Ein Gruppenarbeitsraum der Staatsbibliothek Unter den Linden. © Christoph Soeder/dpa
Audio: Inforadio | 24.01.2021 | Thomas Prinzler | Bild: Christoph Soeder/dpa

Wiedereröffnung am Montag - Die neue alte Staatsbibliothek - ein Rundgang

In den vergangenen 16 Jahren sind hunderte Millionen Euro in die geschichtsträchtige Staatsbibliothek Unter den Linden gesteckt worden. Herausgekommen ist ein Haus, das Tradition mit modernster Technik verbindet. Von Thomas Prinzler

Hinein geht es direkt Unter den Linden. Nach Abschluss der Bauarbeiten liegt der Haupteingang zur Staatsbibliothek wieder unter der markanten Kuppel, die wiederhergestellt wurde. Über den Brunnenhof geht es vorbei an Werner Stötzers Bronzestatur "Lesender Arbeiter" und seinem Relief zu Brechts “Fragen eines lesenden Arbeiters“.

Archvibild: Springbrunnen im Innenhof der Staatsbibliothek am 04.11.2019. (Quelle: imago images/Reiner Zensen)
Der Brunnenhof der Staatsbibliothek | Bild: imago images/Reiner Zensen

Das Vestibül empfängt den Besucher mit Kuppeldecke, Statuen, Säulen. Es ist ein prächtiges Schloss für Bücher. Dunkel und verbaut war es vor der Sanierung, erzählt Jeanette Lamble, die Pressesprecherin der Staatsbibliothek, dabei waren die Decken 1914 oft farbenprächtig. "Die Rundbögen waren mit farbigen Majolika-Keramiken belegt", so Lamble, sie wurden aber nicht wieder hergestellt, sondern aufgefundene Reste der Majoliken vermitteln einen Eindruck einstiger Farbenpracht.

"Kleiner Mauerfall" nach 70 Jahren

Als Besucher wagt man kaum den fast weißen, intarsienverzierten Terrazoboden zu betreten. Der führt vorbei an den neuen elektronischen Eingangskontrollen zur großen, schwebend wirkenden Freitreppe mit rotem Teppichboden zum großen Lesesaal. Auf dem Weg dorthin überschreitet man die Schwelle vom Altbau zum Neubau, dem transluzenten Glaskubus von HG Merz.

Seit 1944 gab es dort keinen Durchgang vom Altbau zum ehemaligen Kuppellesesaal. Dessen Reste wurden in den 1970er Jahren abgetragen und an der Stelle entstanden 1987 vier Magazinsilos aus Beton für die Bücher. "Als die Verbindung wiederhergestellt wurde", sagt Lamble, "haben wir gesagt, das ist unser kleiner Mauerfall. Damit wurde nach 70 Jahren die Kriegszeit und die Nachkriegszeit beendet." Das sei für die Bibliothek ein großer Moment gewesen.

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, steht am 20.01.2021 in der Haupttreppenhalle der Staatsbibliothek Unter den Linden. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Die Haupttreppenhalle der Staatsbibliothek | Bild: dpa/Christoph Soeder

Von der Bibel bis zum DDR-Comic

Im neuen bereits 2012 fertig gestellten Lesesaal mit seinen 279 Arbeitsplätzen hängt Olaf Metzels Skulptur "Noch Fragen?" von der Decke. Die beidseitig bedruckten Aluminiumplatten mit Schrift-Faksimiles - von Bibel bis DDR-Comic Mosaik - korrespondieren mit Werner Stötzers Plastiken im Brunnenhof.

Um den Lesesaal sind im Neubau und in den sanierten Altbauflügeln kleinere Veranstaltungs- und Seminarräume und die sieben Sonderlesesäle mit knapp 300 Arbeitsplätzen gruppiert, beispielsweise der für Musik, für Kinder und Jugendliteratur, für Zeitungen, der Kartenlesesaal oder der für Rara, das sind seltene alte Drucke und Handschriften.

Die Lesesäle und Treppen sind mit orangefarbenen Teppichen belegt, neue Regale und Tische haben eine Pappelholzoberfläche und gelb-orange Kautschukarbeitsflächen. Die sind mit schwenkbaren Arbeitsplatzleuchen, Strom- und IT-Anschlussdosen sowie Laptopsicherungsbügel ausgestattet. Vorhandenes Mobiliar wie Wandschränke, Tische, Wandtäfelungen wurden liebevoll restauriert, die Messinggeländer der Galerien wieder hergestellt.

Der Allgemeine Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden am 20.01.2021. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Der Allgemeine Lesesaal der Staatsbibliothek | Bild: dpa/Christoph Soeder

Uhr in Lesesaal blieb auf 22:25 Uhr stehen

Das Beleuchtungskonzept der Staatsbibliothek stammt vom Kölner Atelier für Tages- und Kunstlichtplanung Kress & Adams. Markant sind die so genannten Lichtkissen, besonders gestaltete Leuchten in unterschiedlichen Größen für Wand und Decke. "Immer, wenn sie auf Lichtkissen treffen, sind sie im Altbau", sagt Jeanette Lamble, "wenn sie auf andere Lichter treffen - Neubau."

Der Zugang zum Allgemeinen Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden ist am 01.11.2019 bei einem Presserundgang anlässlich ihrer Sanierung und Modernisierung zu sehen. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Beleuchtungskozept von Kress & Adams | Bild: dpa/Christoph Soeder

Und dann noch eine Entdeckung: An der Wand eines Lesesaals befindet sich der einzige noch erhaltene Rest vom alten Kuppellesesaal: Die Uhr war jahrzehntelang im Schutt verborgen. Die Zeiger stehen auf 22:25 Uhr. "Das war der Zeitpunkt des Bombentreffers im Jahr 1944", so Lamble.

Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, steht am 20.01.2021 neben der restaurierten alten Lesesaaluhr auf der Treppe des Freihandmagazins der Staatsbibliothek Unter den Linden. Sie zeigt mit 22:25 Uhr die Uhrzeit an, an der am 15. Februar 1944 eine Fliegerbombe die Staatsbibliothek traf. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Generaldirektorin Barabara Schneider-Kempf neben der restaurierten Lesesaaluhr. | Bild: dpa/Christoph Soeder

Zum Schluss des Rundgangs geht es noch im Fahrstuhl hoch in die 13. Etage, in eines der Büchermagazine. Die sind geprägt durch das Stahlskelett des Lipmann-Regalsystems, das sich über sieben Etagen erstreckt, das ganze Gebäude umgibt. Eine revolutionäre Konstruktion von 1914, betont Jeanette Lamble. "Das ist nicht veränderbar, das sind lediglich die Regalböden in Höhe und Breite, um die verschiedenen Buchformate zu berücksichtigen." In das Regalsystem eingehängt sind Decken und Fassadenelemente. Damit sei klar, "dieses Gebäude wird nie als was anderes genutzt werden können, denn als Lagerraum."

Die Decke im Raum der Generaldirektion der Staatsbibliothek Unter den Linden. © Christoph Soeder/dpa
Die Decke im Raum der Generaldirektion der Staatsbibliothek. | Bild: Christoph Soeder/dpa

Bibliothek zunächst nur online besuchbar

Drei Millionen Bücher sind in den sieben Magazinetagen gelagert. Sie können jetzt mit einer 1,5 Kilometer langen Buchtransportanlage automatisch in die klimatisierten Lesesäle gebracht werden.

470 Millionen Euro Baukosten wurden letztlich dafür aufgewendet, um Neues zu schaffen und Altes zu bewahren im historischen Palast der Bücher, in der Staatsbibliothek mit einem hochmodernen Innenleben, mit rekonstruierten Sonderlesesälen, Digitalisierungszentrum, Klimaanlage, Buchtransportanlage und Arbeits- und Veranstaltungsräumen für Kultur und Wissenschaft.

Wichtige Information für Besucherinnen und Besucher:
Die 620 Arbeitsplätze in den sieben Lesesälen müssen noch leer bleiben. Corona-bedingt kann die neu gestaltete Bibliothek vorerst nur digital über die Internetseite der Staatsbibliothek [staatsbibliothek-berlin.de] erkundet werden, vom 8. Februar an ist zunächst wieder ein eingeschränkter Ausleihbetrieb vorgesehen.

Die Wiedereröffnung wird am 25. Januar ab 13 Uhr auf dem Youtube-Kanal der Staatsibliothek [youtube.com] gezeigt.  

Sendung: kulturradio, 25.01.2021, 6:25 Uhr

Beitrag von Thomas Prinzler

1 Kommentar

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  1. 1.

    so was schönes und erhaltenswertes.

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