Bjarne Mädel, Schauspieler (Quelle: dpa/Georg Wendt)
Video: ARD | 03.01.2021 | Trailer "Feinde" | Bild: dpa/Georg Wendt

Interview | Schauspieler Bjärne Mädel in "Feinde" - "Ich habe gespürt, was Menschen anderen Menschen antun auf der Welt"

Berühmt wurde der Schauspieler Bjarne Mädel durch seine Rollen als "Tatortreiniger" oder als Dorfpolizist in der Serie "Mord mit Aussicht". Nun spielt er in der Schirach-Verfilmung "Feinde" einen Kommissar, der foltert, um ein entführtes Mädchen zu retten.

rbb: Herr Mädel, in "Feinde" geht es um Ferdinand von Schirachs Lieblingsfrage: dem Verhältnis von Gerechtigkeitsempfinden und Rechtsprechung. Hat sich Ihre persönliche Ansicht darüber durch die Arbeit verändert?

Bjarne Mädel: Ja, das hat sie. Ich spiele einen Polizisten, der über die Grenze geht und Folter anwendet. Der tut das, weil er schon einmal Leute in seinem Beruf als Polizist verloren hat, für die er verantwortlich war. Er möchte nicht, dass ihm das nochmal passiert. Er möchte ein Kind retten und übertritt deshalb diese Grenze. Ich dachte, ich habe alle Leute auf meiner Seite mit dieser Rolle. Jeder, der Kinder hat, würde natürlich alles tun, um sein Kind zu retten – und ich dachte, meine Figur ist im Recht, wo ist das Problem?

Und dann, im Laufe dieses Prozesses, musste ich feststellen, dass der Anwalt leider recht hat. Er hat ein paar sehr gute Argumente. Was mich am meisten überzeugt hat, war die Frage, wer das entscheiden darf. Wenn man ein Verhör hat und man an Informationen herankommen will – wer entscheidet dann, ob man Gewalt anwenden darf oder nicht und in welcher Form?

Das hat mich überzeugt. Dass wir Gesetze haben, die wir uns als Gesellschaft erarbeitet haben – und an die müssen wir uns halten. In erster Linie ist es natürlich die Polizei, die das Gesetz vertritt. Es hat jetzt nicht komplett mein Weltbild verändert, ich habe da vorher nicht wirklich drüber nachgedacht, dass es so einen gravierenden Unterschied geben kann zwischen meinem Gerechtigkeitsempfinden und dem, was eigentlich richtig ist oder was Recht ist. Das fand ich extrem spannend.

Mich hat dieser Polizist, den Sie spielen, an seiner Seite. Das ändert sich dann, wenn die Frage diskutiert wird, was ein Polizist darf und was nicht. Aber vom Gefühl her bin ich natürlich an seiner Seite: Ich will den Verbrecher verurteilt sehen.

Das ist ja auch spannend. Obwohl meine Figur am Ende erkennen muss, dass er etwas falsch gemacht hat, aber trotzdem, in einer vergleichbaren Situation, genauso wieder handeln würde – davon bin ich überzeugt. Auch wenn er weiß, dass es nicht dem Recht entspricht und dass die Gefahr besteht, dass er trotzdem nicht die Wahrheit rauskriegt – er würde trotzdem so handeln. Weil der Druck so groß ist. Die Zeit wird immer knapper und man kann ein Kind retten - da tut man glaube ich alles, was man sich vorstellen kann, um an diese Information ranzukommen.

Haben Sie sich beim Spielen auch Gefühle geleistet?

Tatsächlich habe ich mir in einer Szene Gefühle erlaubt. Nach der Folterszene war es der Regie und mir ganz wichtig zu zeigen, dass dieser Nadler das eben nicht leichtfertig tut. Dass er zwar diese Grenze überschreitet, aber dann selber erschüttert ist davon, zu was er fähig ist. Erschüttert darüber, dass er das gerade gemacht hat und selber so erschreckt.

Das zu spielen war ein toller Moment, weil ich das auch wirklich nach dieser Szene irgendwann so empfunden habe. Da war ich wirklich sehr dünnhäutig. Ich muss den tollen Kollegen Franz Hartwig mehrfach unter Wasser setzen und war verantwortlich, dass ihm körperlich nichts passiert. Da war eine enorme Konzentration und Anspannung in der Szene.

Ich habe sinnlich-körperlich gespürt, was Menschen anderen Menschen antun auf der Welt - und zwar jeden Tag. Und die haben dann nicht die Möglichkeit, so wie wir, mit einem geheimen Zeichen das Ganze zu beenden, sondern es wird wirklich gefoltert. Auch aus niederen Gründen.

Dieses Nachdenken über Gewalt in unserem Alltag - ist es vor allem das, was Sie vermitteln wollen? Dass wir darüber nachdenken, dass wir dafür sensibilisiert werden?

Ich fand diesen Moment toll. Aber was das ganze Projekt einem jetzt alles an Möglichkeiten gibt, darüber nachzudenken, das kann ich gar nicht auf einen Satz runterbrechen. Ich finde einfach toll, dass es so ein Projekt gibt, über das man sich wirklich unterhalten kann. Wo man wirklich danach diskutieren oder sich überlegen kann: was würde man denn machen? Wie kann man sich gesellschaftlich aufstellen, dass man in solchen Momenten besser an Informationen kommen und Geiseln retten kann? Wie weit wäre man bereit , selber zu gehen in so einer Situation?

Das sind alles spannende moralische, gesellschaftliche Fragen. Insofern finde ich gut, dass das Projekt überhaupt Fragen aufwirft und einem nicht einfach nur eine Geschichte von A bis Z erzählt, sondern dass man etwas zu denken bekommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.

12 Kommentare

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  1. 12.

    Das perfide am Waterboarding ist ja, dass es für den Folterer eine "mildere Methode", als bspw. das Zufügen von Schmerzen durch direkte Gewalteinwirkung auf den Körper des Opfers durch Schlagen o. ä. darstellt.

    Insgesamt handelte es sich bei der Idee zu den Filmen natürlich um ein Gedankenexperiment, das man zu Ende denken kann, wie Sie es getan haben - und es auch von von Schirach angedacht war. Natürlich kann man Folter nicht an der Polizeiakedmie lehren, worüber sich wohl alle einig sind. Aber die Realität schlägt der Theorie ja oft ein Schnippchen, was man in diesen sehenswerten TV-Filmen mal wieder ganz gut vorgeführt bekam.

  2. 11.

    Dann wäre es ja mal echt interessant zu erfahren, was die Polizisten, die den Freispruch mißbilligten, denn für eine mildere Foltermethode als angemessen betrachten, wer das bestimmen und anordnen soll und wer qualifiziert genug für deren Durchführung ist, oder ob man dafür erst Spezialisten vom LKA oder BKA anfordern muß, die das inner Ausbildung hatten oder eine betriebliche Weiterbildung mit Abschluß besucht haben ;-) Verwertungsverbot in der StPO müßte ja entschieden und gegen das GG geändert werden: Problem dabei parlamentarische Mehrheit?
    Im Anschluß an die beiden Varianten im TV lief ja gestern auch noch "Terror" mit einer ähnlichen Problematik zum verfassungswidrigen Luftsicherheitsgesetz. Auch darin gehts um den sog. "Weichenstellerfall", wobei dieser eher von dem Tatbeitrag Tun oder Unterlassen und deren Auswirkungen geprägt ist.

  3. 10.

    Recht interessant war das Ergebnis der Befragung der Zuschauer, die im Rahmen einer Dokumentation zu einer Kinovorstellung der beiden Filme eingeladen waren. Diese Gruppe bestand zu je einem Drittel aus Polizisten, Eltern aus verschiedenen Berufsgruppen und Juristen. Anschließend wurde die Frage gestellt, ob man dem Urteil (Freispruch) zustimmt oder eben nicht. Die Gruppe der Eltern stimmte - wenig überraschend, wie ich finde - zu einem hohen Prozentsatz für Nein, aber auch die Polizisten hätten sich überwiegend einen anderen Ausgang gewünscht. Nur die Juristen stimmten, glaube, zu etwa 80% mit dem Urteil überein.

    Dafür, dass die Filme sehr wenig, eigentlich gar nicht, emotional manipulativ inszeniert waren, überrascht das Abstimmungsverhalten zumindest der Polizisten doch etwas. Denn es wurde ja die Foltermethode des Waterboarding ausgeübt, die schon eine heftige Gewaltanwendung darstellt.

  4. 9.

    Sehr zutreffend, vor allem Ihr erster Absatz, klar war das naheliegend. Der Vizepolizeipräsident Daschner wurde auch auf einen anderen Dienstposten versetzt und zu einer symbolischen Geldstrafe verurteilt. Einer der Prozesse des Mörders Gäfgen führte zu einer geringen Schadenersatzzahlung zu seinen Gunsten (Amtshaftung). Die Folterandrohung wurde allerdings wohl nicht von Daschner selber gegenüber dem Beschuldigten geäußert sondern er hat die illegale Handlung auch noch an Untergebene delelgiert. Dazu empfehle ich hier die Folge 10 vom hr-Info podcast Verurteilt! (ard audiotheke).

  5. 8.

    Mag sein, dass das gesamte Abendprogramm dadurch etwas einsilbig wikrte und fast ohne Alternativveranstaltung in den Öffentlichen aber es war weitaus weniger Folter als Faschings-TV oder redundanter Schlagerirrsinn, das wäre echte Gehirnwäsche.

  6. 7.

    Moin zusammen,

    der Tenor der Kommentare und des Interviews sind klar. Ich vermisse allerdings den Aspekt, ab wann wird aus einem Verhör eine Folter?
    Vielleicht war dies nicht das primäre Anliegen der beiden Filme, aber diese Fragen wären es auch wert mal hinterfragt zu werden.
    Und wann beginnt eine psychische Folter, alles noch ungeklärte Aspekte in unserer Gesellschaft.

    Da besteht auf jeden Fall noch eine Menge Diskussionsbedarf, mit wahrscheinlich überraschenden Erkenntnissen.

    Mfg

  7. 6.

    So sehr auch die Problematik eine schwierige ist, die Filme im Ersten und in allen dritten Programmen auszustrahlen, ist Folter am Fernsehzuschauer!!!

  8. 5.

    Die Frage, ob Folter im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen erlaubt sein kann, ist in unserem Rechtssystem klar mit "Nein" beantwortet. Ein Fall, wie ihn der Film zeigt, ist daher Fiktion. Im Fall Gaefgen blieb es bei einer unbestimmten Androhung.
    Es sollte also nicht der falsche Eindruck entstehen, unsere Kripo greife auch schon mal zu Foltermethoden. Das ist - Gott sei Dank - nicht der Fall.

  9. 4.

    Das auf die "Idee", einen Verdächtigen zu foltern, um an Informationen zu kommen, nur Männer kommen, halte ich für eine sehr gewagte Behauptung. Frauen, Polizistinnen, Kommisarinnen sind auch Mütter, sie sehen gedanklich vielleicht ihr eigenes Kind in den Händen von Entführern. Das ist zwar nicht professionell, aber menschlich nachvollziehbar. Glauben Sie mir, wenn es um Kinder geht, können Frauen zu Hyänen werden.

  10. 3.

    Mich erinnert die Angelegenheit an den Fall Daschner, Gäfgen und Jakob von Metzeler. Daschner, der sich seinerzeit etwas mit der Folter brüstete, ist Verständnis angesichts der Entführung des Jungen entgegengekommen und Empörung gleichermaßen. Letztlich blieb es beim erhobenen Zeigefinger. Damit schien die Sache "durch".

    Das Verbot der Folter kann nur absolut gelten oder es wird - scheibchenweise aufgeweicht - gar nicht gelten. Die Aufrechnung von Leben ist eine Angelegenheit von Diktaturen, unserer Gesellschaft sollte sie vom Wesen her fremd sein, auch wenn es hier und da Versuche gibt, dieses Selbstverständnis zu durchlöchern. Unter anderem von Peter Struck beim § 14 Luftsicherheitsgesetz und der begehrten ministeriellen Erlaubnis, gekaperte Passagierflugzeuge abzuschießen.

  11. 2.

    Die Frage ob die Polizei jemanden foltern darf um jemanden zu retten ist sowas von daneben! Bei so einer Fragestellung braucht mann sich nicht über die Kopfab Mentalität der afd Nazis und angeblichen Kinderschützer wundern. Mann muss nicht alles diskutieren was machbar ist - es gibt auch Dinge die ein Nogo sind und Dinge die mann aus der Geschichte gelernt hat. ( mann ist absichtlich mit 2m geschrieben weil auf so ne "Lösungen" nur Männer kommen )

  12. 1.

    Bekannt wurde Bjarne vor allem durch Stromberg. It is known;)

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