90 Jahre Haus des Rundfunks - "Das Schiff ist klar zur Fahrt"

Treppenhaus im Haus des Rundfunks in Berlin (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: Abendschau | 22.01.2021 | Bild: dpa/Soeren Stache

Es war wie ein Paukenschlag in der jungen Geschichte des Rundfunks: Am 22. Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg eingeweiht. Es war eigens für die Zwecke der Rundfunkübertragungen konzipiert - der Beginn einer neuen Ära. Von Sigrid Hoff

Hinweis: Diese Beitrag haben wir erstmals am 22. Januar dieses Jahres veröffentlicht, dem 90. Jahrestag der Einweihung des Haus des Rundfunks. Beim Festival "Kunst im Bau", zu dem rbbKultur ab Freitag einlädt, steht die Architektur-Ikone wieder im Mittelpunkt.

Der mächtige Gebäudekomplex nach Entwurf des Architekten Hans Poelzig erhebt sich gegenüber dem Berliner Messegelände am Funkturm. Es wirkt bis heute wie ein Monument für das neue Medium. 16 Meter ragt das viergeschossige Gebäude in die Höhe, der Mitteltrakt an der Masurenallee geht sogar noch ein Geschoss darüber hinaus. "Haus des Rundfunks" steht in goldenen Lettern über dem in die Front hineingezogenen Eingang.

Am 22. Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Charlottenburg feierlich eingeweiht. Nach nur 19 Monaten Bauzeit war ein Gebäude entstanden, das eigens für die Zwecke der Rundfunkübertragungen konzipiert war, nach München das zweite seiner Art und europaweit einzigartig.

Lebendiges Farbenspiel an der Außenfassade

Die 155 Meter lange Außenfassade wirkt auf den ersten Blick abweisend: Sie ist streng gegliedert durch dunkel glasierte vertikale Klinkerbänder und dazwischenliegende Pfeiler, die mit violett schimmernden Keramikplatten verkleidet sind. Doch beim näheren Hinschauen verraten sie ein lebendiges Farbspiel.

Für Hans-Dieter Nägelke, den Leiter des Architekturmuseums an der TU Berlin, wo die Pläne für das Haus aufbewahrt werden, war es Liebe auf den zweiten Blick: "Ich habe das nach einem Regen erlebt, wie die feuchten Steine im Licht wunderbar blau, grün und gelb geschillert haben." Im Umgang mit dem Material zeige sich auch Poelzigs Modernität.

Kontrast zwischen Außen und Innen

Der Architekt Hans Poelzig (1869-1936), der auch als Maler, Bühnenbildner und Filmarchitekt gearbeitet hatte, liebte das Spiel mit Kontrasten. Ganz bewusst inszenierte er den Übergang von außen nach innen. Man betritt das Haus über die in die Front eingezogene Treppe eingangs wie durch eine Höhle. Dahinter öffnet sich ein Lichthof, der durch seine Farbigkeit und Höhe sowie die helle Glasdecke des Oberlichts beeindruckt. Von der Decke hängen große Lampen nach Entwurf von Marlene Moeschke-Poelzig. Die kühle Strenge und Ruhe des Raums wird nur durch eine im Erdgeschoss aufgestellte Bronzeplastik von Georg Kolbe belebt – eine Frauenfigur, die mit ihrer nach oben strebenden Geste wie eine Allegorie auf die Funktion des Gebäudes anmutet.

90 Jahre Haus des Rundfunks

Beeindruckend ist auch die farbliche Gestaltung des Lichthofs: Die offenen Galerien der Stockwerke ruhen auf schlanken Stahlstützen, die mit schwarz glänzenden Keramikriemchen verkleidet sind. Um die einzelnen Etagen ziehen sich Gitterbrüstungen aus gelber Keramik, sonnengelb leuchten die Wände dahinter. Die seitlichen Treppen, die von der Halle in das erste Obergeschoss führen, sind mit rotem Linoleum ausgelegt. Die Farben Schwarz-Rot-Gold standen im Eröffnungsjahr 1931 für die neue Zeit. Sie sind ein Bekenntnis zum republikanischen Deutschland und dem freien Rundfunk, den es schon wenige Jahre später nicht mehr gab.

Herausforderung des Konzepts

Die Bauaufgabe war in den 1920er-Jahren so neu wie die Nutzung der Funkwellen zur Radioübertragung. Bedingt durch die Grundstücksform besitzt der Komplex die Gestalt eines gleichschenkligen Dreiecks. Die Seitenflügel schwingen in einem Bogen nach hinten und treffen sich in der Spitze, die der Achse des Eingangs direkt gegenüberliegt. Ins Zentrum des Dreiecks verlegte Hans Poelzig die Aufnahmesäle, die sich hinter dem Lichthof auffächern. Der Große Sendesaal ist das Herzstück des Gebäudes. Er bietet Aufnahmemöglichkeiten für große Orchester und dient zugleich für Konzerte und Veranstaltungen.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung 1931 war er noch im Rohbau. Gemeinsam mit dem Akustiker Johannes Biehle feilte Poelzig noch an den Finessen des damals größten Rundfunksendesaals. An beiden Seiten, durch Gänge von dem großen Saal getrennt, liegen der Kleine Sendesaal und der Hörspielkomplex. Alle drei Aufnahmesäle sind durch ein jeweils eigenes Fundament von dem übrigen Gebäude abgekoppelt, um Schwingungsübertragungen zu vermeiden. Die Bürotrakte, die sich an den Außenseiten um das Zentrum ziehen, schirmen die Aufnahmeräume zusätzlich akustisch ab.

Der Große Sendesaal des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) im Haus des Rundfunks an der Masurenallee in Berlin nach seiner Renovierung im Juni 2007 (Quelle: rbb/Hanna Lippmann)Der Große Sendesaal im Haus des Rundfunks nach seiner Renovierung im Juni 2007

Monument des technischen Fortschritts

Das Berliner Funkhaus ist nach München das zweite Gebäude überhaupt, das eigens für den Rundfunk errichtet wurde. Zeitgenössische Kritiker würdigten es als Monument des technischen Fortschritts und den Rundfunk als "Organ der breiten Masse, denen er Bereicherung ihres Daseins bedeutet". Der Rundfunkpionier Alfred Braun, Reporter und Hörspielregisseur, verglich das Haus des Rundfunks mit einem Schiff. Von der Galerie im ersten Obergeschoss rief er dem Rundfunkkommissar Hans Bredow bei der Eröffnung am 22. Januar 1931 zu: "Das Schiff ist klar zur Fahrt, geben Sie den Befehl zum Start."

Nur zwei Jahre nach der Einweihung des Funkhauses, nutzten die Nationalsozialisten die Chancen des neuen Mediums als politisches Machtinstrument. Im Frühjahr 1933 ging an der Masurenallee die Hakenkreuzfahne hoch.

Sendung: rbbKultur, 09.09.2021, 07:10 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

12 Kommentare

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  1. 12.

    Dass das "wurscht" sei, habe ich nirgends gelesen. Im Gegenteil: Die 12jährige Okkupation des Gebäudes zu Propapandazwecken - die ein eng Berechnender woanders als "Vogelschiss" bezeichnet hat - seitens Joseph Goebbels findet ebenso Erwähnung wie die 11jährige Nutzung seitens der sowjetrussischen Militäradministration in Berlin. Seitdem, seit 1956, ist der Horizont für Journalisten wieder weiter geworden, sodass Architektur und waltender Geist im Gebäude wieder im "Einklang" steht.

    Allerdings will ich mich auch Beitrag Nr. 1 anschließen. Wenn, dann ist es der Rundfunk selber, der durch eine sklavische Quotenorientierung seinen inhaltlichen Ansprüchen oftmals leider nicht gerecht wird.

  2. 11.

    Stört denn niemanden, dass dort auch Nazis zu Gange waren oder ist das wurscht ??

  3. 10.

    Bemerkenswert finde ich auch den Hinweis auf den Paternoster, dem technisch so bezeichneten Personenumlauf-Aufzug, beim Hintergrund-Info. Einer vor Jahren aufgezeichneten Sendung entnahm ich, dass kaum mehr Paternoster in Deutschland existierten. Weit gefehlt: Es existiert noch 240 oder 250, die Zählweisen scheinen sich da zu unterscheiden. Einer davon eben auch im Haus des Rundfunks an der Masurenallee.

    Nach mehreren Komplett-Abschaffungsvorhaben, zahllosen Verbots-, Ermahnungs- und Einschränkungsschildern, nach kurzzeitigen Außerbetrieb- und Wiederinbetriebsetzungen hat dieses Fahrzeug in geringer Stückzahl alles überlebt. Warum auch nicht, soweit denn für die Etagenüberwindung auch andere technische Möglichkeiten zusätzlich bestehen?

  4. 9.

    Gegebenenfalls noch am Rande:

    Hans Poelzig hat unter anderem auch die Jahrhunderthalle im seinerzeit so bezeichneten Breslau entworfen. Heute ist das Wroclaw. Die PO-Stadtregierung fand es an der Zeit, auch im heutigen Wroclaw an den Erbauer der inzwischen wieder hervorragend restaurierten Jahrhunderthalle zu erinnern, die PIS-Minderheit im Stadtrat kämpft(e) hingegen verbissen gegen die "Regermanisierung" in Form einer Straßenbenennung.

  5. 8.

    Hoffentlich klappt das mit dem 12.09.21 beim RBB. Wäre schön und ich wünsche es mir/euch einfach.

  6. 7.

    Ich finde diese Fliesen-Fassade durchaus spektakulär, auch wenn ich mein privates Wohnhaus so nicht gestalten würde. Im Innern finden sich Erinnerungen an alle Epochen von damals bis heute, also von der Wiederherstellung des (vermutlichen) Originalzustandes bis hin zu ganz modernen gläsernen Einbauten beim Inforadio. So ganz nebenbei sollte man übrigens auch mal daran denken, dass so ein Gebäude für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt zwar einerseits etwas Wundervolles ist, andererseits aber auch einen hohen Aufwand für die Unterhaltung bedeutet. Und da muss man dem damaligen SFB und heute dem rbb wirklich bescheinigen, dass er mit diesem Erbe sehr verantwortungsvoll umgeht und immer alle erforderlichen Arbeiten hat machen lassen, und dafür auch Geld im Budget einplant. So fließt ein kleiner Teil des Rundfunkbeitrages auch in dieses technische Denkmal, welches kein Luxus ist, sondern wo jeder einzelne Raum wirklich genutzt wird.

  7. 6.

    Ich bin vorhin in meiner Pause daran vorbeigegangen. Von außen sieht es ja unspektakulär aus. Aber wie man hier sehen kann, sieht es innen ganz anders (in meinen Augen:schöner) aus.

  8. 5.

    Ein echt geiles Gebäude. Ein Wunder , dass es noch steht. Bedauerlicherweise hat von Göppels nach dem Hitlerattentat von hier die Umsturzpläne zum Scheitern verurteilt. Der Architekt, Poelzig hat auch einige Häuser am Rosa L Platz entworfen.
    In einem siztzt die von allen Berlinern geliebt Partei die Linke mit Klaus Leder.

  9. 4.

    Zum Großen Sendesaal noch eine Anmerkung: Dieser Raum war ursprünglich anders gestaltet, als wir ihn heute kennen. Da ihn die Sowjets (wie das gesamte Gebäude) 1956 in einem erbarmungswürdigen Zustand hinterlassen haben, entschloss man sich zu einem vollständigen Neuausbau. Irgendwann schlich sich dann allerdings ein Gerücht in die Geschichte ein, welches sich bis heute hartnäckig hält: Angeblich soll der Saal ursprünglich um 180 Grad gedreht konzipiert gewesen sein, also die Bühne soll sich am entgegengesetzten Ende befunden haben. Diese Behauptung findet sich auch noch im Buch "Tonspuren" von Wolfgang Bauernfeind, welches er vor zehn Jahren aus Anlass des 80. Jubiläums geschrieben hat. Richtiger wird diese Behauptung dadurch allerdings nicht. Durch die Geometrie des Raumes und das Betrachten alter Fotos lässt sich zweifelsfrei erkennen, dass die Bühne schon immer dort war, wo sie heute ist. Falls also mal wieder jemand mit dieser "ollen Kamelle" kommt: "early fake news".

  10. 3.

    Ein wirklich erstaunliches Gebäude, weit vorausschauend geplant und gebaut. Mittendrin ein großartiger Konzertsaal, dem man anmerkt: hier geht's nicht um Schönheit fürs Auge, sondern um allerfeinste Klangerlebnisse.

    Herzlichen Glückwunsch, altes Haus!

  11. 2.

    Der bewusste Kontrast zwischen Außen und Innen kann m. E. sogar gesellschaftspolitisch aufgefasst und "gedeutet" werden: Im Innern schlicht, rational, empfunden wohlproportioniert, auch mit leuchtenden Farben sinnlich gestaltet, nach außen hin mittels Fassade keineswegs einladend, sondern der Darstellung verhaftet.

    Das NS-Denken begann ja nicht erst 1933 mit der Machtübertragung an sie. Da galt es seitens des freien Geistes, der ja auch durch den Rundfunk repräsentiert wird, sich dem aufkommenden Äußeren gegenüber zu schützen und sich davor in gewissem Teil zu verbergen.

  12. 1.

    Das Haus des Rundfunks ist für mich eines der beeindruckendsten Gebäude Berlins. Es ist wirklich faszinierend, was Poelzig sich damals alles überlegt hat, ohne viele Vorbilder zu haben, und dass sich diese Überlegungen auch nach 90 Jahren noch als vollkommen richtig erweisen. In diesem Haus zu arbeiten, sollte eine große Freude und Ehre für alle Radiomacher sein. Aber damit ist auch ein hoher inhaltlicher Anspruch verbunden, gutes Radio zu machen. Inforadio und rbb Kultur erfüllen diesen Anspruch. Sorgen bereitet mir weiterhin 88,8 oder wie das gerade heißt. Das ist einfach nicht das, was ich mir unter einem Qualitätsprogramm für Berlin vorstelle. Musik zu einseitig, Wortanteil zu gering, insgesamt eine zu starke Anlehnung an die privaten Dudelwellen. 88,8 muss das beste, wichtigste und bedeutendste Hörfunkprogramm für alle sein, die in Berlin leben und sich für Berlin interessieren, und zwar auf Landes-, Bezirks-, Ortsteil- und Ortslagen-Ebene.

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