Deutschlandhaus in der Stresemannstrasse
Bild: Bildagentur-online/Schoening

Dokumentation der Nachkriegszeit - Vertriebenen-Zentrum soll 2021 in Berlin eröffnet werden

Das Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung soll nach mehrjährigen Verzögerungen spätestens bis zum Sommer eröffnet werden. Das Datum werde voraussichtlich noch im Januar festgelegt, sagte Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm dem Evangelischen Pressedienst (EPD).

Erinnerung an Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa

Der Start der 2008 vom Bundestag ins Leben gerufenen Vertriebenen-Stiftung war in den vergangenen Jahren immer wieder durch personelle und inhaltliche Querelen verzögert worden. Sitz der Stiftung ist künftig ein Erweiterungsbau des Deutschlandhauses am Anhalter Bahnhof. Im Mittelpunkt der Dauerausstellung steht die Vertreibung von bis zu 14 Millionen Deutschen aus Osteuropa infolge des Zweiten Weltkrieges.

Die Erinnerung an die Vertreibung sei "so zeitgemäß wie nie", betonte Bavendamm: "Zum einen ist unsere Gesellschaft jetzt endlich reif, sich diese Institution zu geben." Dies sei überfällig gewesen, "nach den großen Kämpfen der Vergangenheit über eine adäquate Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen". Zum anderen stehe das Thema Flucht spätestens seit 2015 wieder auf der politischen Agenda, "bis in unsere Wohnzimmer und Freundeskreise hinein", betonte die Historikerin: "Das ist der Resonanzraum, in den wir uns stellen."

Kontext der NS-Geschichte

Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges würden dabei in den Kontext der NS-Geschichte und der Geschichte der Zwangsmigrationen des 20. Jahrhunderts gestellt, sagte Bavendamm und trat damit Befürchtungen einer einseitigen Darstellung entgegen.

Um Flucht und Vertreibung historisch zu erfassen, müsse man auch die Hintergründe kennen und wissen, "was vorher passiert ist", sagte Bavendamm: "Dass es einen NS-Staat gegeben hat mit einer rassistischen Ideologie, einer rassistisch-expansiven Außenpolitik, die in einen verbrecherischen Krieg, in Besatzungsherrschaft und am Ende in den Holocaust mündet - das muss man miterzählen."

Das Besondere an der Zwangsmigration der Deutschen sei deren "schiere Größenordnung", sagte Bavendamm weiter: "Wir sprechen von etwa 14 Millionen Menschen. Das ist die größte Gruppe im 20. Jahrhundert, die in Europa von einer Vertreibung betroffen war." Hinzu komme, dass die Deutschen "in den betroffenen Gebieten, die das Deutsche Reich verliert", keine Minderheit, sondern die Mehrheitsbevölkerung gewesen seien.

Sendung: Inforadio, 02.01.2020, 14:00 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Mhhh ... wie erkläre ich es einer Lehrerin ...
    Also wenn man sich die Geschichte als Gehweg vorstellt, ist die Nazizeit dieser fette braune Hundehaufen, der genau im Wege liegt. Die Geschichte fängt aber weit vor diesem Haufen an und geht dahinter noch weiter.
    Klingt komisch, ist aber so.

  2. 6.

    Mein Großvater hat in seinem kleinen Metallbetrieb auch Rüstungsaufträge abgearbeitet. Wenige Jahre später mußte meine Großmutter mütterlicherseits den elterlichen Hof in Ostpreußen auf nimmerwiedersehen verlassen. Ich habe meine Großeltern natürlich geliebt; aber die Einsicht, dass diese beiden Familiengeschichten ja vielleicht doch irgendwie zusammenhingen, hat sich in dieser Generation nie richtig durchgesetzt, und auch in der folgenden Generation nur sehr bedingt. Wichtig ist für mich bei diesem Musehum daher eine starke Betonung, dass ohne die Agression des Deutschen Reiches das alles nicht hätte passieren müssen. Die mehr auf Spektakel ausgelegten Fernsehdokumentationen, an denen wir uns ja auch über Neujahr "erfreuen" durften, leisten das nicht so richtig. Da erscheint mir der Krieg oft eher als eine mehr oder weniger wertfreie, gut organisierte und aufregende Unternehmung, so dass die Naiveren wohl auch zur Auffassung gelangen könnten "schade dass das nicht geklappt hat".

  3. 5.

    Auch unsere Familie wurde 1945 nach Kriegsende von den Tschechen vertrieben. Mein Großvater kam mehrere Monate in ein tschechisches KZ, wurde jedoch wieder entlassen und kam in die damalige Ostzone zur Familie zurück. Inwieweit dieser Sachverhalt in diesem Vertriebenenzentrum Berücksichtigung findet, interessiert mich außerordentlich.

  4. 4.

    "in den betroffenen Gebieten, die das Deutsche Reich verliert" Hm. Das Deutsche Reich? Verliert? Kommt mir das sprachlich nur komisch vor oder ist es das? Hatte das Deutsche Reich (das es außer bei Reichsbürgern faktisch nicht mehr gibt, das also auch nix verlieren kann) sich diese Gebiete nicht zuvor "einverleibt"? War das ok?

    Ich freue mich auf die Ausstellung, werde aber sicher aufpassen, dass es nicht doch die Steinbach-Ecke ist/wird.

    Es gibt nichts schlimmeres, als seiner Heimat, der Scholle, an der man klebte als Kind, als Erwachsener, aus welchen Gründen auch immer fern zu sein. Sei es vertrieben, sei es selber geflüchtet, sei es aus beruflichen oder familiären Gründen mehr oder minder zwangsweise weggezogen - da bleibt eine Leerstelle im Herzen, die nichts füllen kann, außer die Heimat. Der Geruch der Luft, die Konsistenz des Bodens, der durch die Finger rieselt, die Geräusche in der Nacht.

  5. 3.

    Ich kann auch völlig daneben liegen, aber Ost- Westpreussen, Teile der Altvorderen schweigen ... kommt mir irgendwie bekannt vor. Mir hat als Ausgangspunkt diese Webseite https://www.hugenotten.de/ weitergeholfen.
    Kann aber auf jeden Fall spannend werden.
    Bonne chance.

  6. 2.

    Ich denke, dass hier das Gleichgewicht angesichts des unermesslichen Leids für Menschen gefunden wurde. Dies ist anders als dasjenige, was Erika Steinbach im Sinn hatte, die die Vertreibungsursachen vglw. schwach thematisierte und auch anders als dasjenige, was die vorherigen Sozialdemokraten Hupka und Czaja angesichts der Entspannungspolitik Willy Brandts aus der SPD zur CDU trieb. (eine Zeit, als Gedenksteine "Dreigeteilt, niemals" so manchen Fußgängerbereich flankierten und die NS-Expansionspolitik keine Erwähnung fand.) Dies ist auch anders als die Parole "Sowas kommt von sowas", die tatsächlich erlittendes Leid faktisch zum Verschwinden bringen will.

    Es gab und es gibt weltweit Leid. Und dasjenige deutscher Staatsangehöriger hatte seine Ursache in der vorherigen NS-Expansionspolitik. Fern aller Aufrechnung, doch eingebettet in einen Kontext. So wird der "Ball" rund.

  7. 1.

    Auf diese Eröffnung warte ich nun schon lange. Ich hoffe mehr über meine Familie zu erfahren. Meine Mutter schwieg sich aus. Nur meine Pflegeoma gab mir Einblick in ihre Vergangenheit. Mittlerweile besitze ich Unterlagen über meinen Nachnamen und in etwa auch die Herkunft. West oder Ostpreußen u.s.w. In Polen gibt es sogar noch ein Dorf mit meinem Nachnamen. Nur ohne i am Ende. Auch darüber habe ich noch Fragen. Freue mich darauf.

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