Taylor Mac, Holiday Sauce... Pandemic! 2020 (Quelle: Little Fang Photograph)
Bild: Little Fang Photograph

Stream-Kritik | "Taylor Mac: Holiday Sauce… Pandemic!" - Weihnachts-Pomp mit bittersüßer Herzensschwere

Drag-Künstler und Theater-Phänomen Taylor Mac lädt zur vorweihnachtlichen Weihnachts-Show. Die unter anderem von den Berliner Festspielen gestreamte "Holiday Sauce… Pandemic!" offenbart aber vor allem: Echtes Live-Theater fehlt! Von Fabian Wallmeier

Drag-Kostüm und Schminke sind eine Pracht: Kürbisse und Zucchini bilden einen riesigen Hut. Prangen in grellen Farben auf Taylor Macs Gesicht. Der steht zunächst ganz allein in einem Theater in Brooklyn und spricht per Stream in alle Welt.

"Holiday Sauce" heißt die Show, die Mac in der Weihnachtszeit normalerweise live performt - und nun am Samstagabend mit dem Zusatz "… Pandemic!" erstmals in einer Stream-Variante präsentiert hat, koproduziert von den Berliner Festspielen. Anlass dafür war die Verleihung des International Ibsen Award an Mac am selben Abend - des wohl prestigeträchtigsten Theaterpreises der Welt, der nie zuvor an einen amerikanischen Künstler gegangen war.

Taylor Mac, Holiday Sauce... Pandemic! 2020 (Quelle: Courtesy Pomegranate Arts)
Bild: Courtesy Pomegranate Arts

Dass diese Auszeichnung ihre Berechtigung haben dürfte, konnte man in Berlin vor gut einem Jahr erleben. Da präsentierte Taylor Mac im Festspielhaus eines der größten Theater-Ereignisse des Jahres. "A 24-Decade History of Popular Music" war ein sich über vier sechsstündige Abende streckendes Großereignis. Ein Ritt durch die US-Geschichte anhand von Songs, eine stolze queere Gegenerzählung - und nicht zuletzt: ein immersives Musiktheaterelebnis par excellence. Das Publikum ging buchstäblich auf in der Performance - eingebunden in Mitmach-Aktionen: Menschen bewarfen sich mit Tischtennisbällen, tanzten, lagen sich in den Armen.

Wohnzimmer-Stream statt Gemeinschaftserlebnis

Größer könnte der Kontrast also kaum sein: Statt des ganzkörperlichen Gemeinschaftserlebnisses im Haus der Berliner Festspiele gibt es nun eben nur einen Stream ins heimische Wohnzimmer. Komplett live ist die Performance nicht - so schnell kann selbst Taylor Mac nicht die Kostüme wechseln.

Eine Weihnachtsshow im herkömmlichen Sinne ist "Holiday Sauce" natürlich nicht, auch wenn sie von Weihnachtssongs durchzogen ist: "O Holy Night" etwa oder "God Rest Ye Merry Gentlemen". Doch es geht auch hier wieder um eine Gegenerzählung: um das Ausgeschlossensein derer, die nicht dem traditionellen Familienbild entsprechen, das gerade in der Weihnachtszeit allgegenwärtig ist.

Taylor Mac, Holiday Sauce... Pandemic! 2020 (Quelle: Courtesy Pomegranate Arts)
Bild: Courtesy Pomegranate Arts

Taylor Mac kann beides: sich mit ganzem Herzen zum Pomp und Kitsch bekennen, den Weihnachten gerade in der amerikanischen Popkultur bedeutet - und zugleich dem Fest mit bittersüßer Herzensschwere die naive Festlichkeit austreiben.

Doch vom Rausch seiner Berliner Mammut-Performance ist diese eine gute Stunde kurze Show weit entfernt. Zu viele Einspieler stören den Flow - und dass der begnadete Conférencier Taylor Mac kein Publikum zur Interaktion hat, fällt stärker ins Gewicht als bei den meisten anderen Theater-Streams.

"Gleich kommt die Hoffnung"

Höhepunkt ist dann auch nicht der live performte Teil der Show, sondern ein Einspieler, auf dem das Publikum zumindest zu hören ist: Auf der Tonspur läuft der sehr witzige und sehr böse Song "Christmas with Grandma", den Mac allein zur Ukulele singt, und im Bild wird er mit Animationen interpretiert.

Taylor Mac, Holiday Sauce... Pandemic! 2020 (Quelle: Steffanie Christi'an)
Bild: Steffanie Christi'an

Hübsch naiv gezeichnete Figuren mit Christbaumkugeln springen durch die immer düsterer werdende Handlung, in der es um vergangene Weihnachtsfeste bei den Großeltern geht. Die kindliche Freunde an Weihnachten wird immer mehr getrübt: Da liegt die demente Oma auf einmal in ihrem eigenen Urin, der Großvater hat früher die Mutter missbraucht, der andere hat den Sohn zum Alkoholiker gemacht - und der Familienhund hinterlässt überall eitrige Flecken von den nässenden Tumoren an seinem Bauch, die über den mit Zeitungspapier ausgelegten Teppich reiben.

"Aber gleich kommt die Hoffnung", sagt Mac dann an - und ganz am Ende kommt sie tatsächlich: als der Protagonist, nach seinem Coming-Out vom Opa verbannt, sich seine eigene queere Wahlfamilie sucht - mit Omas und Opas, die mehr mit ihm verbindet als Blutsverwandtschaft.

Queens aus aller Welt

Zentraler Fixpunkt der queeren Familie ist Macs 2017 verstorbene "drag mother" Mother Flawless Sabrina. Ihr ist die Show gewidmet. Doch die Familie spannt einen noch weiteren Bogen: Zu einer bluesigen Version von "Stille Nacht" werden "queens" aus aller Welt eingeblendet: LGBTQI-Aktivist*innen legen sich Schärpen posieren mit Schärpen, auf denen der jeweilige Wohnort steht - und Mac kommentiert launig und liebevoll die Outfit.

So ist diese "Holiday Sauce" letztlich vor allem zweierlei: Zum einen transportiert die Show ein bisschen von dem queeren Empowerment, das die "24-Decade History" ausgemacht hat, in die Weihnachtszeit. Zum anderen aber macht sie deutlich: Was originäres Theater an Stimmungen und Gemeinschaftsgefühl erwecken kann, vermag kein noch so aufwändig produzierter Stream. Möge die "Holiday Sauce" des kommenden Jahres wieder ein echtes Live-Theater-Erlebnis sein können!

Sendung:

Beitrag von Fabian Wallmeier

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