Archivbild: Philipp Harpain, Leiter vom Berliner Grips Theater, steht vor dem Theater. Der Leiter eines der wichtigsten deutschen Jugendtheater hält Kinder für politischer als oft angenommen. (Quelle: dpa/T. Heldenberg)
Bild: dpa/T. Heldenberg

Berlin - Berliner Kinder- und Jugendtheater entwickeln neue Konzepte im Lockdown

Was machen Berliner Kinder- und Jugendtheater im Lockdown ohne Publikum? Das Atze schickt Künstler in die Kieze vor die Haustüre. Das Theater an der Parkaue setzt auf virtuelle Aufführungen. Und das Grips hat eigene Hörspiele und Rätsel. Von Ines Kunze

Es ist eine schwierige Zeit für Kultureinrichtungen, darunter auch für die, die für kulturelles Kinder- und Jugendprogramm sorgen: Kaum durften die Kinder wieder in die Schulen, erzang der Lockdown light die Schließung der Kulturbetriebe. Momentan sind sowohl die Schulgebäude als auch die Theaterbühnen leer – der verlängerte harte Lockdown sorgt nicht gerade für gute Stimmung.

Archivbild: Das Atze Musiktheater von außen, Luxemburger Straße, in Berlin Wedding. (Quelle: dpa/Schoening)
Atze Musiktheater in WeddingBild: dpa/Schoening

Aber die Vertreter der Kulturszene für Kinder und Jugendliche in Berlin wären keine Künstler, wenn sie nicht auch diese Krise kreativ nutzen würde. Im Atze-Musiktheater etwa nahm man die Schließung als Anlass, das Konzept Theater einmal komplett zu überdenken. "Und uns einfach die Frage zu stellen", sagt Intendant Thomas Sutter, "ist denn die Theaterform, dass Menschen zu uns ins Haus kommen, eigentlich die richtige - und die einzige?" Herausgekommen ist ein Konzept, bei dem das Atze-Musiktheater seine Leute selbst auf die Reise schickt – in die Kieze, in Parks, direkt vor die Haustür des Publikums. Ein Theatererlebnis, für das man nur die Fenster aufmachen muss – klingt spannend, war und ist aber in erster Linie eine behördliche Herausforderung. "Das hat mich unglaublich geärgert, weil ich denke, wie kann man in solchen Zeiten uns nicht einfach so einen Stempel geben und sagen: Fahrt da rum und erfreut die Leute", so Sutter.

Die Hürde der Digitalisierung

Dabei sei es für Kinder unglaublich wichtig, Theatererfahrungen zu machen, sagt der geschäftsführende Direktor und kommissarischer Intendant des Theaters an der Parkaue, Florian Stiehler. Und dies könne nicht zu lange herausgezögert werden: "In der jugendlichen Entwicklung entspricht ja ein Jahr in etwa fünf Jahren im erwachsenen Alter - da finden Entwicklungen statt, die extrem wichtig und vielschichtig sind". Die aktuelle Lage sei für Kinder und Jugendliche "wirklich eine dramatische Situation".

Deswegen versucht es das Theater an der Parkaue zurzeit mit virtuellem Theater, doch das scheitert oft schon an der digitalen Infrastruktur. Besonders bei der Arbeit mit geflüchteten Kindern fehle es oft an Smartphones oder Computern. Das Theater ist auf Spenden angewiesen. Dies sei besonders wichtig, "da die Angebote in solchen Einrichtungen im Lockdown praktisch auf null sind", so Stiehler.

Archivbild: Theater An Der Parkaue (Staatstheater für Kinder und Jugend) in Berlin. (Quelle: dpa/C. Behring)Theater an der Parkaue in Lichtenberg

Hörspiele, Videos und Rätsel

Beim Grips-Theater, bekannt für das Musical "Linie 1", funktioniert das Alternativprogramm momentan ganz gut. Neben dem "Grips-Blog" gibt es das "Grips-Powerpaket", bei dem das Theater Grundschulen - auch postalisch - CDs und Anleitungen zum "Selbst Theater machen" schickt. Das Feedback: sehr positiv. "Die Leute sagen: Prima, damit können wir was anfangen", erzählt Leiter Philipp Harpain. Auch der Blog kommt gut an: 85.000 Aufrufe gab es schon, aus 53 Ländern. "Und das freut uns natürlich sehr, ich fand es völlig verrückt, als ich diese Statistik gesehen hab".

Zwar auch digital, aber für Ideen suchende Eltern eine wahre Fundgrube ist das Corona-Kinderprogramm des Konzerthauses Berlin. Von Hörspielen über Bastel-Mit-Mach-Videos zu Rhythmusrätseln, gibt es auf der Website viel zu entdecken. Damit wolle man dem Bildungsauftrag nachkommen, aber auch gerade denen kulturelle Angebote bieten, die in der Krise bisher zu kurz gekommen sind, sagt Elena Kountidou, Direktorin für Kommunikation und digitale Vermittlung: "Man denkt erst mal immer an das Konzertpublikum im Saal, das ist natürlich sehr wichtig, aber ich finde die großen Leidtragenden dieser Zeit sind auch Kinder und Jugendliche." Die schönste Reaktion darauf: selbst gemalte Bilder der Kinder.

Hoffnung auf die Zeit danach

Trotz aller Alternativprogramme sei die Vorfreude auf eine Wiedereröffnung riesig, sagt Philipp Harpain vom Gtips-Theater: "Die Idee, dass Kinder- und Jugendtheater damit zuerst anfangen sollen, die vom Berliner Senat so rausgegeben worden ist, finden wir auch richtig". Auch Thomas Sutter vom Atze-Musiktheater hat einen Wunsch: "Dass uns unser Publikum nicht vergessen soll! Und sie sollen auf unsere Internetseite gehen und nachschauen, wann wir irgendwo draußen spielen, und hinkommen."

Florian Stiehler vom Theater an der Parkaue hat eine Bitte an die Politik: "Wenn wir wieder aufmachen und dann Kürzungen im Theaterbudget zur Sprache kommen, dann dürfen die nicht im Bereich der Kinder und Jugendlichen stattfinden. Sondern dann muss man wirklich nachholen, was jetzt gerade nicht gemacht werden kann."

Sendung: Inforadio, 10.1.2020, 8 Uhr

Beitrag von Ines Kunze

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