Konzert von Hildur Gudnadottir beim CTM-Festival im Jahr 2020. Quelle: Roland Owsnitzki/www.imago-images.de
Roland Owsnitzki/www.imago-images.de
Audio: Inforadio | 30.01.2021 | Lennart Garbes | Bild: Roland Owsnitzki/www.imago-images.de

Festival-Kritik | "Apotome Live" - Herrschaftskritik mit der Musiksoftware

Das Berliner CTM-Festival musste wegen der Corona-Pandemie in den digitalen Raum verlegt werden. Seinen politischen Anspruch hat die CTM aber nicht verloren – etwa mit einer Liveperformance, erzeugt mit einer Software ohne kulturellen Bias. Von Lennart Garbes

Schon das Setting für "Apotome Live" ist wie gemalt für eine avantgardistische Kunstperformance. Fünf Musiker und Musikerinnen, gekleidet in schwarz und grau, stehen an fünf im Kreis aufgestellten Tischen. Auf den Tischen sind Mischpulte aufgebaut, überwuchert von Kabeln und Cinch-Steckern. Ebenfalls in der Runde sitzt eine Cellisten, natürlich auch in Schwarz. Sie alle befinden sich in der abgedunkelten, steril wirkenden Betonhalle im silent green in Berlin, die eingetaucht ist in langsam pulsierendes lila-weißes Licht.

Eine Software als Headliner

Gemeinsam erzeugen die Musiker live improvisierte, wundersam-dystopische, elektronische Klangwelten. Interagiert wird dabei erst einmal so gut wie gar nicht. Der Livestream zeigt Musiker, die konzentriert auf ihre Instrumente starren, an Reglern drehen und in der totalen Kameraeinstellung aussehen wie die Lagerfeuerversion eines Kraftwerk-Konzertes. Wer genau hier für welchen Ton verantwortlich ist, bleibt unklar.

Am besten funktioniert der Stream daher eigentlich mit geschlossenen Augen. Dann kann man sich ganz darauf konzentrieren, wie sich Melodien und Rhythmen langsam heranwälzen und wieder davon treiben. Doch um das klassische Konzerterlebnis geht es sowieso nur zum Teil. Der eigentliche Star an diesem sechzehnten Abend des Berliner CTM-Festivals 2021 ist die Software "Apotome". Sie ist das Kompositionsprogramm, mit dem die Liveperformance erzeugt wird.

In der ersten halben Stunde gibt die Musikproduzentin Faten Kanaan, zugeschaltet aus Brooklyn, die verträumte Grundrichtung der sich ununterbrochen weiterentwickelten Klangperformance vor, während die Elektro-Musiker und die Cellistin in Berlin darauf reagieren, Elemente dazugeben, verzerren oder verdoppeln. Im zweiten, mitreißenderen Teil bedient dann Khyam Allami aus dem Kreis der sechs Musiker "Apotome".

Komponieren ohne kulturellen Bias

Der irakisch-britische Multi-Instrumentalisten Allami ist auch derjenige, der die Musiksoftware entwickelt hat. Der Musikwissenschaftler wollte sich nicht mehr damit zufriedengeben, dass die bekanntesten Kompositionsprogramme, ausschließlich den Logiken klassisch-westlicher Musik folgen. Dagegen entwickelte Allami "Apotome", mit der auch mikrotonale Elemente komponiert werden können, die kleiner sind als die klassisch-europäischen Halbtonschritte, und die vor allem in der klassischen arabischen und indischen Musik vorkommen. „Apotome“ soll damit die eurozentrischen Grenzen herkömmlicher Musiksoftware überwinden.

Was mit dem Kompositionsprogramm alles möglich ist, lässt sich ohne besonders geschultes Gehör während der Performance allerdings nur an einigen Stellen erahnen. Ohne die Diskussionsrunde vor dem Livekonzert oder die Erklärungen im Internet erschließt sich die Herrschaftskritik der Performance nur bedingt – was aber auch nicht ganz einfach erscheint, wenn der subversive Kern der Performance die zugrundeliegende Software ist. Wirklich eindrucksvoll wird diese Stunde experimenteller, elektronischer Musik allerdings erst, wenn man auch den politischen Anspruch und die viele Arbeit dahinter erkennt.

Sendung: rbbKultur, 30.01.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Lennart Garbes

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    "Eurozentrisch" ist vor allem der Diebstahl, denn RockNRoll ist schwarze Musik - selbst Nazis klauen und besetzen sie, weil Deutschland offensichtlich völlig kulturlos ist und nicht mal eigene Musik kann, ganz im Gegensatz zum Balkan, wo jedes 2. Dorf und jede Insel einen eigenen (orientalischen?) Sound hat.
    Es kann keine herrschaftkritische Software geben, wenn ihr Konsum mobil möglich bleibt, mobiles Internet gibt's schliesslich nur durch Brutalo-Rassismus der imperialen Uberbevölkerung in Form von millionenfachem Völkermord für wettbewerbsfähiges Coltan, das genau deswegen in den USA verboten ist(#BLM).
    Nur weil man den Siegeszug des Smartphones dadurch abfedert, daß seit 2012 -völlig korrupt!- einfach keine Leichen mehr gezählt werden, hört das Morden ja nicht auf, selbst die Macher des "Fairphones" geben zu, daß ihr Handy nicht fair, weil nicht völkermordfrei ist, weil sie gegen den Schmuggel nichts machen könnten, statt darauf verzichten? Bei Blutdiamanten gehts ja auch.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

"Memory Box", Paloma Vauthier (Hand) pictures of Mana Issa, Rea Gemayel, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope)
Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope

Fazit | Berlinale 2021 - Nur gestreamt - und doch gewonnen

Der erste Teil der Pandemie-Berlinale endet mit nachvollziehbaren Jury-Entscheidungen. Wieder gab es bemerkenswert viele starke Wettbewerbsfilme. Es bleibt aber ein Jammer, dass sie noch kaum jemand sehen konnte. Von Fabian Wallmeier