Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, r) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, l) ermitteln in einer Szene der Serie «Polizeiruf 110» (Bild: dpa/Max Kohr)
Bild: dpa/Max Kohr

Interview | Letzter "Polizeiruf 110" mit Maria Simon - "Das Thema Gewalt ist nicht mehr dienlich für die Welt"

Nach zehn Jahren und 18 Folgen quittiert Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski am Sonntag ihren Dienst im "Polizeiruf 110". Seit 2015 ermittelte sie gemeinsam mit Lucas Gregorowicz. Im Interview sprechen beide über Monstermütter, Simons Abgang und Zukunftsvisionen.

Am Sonntag, 31.01.2021, läuft um 20:15 im Ersten der rbb-Polizeiruf "Monstermutter" - es wird der letzte für Maria Simon sein. Zehn Jahre lang und in insgesamt 18 Folgen hat die in Leipzig geborene Schauspielerin, die mit ihrem Mann und fünf Kindern auf einem Hof in der Uckermark lebt, Kommissarin Olga Lenski gespielt. Zuerst an der Seite von Horst Krause - seit 2015 steht ihr bei den Kriminalfällen im "Polizeiruf 110", die im deutsch-polnischen Grenzgebiet spielen, Lucas Gregorowicz zur Seite.

Im letzten Fall von Olga Lenski geht es um den tödlichen Angriff auf eine Mitarbeiterin im Jugendamt in Frankfurt (Oder). Die Kommissarin ist schon im Resturlaub und möchte sich eigentlich in aller Stille aus dem Dienst verabschieden, wird aber für den letzten Fall zurückgeholt. Ihr Kollege Adam Raczek ist von ihrer Kündigung überrascht - und enttäuscht, dass sie ihm nichts davon erzählt hat.

rbb: Im Polizeiruf "Monstermutter" gibt es gleich mehrere Monstermütter. Was war für Sie das Spannende an diesem "Polizeiruf"?

Maria Simon: Erstmal bin ich sehr dankbar dafür, dass der letzte "Polizeiruf" für mich Mutterschaft zum Thema hat - dass sich Olga Lenski aus diesem Spagat zwischen Beruf und Kind und Familie löst. Das ist auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema, das noch viel mehr beleuchtet werden sollte.

Lucas Gregorowicz: Natürlich das Wissen darum, dass es Marias letzter Film ist. Das war der Elefant im Raum und am Set. Damit umzugehen war sehr emotional. Inhaltlich mochte ich, dass der klassische Krimi schnell abgefertigt ist - die Frage, wer es gewesen ist -, und dann geht es in ein sehr spannendes fast Thriller-Genre. Das war für mich das Aufregende.

"Monstermutter" ist ein wirklich starker Abgang für Olga Lenski, da muss sie viel einstecken. Wie war das?

Maria Simon: Es war cool, mich auch mal mit einer Frau zu prügeln und körperlich zu werden. So einen Stunt zu erarbeiten, war schön. Und das jetzt wirklich zum Abschluss zu bringen, war natürlich emotional, auch traurig und wehmütig.

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon, l.) spürt die flüchtige Täterin Louisa "Lou" Bronski (Luzia Oppermann, r.) auf und gerät ernsthaft in Gefahr (Quelle: rbb/Eikon/Oliver Feist)
Riskanter Einsatz für Maria Simon (li.) in ihrer letzten "Polizeiruf"-Folge "Monstermutter"Bild: rbb/Eikon/Oliver Feist

Warum hören Sie beim "Polizeiruf" auf?

Maria Simon: Erstmal habe ich das jetzt schon zehn Jahre lang gemacht, und das ist eine lange Zeit. Aber das war gar nicht so sehr der Beweggrund. Vielmehr stecken wir jetzt als Menschen kollektiv in einer besonders herausfordernden Zeit, die sich für meine Wahrnehmung schon lange vorbereitet hat. Als Künstlerin habe ich zunehmend gespürt, dass das Thema Mord und Gewalt nicht mehr dienlich ist für die Welt, die wir uns jetzt bauen müssen, damit wir das jetzt irgendwie alle gemeinsam schaffen.

Kommissar Adam Raczek wird im Film total überrascht davon, dass seine Kollegin ihren Job gekündigt hat. Wurden Sie im echten Leben vorher informiert? Wie ist das gelaufen zwischen Ihnen beiden?

Lucas Gregorowicz: Glücklicherweise ist Maria Simon wesentlich besser erzogen als Olga Lenski. Sie hat mich immer auf dem Laufenden gehalten, deswegen wusste ich schon lange vorher, dass Maria vorhat aufzuhören. Wir haben immer sehr offen über unsere Hoffnungen gesprochen, wie es weitergehen könnte, und über unsere Zweifel. Das sind ja viele Faktoren, die so eine Entscheidung beeinflussen. Eine mutige Entscheidung, wie ich finde, in den heutigen Zeiten. Einen festen Job aufzugeben und sich zu entscheiden, weiter zu wachsen. Was soll ich sagen? Ich finde da wären noch einige "Polizeirufe" drin gewesen.

Frau Simon, wie behalten Sie Lucas Gregorowicz in Erinnerung?

Maria Simon: Er ist ein guter Arbeitskollege, auch ein Meister seiner Kunst. Das hat viel Freude gemacht. In meinem Job kommen und gehen die Kollegen und es wird sicher auch Momente geben, wo ich denke: Ach, wär der Lucas jetzt da! Wir haben uns gegenseitig gut inspiriert, glaube ich.

Was haben Sie jetzt für Pläne?

Maria Simon: Ich sag mal so: Willste Gott zum Lachen bringen, dann erzähle ihm von Deinen Plänen. Wir stecken jetzt alle in so einer Zeit, wo wir nicht wissen, wo es hingeht. Ich habe Visionen, ich habe Wünsche - aber einen Plan habe ich nicht. Ich wünsche mir eine Spielwiese, wo ich gemeinsam mit den Zuschauern erforschen kann: Was macht uns Menschen aus? Wo liegen unsere Kräfte? Wie kann ich die mobilisieren? Was gibt’s da für Handwerkszeug? Gemeinsam zu untersuchen: Was ist alt und ist nicht mehr brauchbar für die neue Zeit, in der wir leben? Ich hätte da zum Beispiel schon eine Idee für eine Serie, aber was dann konkret wird, zu welchen Projekten ich eingeladen werde - das weiß ich noch nicht.

"Polizeirufe" sind ja im Vergleich zu den Tatorten, die inzwischen oft Komödien sind, sehr viel ernsthafter und düsterer. Herr Gregorowicz, hätten Sie denn Lust, jetzt mal eine komischere Seite des "Polizeirufs" zu erfinden?

Lucas Gregorowicz: Ich muss eigentlich immer ausgebremst werden und bin immer schnell dabei. Aber in diesem Fall ist kein Platz für Komik, und mittlerweile habe ich mich auch damit abgefunden, dass der "Polizeiruf" kein Format dafür ist. Situationskomik darf sein, eine Komödie wird’s glaub ich niemals werden. Da muss ich mich woanders austoben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Maria Simon und Lucas Gregorowicz führte Frauke Gust, rbb 88,8.

Sendung: rbb 88,8, 31.01.2021, 09:40 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Das war ne gute letzte Folge mit der Kommissarin. Liebe Grüße an die Glasower Tankstelle ;)

  2. 6.

    Gewalt war noch nie dienlich für die Welt.

  3. 5.

    Die Antwort darauf kann ich Ihnen als leidenschaftlicher Kriminalroman Leser hier sehr gerne geben. Zuersteinmal sollte man unterscheiden zwischen den abstrusen und an den Haaren herangezogenen Krimis, bei denen das Blut nur so aus den Seiten quillt. Und davon gibt es eine ganze Fülle. Doch dann gibt es diese wunderbar echt Guten unter ihnen, wo akribisch und mit Feingefühl ermittelt wird um den oder die Täter zu fassen. Letztere ziehe ich vor. Hinzu kommen die Protagonisten. Meistens sind es angeschlagen Charakter in Gestalt von Kommissar*innen oder Detektive. Versuchen Sie doch selbst einmal anstelle eines TV Krimis sich ein guten Kriminalroman zur Hand zu nehmen. Beim Lesen entwickelt sich die eigene Fantasie. Um den Vergleich zw. einen schlechten u.guten Kriminalroman zu unterscheiden, bedarf es nicht viel. Lesen Sie z.B. mal zuerst einen sehr guten Agathe Christie o. P. Highsmith Roman und dann z.B. einen von Sebastian Fitzek. Schon erkennen Sie den gravierenden Unterschied.

  4. 4.

    Vielen Dank, fand die beiden immer toll zusammen und auch allein. Viel Glück beim experimentieren Frau Simon, wäre doch schön wenn was aus den Plänen wird.

  5. 3.

    Hallo,
    ich wollte allen Regisseure/innen danken die kapiert haben wie man Filme ausstrahlt und inhaltlich die Filme verpackt. Dieser Fall ist super gut bedacht und gedacht. Echt, sehr gut! Ich hatte schon lange nicht mehr so ein gelungen Fernsehkrimifilm mit deutlichem Roten Faden gesehen. Jede Schauspielrolle konnte man verstehen. Schließlich muss man auch aufpassen, da es viele Zuschauer gibt die auch Wahrnehmungen haben.
    Das Ende von dem Fall war gut abgerundet. Nebenbei wäre es im echten Leben, auch nicht realistisch "schön" weiter verlaufen. Wenn es anders gewesen wäre. Ein wesentlicher Punkt: Die STK-Beamten/innen dargestellt zu haben, dass sie wirklich kein Blutstadt haben wollen. Sondern noch irgendwie anders "schöner" daraus kommen wollen und zwar mit realistischen Schlüssen.

  6. 2.

    Waren doch meist gute Geschichten die erzählt wurden. Auch wenn man als Einheimischer manchmal schmunzeln musste wenn beim Fahren durch die Stadt die Straßen gewechselt wurden, wie es mit dem Auto gar nicht geht, oder der gleiche Block 3-4 mal hintereinander im Hintergrund zu sehen ist.
    Ein paar mehr schönere Bilder aus FF hätte ich mir auch gewünscht. Die gibt es nicht nur im Umland.
    Wie gehts nun weiter mit dem rbb Polizeiruf?

  7. 1.

    Ich kann die Begründung von Maria Simon sehr gut verstehen und frage mich meinerseits schon seit vielen Jahren, warum so viele Menschen so unheimlich gerne vorwiegend Filme anschauen und Bücher lesen, in welchen Mord und Totschlag regieren.

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