Der Fotograf Jim Rakete steht in der Kunsthalle vor seinen Bildern von Olympiasiegern an Hamburger Kulturorten. Quelle: Christian Charisius/dpa
Audio: rbb kultur | 24.01.2021 | Frank Meyer | Bild: dpa/Christian Charisius

Interview | Fotograf Jim Rakete - "Ich bin reingefallen auf diese Lügen"

Jim Rakete geht neue Wege: Im Interview spricht der Fotograf über seinen Dokumentarfilm "Now", der sich mit der "Fridays for Future"-Bewegung beschäftigt. Nach dem Lockdown soll der Film in die Kinos kommen. Von Frank Meyer

Die Dokumentation "Now" über "Fridays for Future" ist zwar der erste Film des 70-jährigen Fotografen Jim Rakete, aber nicht seine erste Auseinandersetzung mit politischem Engagement und der Gesellschaft. Vor vier Jahren hat Rakete, der durch seine Fotos von Politiker und Stars und als Musikmanager von Bands wie Spliff oder Die Ärzte berühmt wurde, Frauen und Männer mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen fotografiert.

rbb Kultur: Herr Rakete, Sie waren in den 1990er Jahren viel in den USA, haben dort auch gelebt. War da eigentlich schon etwas zu sehen von diesem so gespaltenen, so verfeindeten, in sich so aggressiven Land, wie wir es in den letzten Jahren erlebt haben?

Jim Rakete: Damals war sehr zu spüren, dass Amerika unter diesen Kriegen ächzte, dass die Amerikaner sehr große Schwierigkeiten hatten. Die Spaltung des Landes hatte da eigentlich ein bisschen ihren Ursprung.

Sie wünschen sich, dass die Beziehungen zwischen den USA und Europa wieder enger werden. Warum eigentlich? Nach all den Jahren sehen wir, wie das US-amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu einem Präsidenten wie Trump führte. Da könnte man auch sagen, wir sollten vielleicht lieber mehr Abstand halten?

Das wäre, glaube ich, ganz falsch. Aus dem Abstand heraus ist man ein schlechter Partner. Ich glaube schon, dass es sehr wichtig ist, dass wir gerade die Sachen betonen, die uns zusammen gut gelungen sind. Das ist nicht einfach nur das transatlantische Bündnis, sondern da gibt es auch viele kulturelle Geschichten, die uns alle sehr stark beeinflusst haben.

Ich bin ein Zeuge dieser Generation, weil meine Eltern beide noch für RIAS [das West-Berliner Radio, nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-amerikanischen Militärverwaltung gegründet] gearbeitet haben. Ich bin also sehr vertraut mit den ganzen Instrumenten, die es da gab. Ob es der Künstleraustausch war oder AFN [American Forces Network, ein weltweites Netz von Rundfunkeinrichtungen der US-amerikanischen Streitkräfte] - ich finde, das hat eine großartige Tradition zwischen unseren Ländern.

Und wenn wir jetzt eine Phase erlebt haben, die - sagen wir mal - etwas abschüssiger bis tragisch gelaufen ist, umso mehr sollten wir wieder da sein und dem richtigen Präsidenten die richtige Hand geben.

Was hat Sie damals in die USA hingezogen? Was haben Sie dort gemacht?

Das war eine sehr abenteuerhafte Zeit, wir haben dort sehr viele Produktionen gemacht für Plattencover, Musikclips, Videos und auch für Modefoto-Sessions. Das geht wunderbar in Los Angeles, weil man die Wüste zwei Stunden vor der Tür hat. Das Meer ist in einer Stunde erreicht. Man hat im Grunde genommen alle neutralen Canvasses [Rahmen; Anm. d. Red.], die man braucht, um jemanden abzubilden. In der Leere der Wüste oder im leeren Horizont eines Strandes sehen große Leute halt noch größer aus - und Leute, die nicht so bedeutend aussehen, sehen dann vielleicht nach gar nichts aus. (lacht)

Es ist auf jeden Fall wie ein leeres Stück Papier.

Haben Sie jetzt auf eine gewisse Weise daran angeknüpft, als Sie den Dokumentarfilm "Now" gedreht haben? In dem geht es inhaltlich zwar um etwas völlig anderes, aber gab es da handwerklich eine Beziehung zurück in die 1990er Jahre?

Nein, es gab eine Erlebnisspur, die dahin reichte. Ich war immer völlig fasziniert davon, dass sie in Kalifornien, einem sehr fortschrittlichen Bundesstaat der Vereinigten Staaten, ganz früh Versuche begonnen haben, mit Wind- und Solarkraft alternative Energien zu gewinnen. Bei Palm Springs gab es, glaube ich, den größten Windpark der Welt. Da fuhr man immer durch ein Meer von 'Windmühlen'. Das hat mich sehr fasziniert, weil die Amerikaner komischerweise an genau der Stelle, wo sie ihren ganz großen Anfangsfehler gemacht haben, in der Ölproduktion, auch angefangen haben, diesen zu korrigieren.

Als ich vor ungefähr zweieinhalb Jahren die Chance hatte, einen alternativen Commercial zu drehen für einen Hybrid, war das natürlich ein gefundenes Fressen, um noch einmal hinzufahren und genau diese Motive wieder wachzurütteln.

Der Dokumentarfilm, dessen ganzer Titel "Now - if you fail we will never forgive you! A Film for Climate Justice by Jim Rakete" lautet, sollte im vorigen Herbst starten. Ein neuer Versuch soll am 11. März erfolgen. Es ist vor allem ein Film über die jungen Klima- und Umweltaktivist*innen, die so viel in Bewegung gebracht haben. Es ist aber auch ein Film für Klimagerechtigkeit. Sehen Sie sich als Regisseur des Films auch als eine Art Aktivist?

Nein, aber natürlich kann ich nicht verhehlen, dass mir das sehr nahe geht. Ich kann auch nicht verhehlen, dass ich auf diesem Wege, in meinem langen Leben, auch mehrmals meine Richtung ändern musste. Für uns ist es tatsächlich ein weiter Weg gewesen.

Wir hatten die Klimakrise - die sogenannte Ölkrise - Anfang der 1970er. Da haben wir eigentlich schon sehr genau Bescheid gewusst, worum es geht. Wenn man sich heute anguckt, dass wir auf eine Autolandschaft blicken, in der der Flottenverbrauch, also der Verbrauch im Durchschnitt pro Auto aller Hersteller in Deutschland, höher liegt als damals. Wir verbrauchen heute fast einen Liter mehr. Das ist erschreckend.

Am erschreckendsten fand ich, dass wir in den letzten Jahren doch auch sehr stark eingelullt waren von diesen ganzen technischen Angaben. Ich bin teilweise auch reingefallen auf diese Lügen. Plötzlich waren alle Kraftwerke so sauber, die Filteranlagen so toll und der Katalysator funktionierte so gut, dass man das größere Problem dahinter eigentlich gar nicht wahrnehmen wollte.

Ich habe Sie natürlich auch als Porträtfotograf kennengelernt. Die meisten werden Sie von Ihren beeindruckenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen prominenter Menschen kennen. Wie hat das eigentlich angefangen?

Meine ersten Schritte waren, ganz simpel gesagt, in Richtung Tageszeitung. Ich machte irrsinnig viele Fotos für Tageszeitungen und habe schon da in meiner Arbeitshaltung deutlich gemacht, dass ich ein Großfeuer nicht so schön fotografieren kann, wie zum Beispiel einen Blues-Gitarristen, der gerade aus Atlanta angereist kommt.

Je mehr ich in die kulturelle Richtung ging und vom Rockstar bis zum Schriftsteller bis zum Filmregisseur Leute fotografierte, umso leichter fiel es, mich in diese Richtung einzusetzen. Alles andere kann man zwar irgendwie, aber ich habe davon kein Herzklopfen gekriegt.

Bei der Geschichte mit den Musikern hatte ich das. Ich hatte plötzlich mit Musikern zu tun, die ich Jahre vorher auf der Schule schon irrsinnig bewundert hatte. Plötzlich saß ich backstage mit denen im Sportpalast und habe einen Kaffee getrunken. Dass das ging, fand ich unglaublich.

Das komplette Gespräch mit Jim Rakete läuft am Sonntag, 24. Januar um 19:00 Uhr bei rbb kultur (und ist dann auch hier oben im Bild mit einem Klick zu hören). Darin spricht der Fotograf und Filmemacher auch über seine Porträts, die Arbeit mit den Stars und der seiner Meinung nach wirklichen "besten Band der Welt", den Berliner Philharmonikern.

Beitrag von Frank Meyer

21 Kommentare

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  1. 21.

    Mal so in die Runde gefragt ...
    Infektion..., Corona...., Tram..., Hybrid..., Medien..., Interview..., Integration..., Fan..., Gender..., usw.

    Alles deutsche Sprache? Oder doch vll. im Laufe der Zeit, auch kürzlich erst, eher "eingedeutscht" worden?

    Solange nicht in "Pidgin" geschrieben wird, geht die Welt nicht unter. Selbst dann kann sie nur lustiger werden.

    Mit der Kritik am Schreibstil sind einige eher heavy on the woodway.

  2. 20.

    StarFM ist fast immer an. Besonders im Auto. Nur BOB will der Oldie nicht. Der dudelt jetzt als Stream auf dem Läppi. Nicht schlecht. Danke für den Tipp.

  3. 19.

    Ist klar. Als es in den Anfängen der Vereinigten Staaten darum ging, welche Amtssprache offiziell eingeführt werden sollte, unterlag die Deutsche Sprache mit nur wenigen Stimmen. Man stelle sich mal vor in den USA würde jetzt nur Deutsch gesprochen. Ein kleines Beispiel, was heute noch in den Staaten passieren kann wenn man Niesen muß, da kann es durchaus sein, das zu ihnen jemand“ Gesundheit“ sagt. Mir schon passiert. Und es stimmt. In den USA wird immer häufiger spanisch gesprochen. Eines haben wir ja mit den Amerikanern gemein, wir sind ebenso ein Einwanderungsland.

  4. 18.

    Es sprechen mehr Menschen Mandarin oder Spanisch als Englisch. In der EU ist auch nur noch ein Land übrig welches Englisch spricht, dafür haben wir zum Beispiel zwei Länder, die Deutsch sprechen. Wir sollten uns abgewöhnen Englisch als die Weltsprache zu bezeichnen, denn das kann ganz schnell kippen wenn sich die Machtverhältnisse in der Welt weiter verschieben.
    Die Integration des Englischen in die deutsche Sprache sollte auch immer sauber geprüft werden. Niemand sagt "to go", sondern "for takeaway", "Public Viewing" ist eine Beerdigung und "Handy" eher Masturbation, da es im Original "cell phone" oder "mobile phone" heißt. Tram hingegen gab es schon weit früher und ist der eigentliche Name der Straßenbahn.

  5. 16.

    Dann hoff ich mal, dass Hr Rakete da nicht einer neuen Luege aufsitzt indem er womoeglich glaubt, dass ein Hybrid- oder reiner Stromantrieb bei monstroesen PKWs und konventionellen Mobilitaetskonzepten eine echt nachhaltige und global konsumgerechte Loesung sein koennte. Sondern dass er erkannt hat, dass der riesige hiesige und (u.a.) transatlantische Ressourcen-Fussabdruck noch immer das eigentliche Problem ist - und auch bleiben wird, wenn wir nicht verdammt schnell ein paar mehr Weichen in deutlich andere Richtungen stellen. - Vllt kann er ja z.B. mal backstable ein paar Fotos von Biolandwirt*n oder backshop von Technik-Reparateur*n machen, falls er gerade wieder keine Lust auf reine Schoengeister hat.

  6. 15.

    Es gibt durchaus Leute, die sich vorher zumindest soweit mit der Landessprache vertraut machen, dass sie dort dann nicht ganz doof dastehen. Sie nicht? :-)

  7. 14.

    ...umso mehr, als jeder englische Muttersprachler einfach "von zuhause aus arbeitet" - keiner "makes home office"... :-)

  8. 13.

    Merkwürdig ist nur Ihr Kommentar:
    Es geht Hannah, wie allen anderen die den schlechten Umgang mit unserer Muttersprache anprangern, sicher nicht um die Weltsprache Englisch, die wichtig ist und ihre Nutzung im Gespräch mit nicht deutsch sprechenden Menschen hier oder im Ausland erforderlich ist, aber:
    Ein Berlin-Brandenburger Sender führt ein Interview mit einem Berliner Fotografen für eine überwiegend der deutschen Sprache mächtigen Leserschaft. Hier sollte man einfach erwarten, dass nicht sinnlos mit Anglismen herumgeworfen wird.
    Damit Sie das nicht in den falschen Hals bekommen: Ich bin durchaus ein Fan der englischen Sprache. Aber alles zu seiner Zeit und dort wo es angebracht und notwendig ist.
    Bitte denken Sie zukünftig mal darüber nach, bevor Sie solchen Unsinn schreiben.
    Thank you for your attention...and stay healthy

  9. 12.

    Ich hoffe sehr, sein Film enthält auch viele Blicke nach Fernost bzw. China und Indien. Denn da wird der „Krieg ums Klima“ (leider wohl) entschieden. Hier findet nur eine vergleichsweise kleine Schlacht dazu statt.

  10. 11.

    @mainman Your answer is incomprehensible to me. I sincerly apologize. Best regards. :)

  11. 10.

    Die Frequenz 87,9 ist doch in Berlin mit StarFM immer noch gut besetzt und weitaus hörbarer als die Masse der Radiosender. Well und dank DAB+ kann man den alten Ami immer noch täglich bei Radio Bob! hören

  12. 9.

    Merkwürdiger Kommentar von Ihnen, englisch ist DIE internationale Sprache. Was machen Sie, wenn Sie ins Ausland in den Urlaub fahren? Lernen Sie dann jedesmal vorher die Landessprache?
    Oder gehören Sie zu der Gruppe Menschen die erwarten, dass alle überall Deutsch sprechen, aus Faulheit!

  13. 8.

    Ich sehe das wie Sie, Kurt und Wossi, beim RBB und woanders ist alles nur noch Deal, Statement, Hotspot, Home-Office, Homescooling, Lockdown, Airport, Airline und die Straßenbahn wird immer mehr zu Tramway. Dabei gibt es für alles bessere sich selbst erklärende und präzisere deutsche Wörter. Beispiele: Infektionsherd, Infektionsbündel, Infektionsschwerpunkt, Heimbüro, Heimbeschulung, Corona-Einschränkungen, Corona-Beschränkungen, Corona-Stillstand, Fluglinie, Luftfahrtgesellschaft, Fluggesellschaft, Erklärung, Stellungnahme usw. Warum das so ist, keine Ahnung? Faulheit?

  14. 7.

    AFN ... gleich "den alten Ami" - Rik De Lisle im Kopf. UKW 87,9 - gleich nach dem "Polizeifunk" ;-).

  15. 5.

    Neben einer teilweisen Fehlentwicklung im Automobilbau, die nicht zu leugnen ist, sind jedoch auch andere Gründe für den heutigen höheren Flottenverbrauch entscheidend:
    Wir haben so wenig Unfallverletzte und -tote wie niemals zuvor, weil die Fahrzeuge immer sicherer geworden sind.
    Diese Technik ist sehr umfangreich und bringt entsprechend erheblich mehr Gewicht mit sich. Das hat zur Folge, dass mehr Motorleistung nötig ist, um die Autos adäquat anzutreiben (klar, es werden auch viel „Fun-PS“ verbaut).
    Natürlich sind die Autos über die Jahrzehnte auch größer geworden, da die Ansprüche an den Platzbedarf gestiegen sind. Außerdem ist heute neben der Sicherheitstechnik auch wesentlich mehr Comfortausstattung üblich.
    Heutzutage sind sehr viel mehr Menschen beruflich (z.B. im Vertrieb) mit dem Auto unterwegs. Fahrzeuge der damaligen Größe, Leistung & Ausstattung würde unter dem heutigen Druck im Job wohl kein Außendienst mehr fahren wollen.

    Also JR, bitte keine Äpfel-Birnen Vergleiche

  16. 4.

    Auch in diesem Artikel wird wieder falsche Gender-Grammatik absichtlich verwendet. Oder würde der Autor auch „Revolutionäre*innen“ oder „Obdachloser*innen“ oder auch „Putschist*innen“ sagen? Bis mal einer wegen ausgrenzender Sprache klagt...

  17. 3.

    Für mich einer der Besten schwarz/weiß Fotografen Deutschlands. Er gab mir sogar mal den Tipp, ruhig auch ohne Blitz zu Fotografieren. Nicht jedes Photo muß immer gestochen scharf sein. Amerikanische Verhältnisse haben wir bereits. Besonders was Minijobs, zeitbefristete Jobs anbelangt. Wer nicht pariert fliegt raus. Schlechte Angewohnheiten werden von Unternehmen schnell gerne übernommen. Aber ich behaupte, man muß dieses große Land mal mit eigenen Augen gesehen u. erlebt haben. California ist für mich schon zur zweiten Heimat geworden. Ich liebe San Francisco, die Leute und die Umgebung. Allerdings haben die verheerenden Waldbrände vieles zerstört. Und an Kurt Wilhelm gerichtet: englisch ist die internationale Sprache.

  18. 2.

    Eigentlich bräuchte man nichts erklären, wenn man als Deutscher bei seiner Sprache bleiben würde! Aber mit so ein paar Worten in Englisch, hört es sich ja für viele, sehr viel interessanter an. Anstatt Ausgangssperre benutzt doch heute schon jeder das Wort Lockdown, hört sich eben gebildeter an und die deutsche Sprache geht den Bach runter. Vieles liegt aber auch an den Medien selbst.

  19. 1.

    Ich finde es gewagt, "Canvas" mit "Rahmen" zu erklären. Das ist doch eher die Leinwand und nicht der Frame drumherum.

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