller-Stahl in "Wolf unter Wölfen" (1965) | Bild: MDR/DRA/Peter Dietrich

Seine Markenzeichen: heisere Stimme und stahlblaue Augen

Er betonte immer den Wert des perfekt erlernten Handwerks, das es dem Künstler erst erlaube, mit seinem Instrument, dem eigenen Körper, starke Wirkungen zu erzielen. Zu diesem Instrumentarium gehört bei ihm auch seine überaus markante, ausdrucksvolle, leicht heisere Stimme. Und seit er in Farbe zu sehen war, bewunderten die Kinogänger auch den Blick aus seinen unglaublich stahlblauen Augen.

Der im ostpreußischen Tilsit geborene, in Prenzlau aufgewachsene Armin Mueller-Stahl, hatte sich nach schrecklichen Kriegserfahrungen mit dem sozialistischen Projekt DDR durchaus identifiziert. In Frank Beyers Filmen wie "Fünf Patronenhülsen" (1960), in dem er wie ein staubiger Westernheld wirkt oder "Nackt unter Wölfen" (1963) spielte er glaubhaft eindrucksvolle antifaschistische Widerstandskämpfer. In der sehr erfolgreichen DDR-Fernsehserie "Das unsichtbare Visier", eine Antwort auf die Bond-Filme des Westens, verkörperte er sogar einen Stasi-Agenten.

Auch gerne mal der Clown

Viel zu selten konnte der Erzkomödiant Armin Mueller-Stahl, der auf der Bühne gern als Clown auftrat und sich immer als Gaukler sah, in Filmkomödien spielen. "Nelken in Aspik" von 1976 ist eine der raren Ausnahmen und eine gelungene dazu, trotz eines etwas tempoarmen Drehbuchs. Mueller-Stahl spielt einen Werbefachmann, der gerade zwei Vorderzähne verloren hat. Weil er nun voller Scham zu allem schweigt, was als ständige Zustimmung fehlgedeutet wird, klettert er blitzschnell die Karriereleiter empor. Wenn er doch mal etwas sagt, ist Mueller-Stahls gequältes Lispeln umwerfend komisch.

"Geschlossene Gesellschaft" sein bester Film

"Geschlossene Gesellschaft" von 1978, ein Fernsehfilm, der bei seiner Ausstrahlung als Sensation empfunden wurde, obwohl man ihn ins Nachtprogramm verbannte, gehört zu seinen besten Arbeiten. Es war sein letzter Film in der DDR, die Geschichte eines Ehepaars, das nach langen Jahren der Verdrängung im Urlaub plötzlich alle Konflikte aufbrechen lässt. Das Kammerspiel von Frank Beyer nach einem Buch von Klaus Poche gab den glänzenden Schauspielern Jutta Hoffmann und Armin Mueller-Stahl - alle vier Beteiligten waren Unterzeichner des offenen Briefs gegen die Ausbürgerung des oppositionellen Liedermachers Wolf Biermanns - die Gelegenheit, Nuancen eines solchen Ehekrieges leidenschaftlich auszuspielen, Wut, Trauer, Enttäuschung.

Gleichzeitig schufen sie damit ein unmissverständliches, eindringliches Sinnbild für eine erstarrte, eben "geschlossene" Gesellschaft, in der es untergründig brodelte. Mueller-Stahl wurde zunehmend kaltgestellt, in seinem autobiografischen Roman "Verordneter Sonntag" gab er über diese bleierne Zeit Auskunft.

Glanzrolle als Thomas Mann

1980 verließ er die DDR und konnte im Westen schnell an seine alten Erfolge anknüpfen, arbeitete mit großen Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder ("Lola"/1981) und Jim Jarmusch ("Night On Earth"/1991). Für "Shine" wurde er 1996 für einen Oscar nominiert.

Eine seiner schönsten Altersrollen und eine der stärksten Leistungen seiner ganzen Laufbahn bot uns Armin Mueller-Stahl in Heinrich Breloers Fernseh-Dreiteiler "Die Manns" von 2001, eine ARD/ARTE-Produktion, für die er nach zehn Jahren wieder in der Heimat drehte.

Für seine Darstellung des Thomas Mann erhielt er hochverdient den Grimme-Preis. In diesem großartigen Dokudrama werden die Spielfilmszenen mit Zeitzeugen-Interviews verbunden. Armin Mueller-Stahl meistert die schwierige Rolle des berühmten Autors, von dem jeder Leser eine eigenen Vorstellung hat, mit einer in sich ruhenden Intensität, repräsentativ, mit dem stets spürbaren Bewusstsein des Schriftstellers von der eigenen Größe und mit verborgenen Abgründen, als hätte er sein Leben lang nur auf diese große Chance gewartet. Im Jahre 2008 spielte Armin Mueller-Stahl in Breloers Verfilmung der Buddenbrooks dann mit stiller Würde den alten Konsul Jean Buddenbrook. Aber auch in kleineren Rollen blieb Mueller-Stahl mit seiner Genauigkeit, seiner eindringlichen Sparsamkeit ein Garant für Glaubwürdigkeit.

Vor 15 Jahren beendete der vielseitige Künstler seine fast 60-jährige Schauspieler-Laufbahn und widmet sich seitdem ganz der Malerei. Obwohl er schon so lange vor keiner Kamera mehr stand, ist er in der Erinnerung seines Publikums so erstaunlich präsent, als hätte er erst gestern eine seiner unvergesslichen Rollen gespielt.

Sendung: Radioeins, 16.12.2020, 08:40 Uhr

Beitrag von Knut Elstermann

4 Kommentare

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  1. 4.

    Die beste Rolle m.M. war doch "ACHIM DETCHEN" alias "WERNER BREDEBUSCH" im "unsichtbaren Visier". Jeder Teil mega spannend. Schade, dass dieser Straßenfeger im bundesdeutschen TV-Giftschrank verschwunden ist und nicht mal nach Mitternacht wenigstens auf den "Ostsendern" ausgestrahlt wird. Dort, wo sich seit Jahrzehnten "Polizeiruf110" und der "Staatsanwalt hat das Wort" in Dauerwiederholungen tummeln. Traurig, wo doch der Westen so auf die angeblichen Giftschränke beim DFF wettert, in welchen vermeintliche Kunstwerke nie zur Austrahlung gelangten.

  2. 3.

    Ein großartiger Künstler und Mensch. Wenn er spricht, hat man das Gefühl, hier ist ein hoch intelligenter und gleichzeitig bescheidener Mensch. Ich wünsche ihm noch glückliche Jahre bei guter Gesundheit.

  3. 2.

    Herzliche Gratulation dem Ausnahmekünstler.Ich bin stolzer besitzer einer Original-Autogrammkarte mit Originalunterschrift aus seiner Anfangszeit um 1960. Seltsamerweise wurde sein Vorname dort als "Arnim" angegeben.
    Unterschrieben hat er aber mit "Armin", sowie ich das lesen kann.
    Ein großer Allrounder, der dazu noch viel Intelligenz besitzt und bescheiden auftritt.
    So etwas wird es nicht so schnell wieder geben. Alles Gute und noch viele Jahre bei guter Gesundheit!

  4. 1.

    Ein großes Multitalent liegt im Krankenhaus. Dies berichtete heute früh ein langjähriger Weggefährte des Schauspielers. "Er ist in guten Händen" Den Schauspieler plagen gesundheitliche Probleme.
    Wünsche ihnen gute Besserung.

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