Drogen und Todesfälle - Berliner Künstlerhaus "Greenhouse" steht vor einem Neuanfang

Fr 29.01.21 | 06:20 Uhr | Von Sophia Wetzke
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Das "Greenhouse" in Berlin Tempelhof im Januar 2021 (Quelle: rbb/Sophia Wetzke)
rbb/Sophia Wetzke
Audio: Radioeins | 15.01.2021 | Sophia Wetzke | Bild: rbb/Sophia Wetzke

Im "Greenhouse" in Berlin-Tempelhof hatte sich ein ambitioniertes Underground-Projekt der Kunstszene entwickelt. Nach produktiver Anfangsphase geriet es außer Kontrolle. Mittlerweile sind die alten Mieter raus. Wie es in dem Haus jetzt aussieht, erzählt Sophia Wetzke.

Als ich das "Greenhouse" vor einigen Wochen besuche, stehen vor dem Gebäude verschiedene Firmenwagen. Im Eingangsbereich ziehen Lieferanten Pakete auf Sackkarren über den glänzenden Marmorfußboden, Handwerker huschen mit Werkzeugkoffern vorbei. In eines der Stockwerke ist eine Floristenschule eingezogen, im Erdgeschoss befindet sich ein Limonadenhersteller. An einen Ort der freien und wilden Kunst erinnert hier mittlerweile wenig.

Gebaut wurde das "Greenhouse" in Berlin-Tempelhof tatsächlich als Bürohaus, gelegen in einem Industriegebiet zwischen Kleingartenanlage, Autovermietung und Schrottpresse in der Gottlieb-Dunkel-Straße. Einst als Arbeitsamt genutzt, war das hohe Gebäude mit der eigenwilligen Architektur und der grünen Fassade 2013 in die Hände eines Privatbesitzers gegangen. Seitdem wurden die ehemaligen Amtstuben als Atelierräume an Künstler vermietet.

Auf den acht Stockwerken traf sich eine alternative Szene aus Musik, Malerei, Performance, Mode und Film zum Arbeiten und zu regelmäßigen Veranstaltungen. Mit den Jahren zeigte die absolute Freiheit im Haus eine dunkle Seite: Die eigentlich als reine Gewerberäume vermieteten Ateliers wurden zunehmend zu illegalem Wohnraum für gestrandete Menschen mit psychischen Problemen, zum Umschlagplatz für Drogen. Eine Entwicklung, die in mehrere Todesfälle durch Überdosierungen und mindestens einem nachgewiesenen Suizid gipfelte.

Mietverträge gekündigt

"Ich habe zweieinhalb Jahre dort gewohnt und bereue es nicht. Im Gegenteil! Ich habe dort so viele interessante Menschen aus aller Welt kennengelernt. So kitschig es klingt, das 'Greenhouse' wird immer einen Platz in meinem Herzen haben", schreibt mir eine ehemalige Bewohnerin im Januar 2020, kurz nachdem meine Recherche öffentlich wurde. Ebenso erreicht mich der Kommentar einer Musikerin, die eine zeitlang einen Proberaum in dem Haus hatte. Ich hätte eben nicht verstanden, wie das Haus funktioniert: es müsse so heftig zugehen. Die Anarchie gehöre dazu, damit hier gute Kunst entstehen könne.

Im Frühling 2020 scheint Ruhe in das Gebäude einzukehren. Wie mir Peter, ein weiterer langjähriger "Greenhouse"-Bewohner, im April bei einem Treffen im Görlitzer Park berichtet, ist das Haus zu diesem Zeitpunkt bereits gespenstisch leer. Die hauseigene Bar im Dachgeschoss ist dauerhaft geschlossen, die als Wohnzimmer genutzten Flure verwaist. Ein großer Teil der alteingesessenen Mieter bekommt vom Hausmanagement Anfang des vergangenen Jahres eine Kündigung ihrer Gewerbemietverträge vorgelegt und zieht aus. Peter bleibt, als einer der letzten. Vor allem, weil ihm die Alternativen fehlen. "Das hat auch die Gründe, dass ich finanziell total aus dem Ruder lief in den letzten Monaten. Das ist aber auch so, wenn man sein ganzes Geld nur für Drogen ausgibt. Ich hatte ja nicht mal mehr Geld, um mit dem Bus zu fahren."

Atelierprogramm des Senats verändert die Atmosphäre im Haus

Mitte 2020 hat auch Peter das Haus und Berlin verlassen, mit dem "Greenhouse" will er nichts mehr zu tun haben. Viele der leergeräumten Ateliers werden in den folgenden Wochen von den Hausbesitzern, einem international agierenden Immobilienunternehmen, renoviert. Die Gemeinschaftsküchen auf den ehemaligen Bürofluren werden abgebaut, Duschen deinstalliert. Damit soll deutlich gemacht werden: Wohnen wird hier nicht mehr geduldet, so die Interpretation der ehemaligen Greenhouse-Bewohner.

In einige der neu hergerichteten Räume ziehen in den vergangenen Monaten erstmals Kunstschaffende des Berliner Atelierprogramms. Auf mindestens einem Stockwerk des Hauses mietet der Senat Ateliers an und vermittelt sie an professionell arbeitende Künstlerinnen und Künstler weiter. Einen Teil der Mietkosten trägt das Programm, als Kandidaten kommen diejenigen infrage, die sich in einem Auswahlverfahren für die begehrten, weil durch die Förderung bezahlbaren, Arbeitsräume qualifizieren. Man plane, im "Greenhouse" noch weitere Räume anzumieten, sagt der zuständige Berliner Atelierbeauftragte Martin Schwegmann im Dezember. Zunächst wolle er sich aber anschauen, ob die Arbeitsbedingungen für professionelle Kreative vor Ort dauerhaft gut sind.

Es kommt jetzt wirklich darauf an, dass die Leute dort so einen Funken vom Haus auffangen und den anheizen. Sich selbst organisieren, wie früher.

Sven, ehemaliger Bewohner im "Greenhouse"

Professionalisierung versus Anarchie

Der langjährige Direktor des Hauses, Künstler Noam Braslavsky, ist in die Auswahl der neuen Mieter nicht mehr involviert. In meinen Recherchen zur Serie war er von einigen heftig kritisiert und für die Drogenproblematik und die Todesfälle in der Vergangenheit des Hauses mit verantwortlich gemacht worden. Per Mail teilt er mir vor einigen Wochen mit, die Vermietung laufe nun direkt über das Berliner Atelierbüro. Er sehe insgesamt eine sehr positive Entwicklung, mehr Professionalisierung und genieße die ruhige Arbeitsatmosphäre im Haus.

Ehemalige "Greenhouse"-Bewohner sehen die aktuelle Entwicklung zwiegespalten. Einerseits sei es gut, dass das Haus ein sicherer Ort zu werden scheint, an dem die Kunst wieder mehr in den Fokus rückt, höre ich von mehreren. Andererseits sei nun eine große Anonymität zu beobachten, berichtet Ex-Mieter Sven, der in der Vergangenheit des Hauses als Veranstaltungsmanager aktiv war. Die neuen Künstler würden sich untereinander nicht mehr kennen, durch Corona und die geschlossenen Gemeinschaftsräume fehle der unbändige Machergeist und ein Gefühl von Community, das er in der Anfangsphase des Hauses so genossen habe. "Es kommt jetzt wirklich darauf an, dass die Leute dort so einen Funken vom Haus auffangen und den anheizen. Sich selbst organisieren, wie früher. So ein Spirit vom Haus, der eine ganz kleine Flamme ist jetzt im Moment. Die will man nicht ausgehen sehen, ich auf keinen Fall."

Sendung: Radioeins, 15.01.2021, 11:10 Uhr

Beitrag von Sophia Wetzke

2 Kommentare

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  1. 2.

    @Hust: Welche Reportage, wo gesendet und worüber? Wem wurde was von wem gekündigt? Danke für Erleuchtung!

    Interessanter Bericht.

  2. 1.

    Bravo. ...nach meiner Reportage kamen die Kündigungen... Toller Tag für die Kunst und die Freiheit.

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